Psychopathen, Psychiater und Psychonauten

"Cloak and Dagger". Das Preisschild verdeckt ein Hakenkreuz

Teil 1: "Besondere Verhörmethoden" im Kalten Krieg

Barack Obamas Plan, sich lieber dem Morgen als dem Gestern zu widmen, scheint nicht aufzugehen. Der US-Justizminister erwägt, einen Sonderermittler einzusetzen, der Foltervorwürfe gegen CIA-Leute überprüfen soll. Senatoren fordern eine Untersuchungskommission zu Bushs und Cheneys Geheimprogrammen im Anti-Terror-Kampf. Sollte wirklich entschlossen aufgeklärt werden, könnte sich herausstellen, dass das Gestern bereits das Morgen war.

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Nein, sagt der Zeuge John Gittinger, die roten Vorhänge habe er nie gesehen. Er könne sich auch nicht mehr genau erinnern. Das alles sei lange her, und er habe kaum Zeit zur Vorbereitung gehabt. Ja doch, bei den Tests sei LSD zum Einsatz gekommen, auch über Cannabis habe man diskutiert, aber direkte Informationen habe er so gut wie keine. Er sei nur ein kleiner Psychologe gewesen. Und überhaupt:

Das ist jetzt der Teil, über den zu reden mir schwerfällt, und es tut mir leid, dass ich dazu gezwungen bin. In Verbindung mit der Arbeit, die wir machten, brauchten wir Informationen über sexuelle Gewohnheiten. Morgan Hall beschaffte mir Informantinnen, mit denen ich über die sexuellen Gewohnheiten sprechen konnte, für die ich mich interessierte. Während eines gewissen Zeitraums wurde das konspirative Haus, soweit es mich betraf, nur für diese besondere Art von Befragung genutzt.

Es ist das Jahr 1977. Der Auftritt John Gittingers vor dem für die parlamentarische Kontrolle der Geheimdienste zuständigen Unterausschuss des US-Senats sorgt für Heiterkeit. Senator Ted Kennedy zieht dem mit Erinnerungslücken kämpfenden Zeugen folgenden Sachverhalt aus der Nase: Von 1955 bis 1965 unterhielt die CIA in San Francisco ein von einem Agenten mit dem Decknamen "Morgan Hall" geleitetes Bordell, in dem den Freiern ohne deren Wissen LSD und andere bewusstseinsverändernde Substanzen verabreicht wurden. Das geschah im Rahmen eines Feldversuchs zur Erforschung und Erprobung "besonderer Verhörmethoden".

Viel gelacht wurde auch, als Gittingers Kollege David Rhodes von einem zweiten konspirativen Haus berichtete, das außerhalb von San Francisco lag und für Experimente genutzt wurde, bei denen man mehr Ruhe und Abgeschiedenheit brauchte. Die CIA hatte einen Chemiker der Stanford University mit einem großzügig dotierten Forschungsauftrag ausgestattet. Im Gegenzug lieferte dieser Herr regelmäßig Substanzen, mit denen die Feinde der freien Welt schikaniert und zermürbt werden sollten: Stinkbomben, Juck- und Niespulver, zu Durchfall führende Tropfen. Ausprobiert wurde das alles an den angelockten Freiern. Im Hof wurde mit einer Wurfmaschine experimentiert, die einen übel riechenden Gegenstand 30 Meter weit schleudern konnte.

Besonders stolz war man auf eine LSD-Sprühdose. Rhodes und ein weiterer CIA-Psychologe zogen eine Woche lang durch die Bars von San Francisco, um Männer zu einer Party einzuladen. Aber das Wetter war gegen sie. Am Tag der Party war es so warm, dass die Geheimagenten Türen und Fenster nicht lange genug geschlossen halten konnten. Deshalb hing zu wenig LSD in der Luft. Um das Experiment doch noch zum Erfolg zu führen, so Rhodes vor dem Ausschuss, habe sich Gittinger für einen Selbstversuch im Klo eingeschlossen. High sei er allerdings auch nicht geworden. Wenigstens bescherte Rhodes' Aussage der Washington Post eine schöne Schlagzeile: "The Gang That Couldn't Spray Straight".

In der Öffentlichkeit entstand so der Eindruck, als habe sich hier ein Haufen von Stümpern zusammengefunden, um auf Kosten des Steuerzahlers mit Scherzartikeln herumzuspielen. Dabei gab es eigentlich nichts zu lachen. Diese Experimente waren Teil von MKULTRA, dem geheimsten aller amerikanischen Geheimprojekte im Kalten Krieg. Eine unbekannte Zahl von Versuchspersonen trug bleibende Schäden davon, einige wurden vermutlich sogar umgebracht. Und wie so viele beginnt auch diese Geschichte im Dritten Reich.

Agent Sharkey (James Cagney) und verschärfte Verhörmethoden im Gestapo-Hauptquartier(aus dem Film "13 Rue Madeleine")

1946 inszenierte Henry Hathaway mit behördlicher Unterstützung einen halbdokumentarischen Film über die Arbeit einer vier Jahre zuvor gegründeten (und 1945 wieder aufgelösten) Einrichtung, von der die meisten Zuschauer bis dahin gar nichts wussten: des Office of Strategic Services (OSS), der Vorläuferorganisation der Central Intelligence Agency (CIA). Der Titel, 13 Rue Madeleine, ist zugleich die Adresse des Gestapo-Hauptquartiers im besetzten Le Havre und suggeriert, dass der OSS nur ins Leben gerufen wurde, weil die anderen angefangen hatten. Das erfahren wir auch durch die Stimme eines Erzählers: Nach dem Angriff auf Pearl Harbor und angesichts der vielen deutschen und japanischen Agenten im Land habe der Präsident erkannt, dass auch die USA einen Geheimdienst brauchten. Diese Begründung hörte man später immer wieder: Wir müssen unangenehme, mitunter verfassungswidrige Dinge tun, weil der Feind das auch so macht (oder es machen würde, wenn er könnte).

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Die erste Viertelstunde des Films ist der Auswahl und Ausbildung der OSS-Rekruten gewidmet. Dabei schleicht sich gleich ein deutscher Agent mit ein. Vordergründig geht es im Rest des Films um deutsche Raketen und die Invasion in der Normandie. Aber im Grunde wird nur der Krieg der Agenten behandelt. Dabei bekommt man rasch das Gefühl, dass OSS und Gestapo sich selbst genug sind, den Rest der Welt eigentlich nicht brauchen (ein Eindruck, der sich auch bei vielen Aktivitäten der real existierenden Geheimdienste einstellt).

Am Ende unterziehen die Deutschen den US-Geheimagenten Bob Sharkey (James Cagney) einem - wie man heute sagen würde - "verschärften Verhör" (foltern tun nur die anderen, und später dann Jack Bauer). Sharkey wird geprügelt und ausgepeitscht. Diese mittelalterlich anmutenden Methoden stehen in scharfem Gegensatz zum Anfang, wo man erfährt, dass Sharkey ein "Gelehrter" ist und die Eliteuniversitäten aufgezählt werden, an denen die OSS-Rekruten studiert haben. Auch Sharkeys Gegenspieler von der Gestapo ist ein gebildeter Mensch. Man ahnt, dass solche Leute nicht auf die Methoden der Inquisition beschränkt sind. "Die Army und die Navy", schreiben Corey Ford und Alastair MacBain in Cloak and Dagger (1946), einer "geheimen Geschichte des OSS", "kämpften wie Gentlemen und Soldaten; die Mitglieder des OSS bekämpften den Feind mit seinen eigenen Waffen und nach seinen eigenen Regeln." Aber was heißt das jetzt?

1936 verkündete Reichsärzteführer Wagner die "Neue Deutsche Heilkunde". Die Schulmedizin, so Wagner, werde man zurückdrängen und lieber auf die Heilkraft der Kräuter vertrauen. Rudolf Höß zufolge war es der Wille der Partei, "das deutsche Volk von gesundheitsschädigenden fremden Gewürzen und künstlichen Medikamenten abzubringen und auf den Gebrauch natürlicher Heilkräuter [...] umzustellen". Als ehemaliger Blockführer in Dachau und als Lagerleiter von Auschwitz kannte er sich aus. Jedes KZ hatte seinen Kräutergarten. Im Dachauer Moos wurden in Sklavenarbeit 20 Hektar Moorland nutzbar gemacht. Die hier angebauten Gewürze deckten fast den gesamten Bedarf der Wehrmacht und der SS.

Die Häftlinge wurden nicht nur als kostenlose Arbeitskräfte missbraucht, sondern auch als menschliche Versuchskaninchen. Das war ein einträgliches Geschäft. Für etwa 700 Reichsmark konnten deutsche Pharmaunternehmen einen Menschen kaufen, an dem sie ihre Medikamente ausprobieren durften. Die Gesundheit der Probanden spielte dabei keine Rolle. Auch die SS und die Gestapo erteilten Forschungsaufträge an die KZ-Ärzte. Ihr Interesse galt der Suche nach einer bei Verhören einsetzbaren Wahrheitsdroge und nach einem Aufputschmittel für Soldaten und Rüstungsarbeiter. Bei schrecklichen Menschenversuchen, die nur in einem KZ möglich waren, wurde mit Meskalin, Barbituraten und Morphinderivaten experimentiert. In Auschwitz führte Dr. Bruno Weber Gehirnwäsche-Versuche an Widerstandskämpfern durch. In Buchenwald und Sachsenhausen wurden Studien betrieben, bei denen Probanden täglich bis zu 100 Tabletten der "Endsieg-Droge" Pervitin schlucken mussten (ein Amphetamin).

In Dachau forschte, Werner Pieper zufolge (Nazis on Speed), Dr. Kurt Plötner in leitender Funktion für Volk und Vaterland. 1944 stieg er vom SS-Internisten zum Abteilungsleiter des "Instituts für wehrwissenschaftliche Zweckforschung" auf. 1945 tauchte er unter, um einige Jahre als der unauffällige "Herr Schmidt" zu verbringen. 1954 wurde er, nun wieder als Dr. Plötner, von der medizinischen Fakultät der Universität Freiburg zum außerordentlichen Professor ernannt, obwohl man dort seine Vorgeschichte kennen musste. Wir Deutsche haben also keinen Grund, uns über die Amerikaner zu mokieren, die kaum Berührungsängste kannten, wenn es darum ging, NS-Wissenschaftler zu Kalten Kriegern umzuschulen.

Das OSS nahm 1942 die Suche nach der Wahrheitsdroge auf. Unklar ist dabei, ob die Amerikaner von den Experimenten der Deutschen erfahren hatten oder selbst auf die Idee kamen. Während die KZ-Ärzte Meskalin bevorzugten, entschloss sich das OSS im Frühjahr 1943 zu einer Versuchsreihe mit Marihuana. Aus Sicherheitsgründen wurde das Unternehmen dem Manhattan Project angegliedert. Die Entwicklung der Atombombe war das geheimste und am besten abgeschirmte Projekt, das es damals gab. Weil die geheime Welt oft absurd ist, meldeten die Leiter des Manhattan Project zwölf ihrer Mitarbeiter als die ersten Freiwilligen. Die Probanden schluckten das Marihuana als flüssiges Konzentrat und übergaben sich. Kaum eine Wirkung zeigte das Inhalieren von Marihuana-Dämpfen. Dann erfand der Geheimdienst etwas, das man in der realen Welt längst kannte: den Joint.

Der erste Feldversuch begann am 27. Mai 1943 in New York. "Wild Bill" Donovan, der Chef des OSS, hatte sich von der Armee Captain George White ausgeliehen, von Beruf Agent des Federal Bureau of Narcotics, der Drogenpolizei. White, der den Decknamen "Morgan Hall" erhielt, kannte August Del Gracio, einen zur Bande von Lucky Luciano gehörenden Mafioso. Bei einem Treffen bot er ihm mit einem Marihuanaextrakt versetzte Zigaretten an. Del Gracio wurde gleich sehr redselig, wobei nicht klar ist, ob das die Wirkung der Zigaretten war oder ob der Gangster generell den Mund nicht halten konnte. Bei einem zweiten Treffen hatte White die Zigaretten mit so viel Marihuana versetzt, dass Del Gracio ohnmächtig wurde. Der Versuch galt trotzdem als Erfolg. Hier wird schon ein Muster deutlich: der US-Geheimdienst wählte am liebsten Versuchspersonen aus, von denen nicht zu befürchten war, dass sie die Sache öffentlich machen würden, falls sie herausfinden sollten, was mit ihnen geschehen war; Leute, bei denen man immer sagen konnte, dass sie es schon irgendwie verdient hätten, falls etwas schiefgehen sollte.

White und ein weiterer Agent fuhren nun nach Atlanta, Memphis und New Orleans, wo sie in Armeekasernen ihre Zigaretten an einem guten Dutzend Soldaten ausprobierten, die verdächtigt wurden, Kommunisten zu sein. Weil White gern Arbeit und Vergnügen verband, machten sie unterwegs einige Selbstversuche. Viele dieser Operationen aus den Anfangsjahren von OSS und CIA erinnern an einen aus dem Ruder gelaufenen Kindergeburtstag, oder an die Streiche pubertierender Jugendlicher. Der zweite Agent hat John Marks (Autor von The Search for the "Manchurian Candidate) erzählt, dass er und White nach einem der Verhöre in New Orleans bekifft auf ihren Hotelbetten lagen, von wo aus White mit einer 22er Automatik seine Initialen in den Stuck an der Zimmerdecke schoss.

Auf den 16.000 Seiten aus OSS- und CIA-Beständen, deren Freigabe John Marks in den 1970ern erstritt, sind alle Namen und auch sonst noch größere Passagen geschwärzt. Vieles von dem, was mit "Agent Hall" zu tun hat, lässt sich rekonstruieren, weil George White von der ganzen Heimlichtuerei nichts hielt. Whites Witwe schenkte seine privaten Papiere dem Foothills College in Los Altos (Kalifornien), wo man sie jetzt einsehen und viele Klarnamen lesen kann. Daraus zu schließen, dass irgendwann doch alles ans Licht kommt, wäre vermutlich naiv. 1973 wurden in den Archiven der CIA die wissenschaftlichen Aufzeichnungen über die jahrzehntelangen Experimente zur Bewusstseinskontrolle vernichtet. Dafür, dass die vielen Versuche zum Programmieren von Menschen letztlich erfolglos blieben, hat man nur das Wort diverser CIA-Bosse. Nachprüfen kann man es nicht.

Nach Whites Vergnügungsreise durch die Südstaaten scheinen die Experimente eingestellt worden zu sein, weil man beim OSS nicht wirklich glaubte, dass ein Joint einen Verdächtigen dazu bringen würde, anderen seine Geheimnisse zu verraten. Aber was war mit Hypnose? Konnte ein Hypnotiseur andere Leute zu seinen willenlosen Werkzeugen machen, so wie Dr. Caligari den Somnambulen nachts losschickt, um Morde zu begehen und die Jungfrau Jane zu verschleppen? Stanley Lovell, Leiter der OSS-Abteilung für Forschung und Entwicklung, arbeitete folgenden Plan aus: Einem deutschen Kriegsgefangenen wird unter Hypnose der Hass auf die Nazis und außerdem der Gedanke einprogrammiert, Adolf Hitler umbringen zu müssen. Der programmierte Attentäter wird dann zurück nach Deutschland geschickt, wo er wie unter Zwang den Führer tötet.

Die meisten der von Lovell befragten Psychiater und Psychologen hielten das für unmöglich. Allerdings gab es da noch George Estabrooks, den Leiter des Psychologischen Instituts der Colgate University. Estabrooks war überzeugt vom militärischen Potential der Hypnose und meldete sich seit den frühen 1930ern immer wieder mit phantasievollen Vorschlägen bei der Army. Er ging gern in Hypnose-Shows und machte Versuche mit seinen Studenten. Der experimentelle Beweis, dass eine hypnotisierte Person auch ein Verbrechen begehen würde, war ihm jedoch zu riskant. Wenn die Regierung die Verantwortung übernehmen würde, so Estabrooks, wäre das dagegen kein Problem:

Alle ‚Unfälle', die vielleicht im Lauf der Experimente passieren werden, verbucht man einfach unter Gewinne und Verluste; das ist eine Lappalie verglichen mit der enormen Verschwendung von Menschenleben, die ein fester Bestandteil des Krieges ist.

Das OSS lehnte schließlich ab. Der enttäuschte Professor verlegte sich auf die Publizistik. Er sah es als seine Pflicht an, die Amerikaner vor den Gefahren einer Unterwanderung mittels Hypnose zu warnen. Sein bekanntestes Werk ist der gemeinsam mit Richard Lockridge verfasste Roman Death in the Mind (1945): Der Kapitän eines amerikanischen U-Boots schießt auf eines der eigenen Schiffe. Auch anderes Personal der Alliierten macht plötzlich Dinge, die man so nicht erwarten würde. Geheimagent Johnny Evans findet heraus, dass sie unter hypnotischer Kontrolle der Nazis stehen. Sogar die schöne Agentin, die er liebt, ist betroffen. Dann wird sie auch noch gefoltert. Johnny beschließt, die Nazis mit ihren eigenen Waffen zu schlagen ...

Als am 9. Dezember 1946 in Nürnberg der Prozess gegen 20 KZ-Ärzte begann, saßen Agenten im Publikum, die hofften, mehr über die Experimente zu erfahren. Es kam aber nichts zur Sprache, was nicht bereits in den in Dachau und in anderen Lagern beschlagnahmten Akten dokumentiert war. Einer Theorie nach sollten die Agenten darauf achten, dass vor Gericht nichts über die als top secret eingestuften Experimente verraten wurde. Denn auch der Feind - das waren jetzt die Russen - hörte mit. Beim Nürnberger Ärzteprozess gab der 1. amerikanische Militärgerichtshof eine Erklärung über "zulässige medizinische Versuche" ab. Der "Nürnberger Ärztekodex" nennt 10 Punkte, die unbedingt befolgt werden müssen: die Versuchsperson muss zugestimmt haben, es darf kein vorhersehbarer Schaden drohen etc. Danach konnte sich eigentlich niemand mehr darauf herausreden, nicht gewusst zu haben, was erlaubt ist und was nicht.

Gleich nach dem Sieg über die Deutschen wurden führende NS-Wissenschaftler, die den Amerikanern ins Netz gegangen waren, nach Schloss Kranzberg bei Frankfurt gebracht und dort verhört. Im Sommer 1945 lief die Operation Paperclip an. Nach Angaben von Regierungsbehörden wurden in den nächsten Jahren einige hundert deutsche Forscher in die USA gebracht und zumeist sehr schnell eingebürgert; unabhängigen Schätzungen zufolge waren es mehr als 5000. Offiziell kamen für die Operation nur solche Wissenschaftler in Frage, die keine Kriegsverbrechen begangen hatten. Tatsächlich spielte aber lediglich die rein fachliche Qualifikation eine Rolle. Der bekannteste der "Paperclip Boys" war Wernher von Braun, der Vater des US-Raumfahrtprogramms (mehr dazu in The Paperclip Conspiracy von Tom Bower und in Mondsüchtig von Reiner Eisfeld).

In der paranoiden Welt des Kalten Kriegs war die entscheidende Frage, wer dabei behilflich sein konnte, einen Vorteil gegenüber der anderen Seite zu erringen. Der Rest war zweitrangig. So fanden sich bald nicht nur die Luftfahrtpioniere um von Braun in den USA wieder, die mit Sklavenarbeitern aus dem KZ Dora für Hitler die V- und die V2-Rakete gebaut hatten, sondern auch SS-Ärzte und andere Experten für chemische und biologische Kriegsführung. Einige von ihnen setzten in amerikanischen Laboratorien die Gehirnwäsche-Experimente fort, die sie im Dritten Reich begonnen hatten. Am besten traf es Dr. Friedrich Hoffmann, einer der führenden deutschen Giftgasexperten. Weil das Chemical Corps der US-Armee mehr über Tabun und Senfgas wissen wollte, machte er Versuche mit Hunden, Katzen, Mäusen und US-Soldaten, die sich "freiwillig" gemeldet hatten. Später reiste er im Auftrag der CIA quer durch die Welt, um an den exotischsten Orten nach in der Natur vorkommenden Hallizunogenen zu suchen. Der weniger weltgewandte Dr. Karl Tauböck war eher ein Mann für das Labor. Er hatte in einem früheren Leben im Auftrag der Gestapo mit halluzinogenen Extrakten der in den KZs angebauten Heilpflanzen geforscht und diese unter anderem an Wehrmachts-Offizieren getestet, die im Verdacht standen, ein Attentat auf Hitler zu planen.

Dr. Hoffmann, der Indiana Jones der Hallizunogene, hatte seine Reisetätigkeit einem Kollegen aus der Schweiz zu verdanken. Albert Hofmann stellte am 16. November 1938 in einem Labor des Pharmakonzerns Sandoz LSD her. Fast fünf Jahre später, am 16. April 1943, kam er versehentlich mit der Substanz in Berührung, die über die Haut oder über die Atemwege in seinen Blutkreislauf gelangte. Hofmann erlebte den ersten LSD-Trip der Geschichte (mehr dazu in seinem Buch LSD - Mein Sorgenkind). 1947 erschien in einer Schweizer Fachzeitschrift ein Aufsatz über die Wirkung der Droge. Die soeben gegründete CIA scheint das zunächst nicht mitbekommen zu haben. Dort war man sehr mit sich selbst beschäftigt.

Wie bei solchen Neugründungen üblich, stritten die Abteilungen um Geld, Personal und Zuständigkeiten. Wer keine wissenschaftliche Ausbildung hatte, beschäftigte sich sowieso lieber mit der Populärkultur. Estabrooks' Death in the Mind hatte sich gut verkauft und erlebte 1947 eine Neuauflage. Im November 1949 lief Otto Premingers Film Whirlpool an. Gene Tierney spielt darin die mit einem Psychiater verheiratete Kleptomanin Ann, die scheinbar Hilfe beim Hypnotiseur David Korvo (José Ferrer) findet. Tatsächlich bringt Korvo Ann unter seine Kontrolle, worauf sie in Trance in das Patientenarchiv ihres Mannes einbricht.

"Whirlpool"

Der CIA-Mann Morse Allen war von den offenkundigen Möglichkeiten der Hypnose so begeistert, dass er alles las, was er zum Thema finden konnte. 1951 fuhr er nach New York, um bei einem bekannten Bühnen-Hypnotiseur einen 4-tägigen Einführungskurs zu besuchen. Der Magier war ein Angeber. Zurück in Washington, berichtete Allen seinen Vorgesetzten, dass sein Lehrmeister pro Woche durchschnittlich fünf Mal Sex mit durch Hypnose willig gemachten Frauen habe. Dann begann er - mit Genehmigung von oben - mit eigenen Experimenten. Nach Büroschluss hypnotisierte er junge Sekretärinnen und brachte sie dazu, geheime Akten zu stehlen und an Fremde weiterzugeben. Zumindest Allen war davon überzeugt, dass er dazu in der Lage war, den jungen Damen seinen Willen aufzuzwingen.

Aber den Anstoß, die schon länger geplanten Programme zur Verhaltens- und Bewusstseinskontrolle endlich konkret anzugehen, gab kein Roman und kein Film, sondern der im Februar 1949 stattfindende Schauprozess gegen József Kardinal Mindszenty. Der Primas von Ungarn wirkte wie ein Zombie und gestand mit glasigem Blick Verbrechen, die er nicht begangen hatte. Bei der CIA glaubte man, dass die Russen den Kardinal durch Drogen und Hypnose zu ihrem willenlosen Werkzeug gemacht hatten. Im Sommer 1949 reiste der Chef der Abteilung für Scientific Intelligence nach Europa. Um besser beurteilen zu können, was die Russen gemacht hatten, wendete er bei Flüchtlingen aus dem Osten und von dort zurückgekehrten Kriegsgefangenen "besondere Verhörmethoden" an (Drogen und Hypnose). Wieder daheim, empfahl er, ein Team nach Europa zu schicken. Zu weiteren Experimenten.

Bei der CIA verfestigten sich allmählich die bürokratischen Strukturen, und der Chef der Sicherheitsabteilung, die Penetrationsversuche des Feindes abwehren sollte, schlug vor, alle Aktivitäten auf dem Gebiet der Hypnose und sonstiger Manipulationen des menschlichen Bewusstseins zusammenzufassen, am besten unter seiner Führung. Am 20. April 1950 genehmigte der Direktor das Projekt mit dem Codenamen BLUEBIRD und dessen verdeckte Finanzierung. BLUEBIRD war so geheim, dass sogar innerhalb der Agency möglichst wenig darüber bekannt werden sollte. Die Verantwortlichen behaupteten später, das Projekt sei rein defensiv ausgerichtet gewesen; man habe die Techniken der Kommunisten erkunden müssen, um das eigene Personal schützen zu können. Ganz wie in 13 Rue Madeleine, wo die angehenden Agenten lernen, wie man den Verhörtechniken der Gestapo möglichst lange widersteht. Die Realität ähnelte aber eher dem Spionageroman von Estabrooks. Da hält Johnny Evans ein flammendes Plädoyer dafür, es den Bösen (in diesem Fall den Nazis) heimzuzahlen und sie nun selbst zu hypnotisieren. Bei der CIA sah man das ganz genauso. Also machte man jetzt das, was man der Gegenseite vorhielt.

Wie vom Chef der Scientific Intelligence angeregt, wurden 3-köpfige Verhörteams gebildet: ein Psychiater; ein Lügendetektor-Experte mit Hypnose-Ausbildung; ein Techniker. Im Juli 1950, einen Monat nach Beginn des Koreakriegs, reiste ein solches Team in geheimer Mission nach Tokio. An zwei Probanden - vermutlich als Doppelagenten verdächtigte Personen - probierten sie mehrere Kombinationen von Sodiumamytal (Beruhigungsmittel) und Benzedrin (Stimulans) aus, an zwei weiteren Personen auch noch das Aufputschmittel Picrotoxin. Außerdem versuchten sie, bei den vier Probanden einen Gedächtnisverlust herbeizuführen.

Im September erschien in der Zeitung News (Miami) ein Artikel von Edward Hunter. Überschrift: "Gehirnwäsche-Taktik zwingt die Chinesen, Kommunisten zu werden". Es war die erste nachweisbare Verwendung des Begriffs "Gehirnwäsche" in gedruckter Form. Das Wort machte im Kalten Krieg schnell Karriere. Hunter war übrigens ein als Journalist getarnter CIA-Agent. Im Oktober war wieder ein Verhörteam auf Reisen. Diesmal wurden an 25 Versuchspersonen (offenbar nordkoreanische Kriegsgefangene) "weiterentwickelte" Verhörmethoden erprobt. Einzelheiten sind nicht dokumentiert. Bald danach stieg Morse Allen zum Chef von BLUEBIRD auf.

Allen gehörte zur Abteilung für Sicherheit und Gegenspionage. Die CIA hatte ihn im Gebrauch des Lügendetektors unterwiesen. Wissenschaftlich ausgebildet war er nicht. Allerdings würde er bald zur Fortbildung nach New York reisen, zum Hypnosekurs beim Bühnenmagier. Der erste Plan, den er in seiner neuen Funktion ausarbeitete, betraf die Anschaffung einer Maschine, mit der in einem Krankenhaus in Richmond experimentiert wurde. Am Kopf des Probanden wurden Elektroden angebracht, dann versetzte ihn die Maschine in einen hypnoseähnlichen Tiefschlaf. "Obwohl das Gerät nicht dafür geeignet ist, es bei unseren eigenen Leuten einzusetzen, weil zumindest theoretisch die Gefahr eines temporären Hirnschadens besteht", heißt es in einem von Allens Memos, "wäre es möglicherweise in bestimmten Bereichen von Wert, die mit dem Verhören von Kriegsgefangenen zu tun haben, oder auch bei der Anwendung bei Personen, die für die Agency von Interesse sind." Zum Stückpreis von 250 Dollar wäre die "Elektro-Schlafmaschine" ein echtes Schnäppchen gewesen. Weil sie aber eigentlich nicht funktionierte, oder jedenfalls nicht in der gewünschten Weise, verzichtete man auf das Geschäft.

Lustig ist die Geschichte nur, wenn man die armen Patienten in diesem Krankenhaus in Richmond vergisst. Es geht auch noch gruseliger. Ende 1951 tauschte sich Allen mit einem Psychiater aus, der schon seit einiger Zeit als Berater für die CIA arbeitete und eine erfolgreiche Privatpraxis betrieb. Dieser Herr hatte seinen Patienten Elektroschocks verabreicht und bemerkt, dass danach ein vorübergehender Gedächtnisverlust auftrat; bei Abklingen der Benommenheit habe er neue Informationen aus seinen Patienten herausgeholt. Seine Elektroschock-Maschine der Marke Reiter, so der Doktor, sei überhaupt für vieles gut. Bei richtiger Einstellung der Stromstärke verursache sie furchtbare Schmerzen, was man dazu verwenden könne, Leute zum Sprechen zu bringen.

Allens Antwort ist für ihn typisch. Er wollte wissen, ob der Psychiater in der Phase der Benommenheit versucht habe, mittels Hypnose die Kontrolle über seine Patienten zu erlangen. Nein, antwortete der Doktor, aber er werde es demnächst ausprobieren. Außerdem berichtete er, dass man einen Menschen durch kontinuierliche Elektroschocks zum "Gemüse" machen könne; nach zwei Wochen sei das nicht mehr nachzuweisen. John Marks hat in den freigegebenen Akten ein Memo von Allen gefunden, in dem dieser darauf hinweist, dass man jetzt tragbare, batteriebetriebene Elektroschock-Geräte kaufen könne. Der Leiter von BLUEBIRD hatte aber doch Bedenken, oder wenigstens rechnete er damit, dass andere welche haben könnten:

Die Einwände würden natürlich die Verwendung von Elektroschocks betreffen, wenn das Endresultat die Schaffung eines "Gemüses" wäre. Ich glaube, dass diese Techniken nur im äußersten Notfall in Betracht gezogen werden sollten; eine Neutralisierung durch Haft und/oder Entfernung aus dem Gebiet wäre viel angemessener und bestimmt auch sicherer.

Erhalten ist eine Empfehlung, dem Psychiater Forschungsgelder in Höhe von 100.000 Dollar zu bewilligen, "um Elektroschock- und hypnotische Techniken zu entwickeln". Die Forschungen eines privat praktizierenden Arztes zur Entwicklung von "neurochirurgischen Techniken" (wahrscheinlich Lobotomie) sollten ebenfalls mit 100.000 Dollar gefördert werden. In beiden Fällen lässt sich nicht mehr feststellen, ob die Gelder wirklich ausgezahlt wurden. Die Namen der Forscher sind unkenntlich gemacht.

Identifiziert ist dagegen Dr. Paul Hoch, Leiter des New York State Psychiatric Institute, von dem Sätze wie dieser überliefert sind: "Es ist möglich, dass eine bestimmte Schädigung des Gehirns von therapeutischem Wert ist." Hoch glaubte, seinen Patienten mit einer Kombinationstherapie aus Lobotomie und persönlichkeitsverändernden Drogen helfen zu können. Der CIA war er als Berater verbunden. Seiner Meinung nach konnte man mit LSD und Meskalin eine zeitlich begrenzte Modell-Psychose hervorrufen, anhand derer sich die Krankheit besser erforschen ließe. Für Geheimdienste war das interessant, weil sich daraus Möglichkeiten der Gehirnwäsche ergaben. Das musste näher untersucht werden. Das Geld dafür kam vom Chemical Corps der Army. Hoch stellte die Probanden zur Verfügung, deren Einwilligung erschien ihm verzichtbar.

Harold Blauer, früher Profi-Tennisspieler und inzwischen Tennislehrer, litt nach der Scheidung von seiner Frau an Depressionen. Im Dezember 1952 begann er in Hochs Institut eine psychotherapeutische Behandlung. In deren Verlauf spritzte ihm Dr. James Cattell insgesamt fünfmal Meskalin in wechselnden Dosen. Weder Blauer noch Cattell hatten eine Ahnung, worum es sich bei der Flüssigkeit handelte. "Wir wussten nicht", sagte Dr. Cattell später Ermittlern der Armee, "ob es Hundepisse war oder was sonst, was wir ihm da gaben." Das war Dr. Hochs Variante einer Doppelblindstudie. Schließlich arbeitete er nach streng wissenschaftlichen Methoden. Die am 8. Januar 1953 von 9.53 Uhr bis 9.55 Uhr verabreichte Dosis führte bei Blauer zu einem Kreislaufkollaps und zu Herzversagen. Dr. Cattell protokollierte alles genau mit: von Blauers "Protest gegen die Injektion" (9.53 Uhr) über die "komplette Versteifung des Körpers" (10.01 Uhr), den "Tremor der unteren Extremitäten" (10.09 Uhr), die "schnarchende Atmung" (10.10 Uhr) und das "vereinzelte Aufbäumen" (11.05 Uhr) bis zu Harold Blauers Tod um 12.15 Uhr.

Solche menschenverachtenden Experimente sind durch nichts zu entschuldigen. Man kann aber versuchen zu verstehen, wie es zu ihnen kam. Manch ein Psychiater glaubte wirklich, seinen Patienten helfen zu können, indem er ihnen Elektroschocks gab und ein Stück von ihrem Gehirn entfernte. Die Forschungsgelder kamen nicht direkt von der Armee oder der CIA, sondern von honorig wirkenden Stiftungen. Wer also nicht wissen wollte, mit wessen Geld er experimentierte und wofür, konnte es verdrängen, und einige hatten wohl wirklich keine Ahnung. Andererseits gab es bei Bedarf eine staatliche Institution, die die Verantwortung übernahm oder dies zumindest suggerierte. Und nicht zuletzt arbeiteten viele Agenten für die CIA, die im Krieg schreckliche Dinge gesehen hatten und genau zu wissen glaubten, wozu die Gegenseite (erst die Nazis, dann die Kommunisten) fähig war.

Den Geist, in dem die Menschenversuche stattfanden, fängt eine geheime Studie ein, die in den frühen 1930ern vom damaligen Präsidenten Herbert Hoover in Auftrag gegeben worden war und die erst in den 1950ern ihre volle Wirkung entfaltete. Die Studie kommt zu folgendem Ergebnis:

Es ist jetzt klar, dass wir es mit einem unerbittlichen Feind zu tun haben, dessen erklärtes Ziel die Weltherrschaft ist, egal mit welchen Mitteln und zu welchen Kosten. Bei einem solchen Spiel gibt es keine Regeln. Bisher akzeptable und schon lange bestehende amerikanische Vorstellungen von "fair play" müssen überdacht werden. Wir müssen wirkungsvolle Dienste für Spionage und Gegenspionage entwickeln und wir müssen lernen, unsere Feinde durch Methoden zu unterwandern, zu sabotieren und zu vernichten, die klüger, raffinierter und wirkungsvoller sind als die, die gegen uns eingesetzt werden.

Soweit es sich rekonstruieren lässt, scheint es 1952 eine Radikalisierung im geheimen Krieg gegen den Kommunismus gegeben zu haben. Das war das Jahr, in dem die chinesische Regierung eine Propagandaoffensive startete. Zu ihr gehörte die Veröffentlichung von aufgezeichneten Aussagen über Korea abgeschossener US-Piloten, die diverse Verbrechen "gestanden", darunter auch den Einsatz von chemischen und biologischen Kampfstoffen. Bis zum Ende des Koreakriegs legten 70 Prozent der in China gefangen gehaltenen 7190 US-Soldaten entweder solche "Geständnisse" ab oder unterschrieben eine Petition, in der ein Ende des amerikanischen Engagements in Asien gefordert wurde. Noch beunruhigender war jedoch, dass viele der Soldaten nach ihrer Heimkehr an den Geständnissen festhielten, statt sie zurückzunehmen, sich sogar pro-kommunistisch äußerten. Nach Ansicht der Meinungsführer in den USA konnte das nur eines heißen: sie waren Opfer einer Gehirnwäsche geworden.

Die Armee und die Marine zeigten sich bei der späteren Aktenvernichtung viel zögerlicher als die CIA. Deshalb kann man heute noch eine Vorstellung davon gewinnen, wie es war, wenn aufrechte Amerikaner mit allen Mitteln gegen Kommunisten kämpften. Im August 1952 flogen einige Personen im Auftrag der Navy von Washington nach Frankfurt, wo sie sich mit Vertretern der CIA trafen, die für das supergeheime Projekt arbeiteten, das seit einem Jahr nicht mehr BLUEBIRD, sondern ARTISCHOCKE hieß. Bei den Streitkräften betrieb man seit 1947 ein ganz ähnliches, auf die Entwicklung einer Wahrheitsdroge abzielendes Projekt namens CHATTER. Seit 1951 wurde es von Commander Samuel Thompson geleitet, dem Chef der psychiatrischen Forschungsabteilung am Medical Research Institute der Navy.

Um ihm zu verdeutlichen, worum es ging, hatte der Nachrichtendienst der Marine Dr. Thompson bei seiner Bestellung als Chef von CHATTER folgende Frage gestellt, mit der sich so ähnlich auch Jack Bauer (24) einmal im Jahr konfrontiert sieht:

Gesetzt den Fall, dass jemand in einer unserer Städte eine Atombombe versteckt hat und wir zwölf Stunden Zeit haben, von einer Person herauszufinden, wo sie ist. Was könnten wir tun, um die Person zum Reden zu bringen?

Thompson flog mit einem Mann nach Frankfurt, der behauptete, die Antwort zu kennen: Dr. G. Richard Wendt, Leiter des psychologischen Instituts der University of Rochester. Wendt testete seit einigen Jahren Drogen zur Bekämpfung von Seekrankheit und Müdigkeit bei Piloten. Ende 1950 hatte ihm die Marine 300.000 Dollar für ein Forschungsprojekt bewilligt, bei dem er herausfinden sollte, ob sich aus Barbituraten, Amphetaminen, Alkohol, Heroin und was ihm sonst noch unterkam die Wahrheitsdroge gewinnen ließ. Wendt hatte immer genug studentische Versuchskaninchen, denen er pro Stunde einen Dollar zahlte. Als verantwortungsbewusster Universitätslehrer nahm er nur Probanden über 21, und jede Substanz probierte er zuerst an sich selber aus. Über Heroin notierte er, dass es einen "gewissen, aber geringen Wert für Verhöre" habe, und das auch nur, wenn es "über einen langen Zeitraum" verabreicht werde. Bei seinen Selbstversuchen wurde dieser Zeitraum immer länger.

Im Sommer 1952 meldete Wendt der Marine, dass er die Wahrheitsdroge gefunden habe. Über die chemische Zusammensetzung wollte er nichts sagen. Aus Sicherheitsgründen. Wenn Wendt Pharmakologe gewesen wäre, hätte er gewusst, dass man seine Wunderdroge, eine Kombination aus einem Schlaf- und einem Aufputschmittel, als Dexamyl in der Apotheke kaufen konnte (als "Goofball" wurde es später eine beliebte Partydroge). Für einen Feldversuch unter operativen Bedingungen stellte Morse Allen, der Leiter von ARTISCHOCKE, die Probanden zur Verfügung: Russen, die unter Spionageverdacht in Camp King festgehalten wurden, dem Europa-Hauptquartier des Geheimdiensts der US-Armee in Oberursel. Ein erstes Treffen fand im Frankfurter Hauptquartier der CIA statt, das damals im ehemaligen Verwaltungsgebäude der IG Farben untergebracht war. Für die CIA, in deren Welt sich dauernd Fiktion und Wirklichkeit vermischen, war das die passende Unterkunft. Das Gebäude hatte der Architekt Hans Poelzig entworfen, von dem auch die Bauten in Der Golem, wie er in die Welt kam stammen und der in Edgar G. Ulmers Film The Black Cat in der Gestalt von Boris Karloff (als "Hjalmar Poelzig") okkultistische Menschenversuche in einem auf einem Schlachtfeld errichteten Bauhaus-Schloss veranstaltet.

Die Amerikaner hatten im Taunus einige abgelegene, früher von Nazibonzen und SS-Größen bewohnte Villen requiriert. Egmont R. Koch und Michael Wech haben bei ihren Recherchen zum ARD-Dokumentarfilm Deckname Artischocke und zum Buch gleichen Titels herausgefunden, dass die Operation CASTIGATE ("geißeln") höchstwahrscheinlich im "Haus Waldhof" bei Kronberg durchgeführt wurde. Wendt hatte seine Geliebte mitgebracht, die ihm assistierte. Er experimentierte am liebsten ohne Ärzte, weil solche Bedenkenträger nur die Freiheit der Forschung einschränkten. Thompson hielt das für unethisch. Also wurde ein Mediziner zugezogen. Nach Lage der Dinge müsste das Dr. Blome gewesen sein, der Lagerarzt von Camp King.

Prof. Dr. Kurt Blome, Verfasser des Buches Arzt im Kampf (1942), war früher stellvertretender Reichsärzteführer und Mitglied im Reichsforschungsrat gewesen. Er hatte die Menschenversuche in Dachau abgesegnet und dafür gesorgt, dass Dr. Sigmund Rascher mit einer Schrift über seine sadistischen, von der Luftwaffe in Auftrag gegebenen Experimente, bei denen etwa 100 KZ-Häftlinge ums Leben kamen, habilitieren konnte. Piloten waren für die Nazis besonders wertvoll. Es war wichtig zu wissen, wie lange so ein Pilot überleben konnte, wenn er abstürzte und ins Meer fiel. Deshalb mussten Kriegsgefangene im kalten Wasser treiben. Rascher notierte die Körpertemperatur und probierte aus, wie man die Erstarrten am besten wieder auftaute. Um herauszufinden, ob nackte Frauen bei den männlichen Probanden zu einer beschleunigten Erwärmung führten, wurden vier Zwangsprostituierte nach Dachau gebracht. Da die Versuche in ein Überlebenstraining für Piloten münden sollten, kann man nicht ganz ausschließen, dass auch mit dem Ertrinken experimentiert wurde. Wenn man heute liest, wie die CIA gegen den Terror kämpft, kann einem ganz schlecht werden.

Wendt mischte dem ersten Probanden in wechselnden Dosierungen seine Wirkstoffe ins Essen und in die Getränke, und wenn er es für richtig hielt, gab er noch Tetrahydrokannabinol dazu. Das war der Marihuanaextrakt, mit dem schon George White für das OSS experimentiert hatte. Der Russe legte kein Geständnis ab. Trotzdem wollte der Professor später nicht von einem Misserfolg sprechen. Immerhin wisse er jetzt, dass diese hartgesottenen Spione von ganz anderem Kaliber als seine Studenten seien. Spätestens am Abend des ersten Tages mussten die anderen wissen, dass Wendt ein Scharlatan war. Doch die Versuche dauerten noch tagelang an, weil zwischendurch Zeit für die von Allen so geliebten Experimente mit der Narko-Hypnose blieb. Da die Russen schon mal da waren, wollte man die Gelegenheit nutzen. Einer von ihnen bekam Natrium-Pentothal verabreicht, wurde mit Benzedrin am Einschlafen gehindert und verwechselte einen Agenten mit seiner Frau Eva, der er die Namen angeblicher Kontaktleute verriet. Weil ARTISCHOCKE-Leiter Allen nach diesem Hypnose-Triumph wieder bester Dinge war, durfte Wendt seine Wunderdrogen in den folgenden Tagen an vier weiteren Menschen ausprobieren.

"One, Two, Three"

In Billy Wilders One, Two, Three versuchen die Russen, Horst Buchholz durch dauerndes Abspielen des Schlagers "Itsy Bitsy Teeny-Weeny Yellow Polka Dot Bikini" zu einem Geständnis zu zwingen. In "Haus Waldhof" gab es etwas Ähnliches. Wendt setzte sich an ein Klavier und spielte eine halbe Stunde lang die immer gleiche Melodie. Allerdings tat er das, um seine Landsleute zu quälen, von denen er enttäuscht war. Dann kippte er einer Versuchsperson alle mitgebrachten Substanzen auf einmal ins Bier. Die Opfer in dieser Farce hätten sterben können. Vielleicht wurde Schlimmeres nur dadurch verhindert, dass überraschend Frau Wendt in Frankfurt auftauchte. Als sie drohte, wegen der Affäre ihres Gatten von einem Kirchturm zu springen, brach Allen die Versuchsreihe ab.

Für CHATTER war es ein schwerer Schlag, dass der wichtigste Forschungsbeauftragte als Dilettant entlarvt worden war. 1953 wurde das Projekt eingestellt. Die Marine gab auch in Zukunft Geld für die Verhaltensforschung aus, und die Armee investierte große Summen in die Entwicklung von chemischen Substanzen, mit denen der Feind massenhaft kampfunfähig gemacht werden sollte. Aber die Führungsrolle auf dem Gebiet der Gehirnwäsche hatte von nun an die CIA inne.

Von dem Wendt-Fiasko darf man sich nicht täuschen lassen. In den 1950ern arbeiteten hunderte von Spitzenforschern für die geheimen Programme zur Verhaltens- und Bewusstseinskontrolle. Für zahlreiche Wissenschaftler waren ARTISCHOCKE und danach MKULTRA wie ein Gottesgeschenk. Sie wurden großzügig alimentiert, der Verwaltungsaufwand war gering, und meistens konnten sie - das sieht man an Professor Wendt - tun und lassen, was sie für richtig hielten, ohne sich dauernd bei irgendwelchen Bürokraten rechtfertigen zu müssen. Vieles, was uns jetzt als abstrus, menschenverachtend oder verrückt erscheint, galt damals als wegweisend. Die Leute, die diese Versuche anstellten, waren in der Regel keine Scharlatane, sondern hoch angesehene Experten, die Stars ihrer Zunft. Oft wusste die CIA schon über Dinge Bescheid, über die in der allgemein zugänglichen Fachliteratur erst 10 oder 15 Jahre später berichtet wurde. Und weil die Agency am liebsten mit Professoren der Elite-Universitäten zusammenarbeitete, stehen die Chancen gar nicht schlecht, dass deren Studenten, also die Führungskräfte von morgen, an irgendeinem Gehirnwäsche-Experiment teilnahmen.

Ob man es will oder nicht: die CIA gehörte zur Avantgarde der wissenschaftlichen und damit auch der gesellschaftlichen Entwicklung. Die Rede ist hier nicht von den spektakulären Aktionen, für die der Geheimdienst in diversen Verschwörungstheorien verantwortlich gemacht wird. Es geht um das, was in einem geheimen Projekt ausgetüftelt wurde und heute unseren Alltag beeinflusst. Das begann bereits im Zweiten Weltkrieg. Bill Donovan, der Chef des OSS, heuerte Henry Murray als eine Art Personalchef seiner Behörde an. Murray war Autor des Standardwerks Explorations of Personality (1938), Psychologie-Professor in Harvard und eine Koryphäe auf dem Gebiet der Persönlichkeitsbestimmung. Sein Auftrag: Entwicklung eines Testprogramms für potentielle OSS-Rekruten. Solche Persönlichkeitstests sieht man am Anfang von 13 Rue Madeleine, wo sie über Anstellung und späteres Einsatzgebiet entscheiden. Agent Sharkey findet anhand der Testbögen sogar heraus, welcher von den Rekruten der Nazi-Spion ist.

Murray und seinem Team blieb nicht viel Zeit. Nach 15 Tagen mussten sie bereits die ersten angehenden Geheimagenten auf ihre Eignung testen. Der Projektleiter war - je nach Sichtweise - ein Zyniker oder ein Realist. Zitat Murray:

Das Spionieren zieht Verrückte an. Psychopathen, also Leute, die ihr Leben damit zubringen, Geschichten zu erfinden, können sich auf dem Gebiet so richtig austoben.

Also machte Murray es sich zur Aufgabe, die allzu Verrückten genauso auszusortieren wie diejenigen, die nicht überzeugend lügen konnten. Murrays Persönlichkeitstests wurden beim OSS zur festen Einrichtung. Ihnen wurden alle Agenten unterzogen, zuerst die Ausländer und dann die Amerikaner. Sie waren der erste systematisch durchgeführte Versuch, die Persönlichkeit eines Menschen zu bestimmen, um sein zukünftiges Verhalten (und seine beruflichen Leistungen) vorhersagen zu können. Timothy Leary, LSD-Guru und selbst Entwickler eines Persönlichkeitstests (kurz: "der Leary"), schreibt dazu in Flashbacks, seiner Autobiographie:

Auf eine unausgesprochene, kaum sichtbare Weise veränderten die Wehrpsychologie zwischen 1941 und 1946 und vor allem die Personalauswahlmethoden des OSS und später der CIA unsere Vorstellungen über die Natur des Menschen. 13 Millionen junge Leute wurden getestet, dabei gefilmt und das Material ausgewertet. Die jungen Leute wurden auf komplizierte Fertigkeiten gedrillt, sie wurden in ihrem Verhalten verändert, reduziert und dann mit psychologischen Techniken wieder in ihr ursprüngliches Verhalten zurückversetzt. Die Folgen waren offensichtlich. In Zukunft würden Kriege, aber ebenso auch der Frieden durch unsere Kenntnisse über das menschliche Gehirn entschieden werden. In solchen Kenntnissen liegt in Zukunft der Schlüssel für das Überleben der Menschheit. Psychologie wurde die Wissenschaft von der Handhabbarkeit des Menschen.

Was damit gemeint ist, ahnt jeder Angestellte mit einem Arbeitgeber, der ihn schon einmal in den Genuss von "persönlichkeitsbildenden Maßnahmen" kommen ließ. Vom anderen Ende aus erfahren es die Arbeitslosen, die von der Arbeitsagentur an einen privaten Jobvermittler weitergereicht werden, der ein paar Psycho-Bücher gelesen hat, Arbeitslosigkeit als Persönlichkeitsstörung "behandelt" und sich an die Veränderung von unerwünschten Merkmalen macht, damit der Kunde besser in die Reihe passt. Angefangen hat das mit Bill Donovan und Henry Murray vom OSS - nur mit dem Unterschied, dass Murray eine fundierte psychologische Ausbildung hatte, der Arbeitsberater aber nicht.

Noch ein Beispiel für avantgardistische Geheimdienstarbeit gefällig? Wie wäre es mit Harold Wolff, Professor für Neurologie und Psychiatrie an der medizinischen Fakultät der Universität Cornell. Er pflegte einen interdisziplinären und - wie man heute sagen würde - ganzheitlichen Ansatz, was von vielen Kollegen noch belächelt wurde. Bei der CIA fand er offene Ohren. Wolffs Lieblingswort war "Ökologie", was in den frühen 1950ern auch nicht jedem etwas sagte. Ausgehend von dem, was er in seiner neurologischen Praxis erlebte, glaubte Wolff, dass ein Leiden wie die Migräne bei Menschen auftritt, die nicht in Harmonie mit ihrer Umgebung leben. Zur Wiederherstellung des verlorenen Gleichgewichts musste man mit Hilfe von Psychologie, Medizin, Soziologie und Anthropologie möglichst viel über einen Patienten und dessen Umwelt in Erfahrung bringen. Nur durch das Studium eines Menschen in Bezug zu seiner gesamten Umgebung konnte man dessen Denken und Handeln verstehen (und dann, was für die CIA besonders interessant war, dieses Denken und Handeln auch beeinflussen, im Idealfall sogar bestimmen). Das Ganze bezeichnete er als "Humanökologie".

In einem Brief an die CIA bemühte Wolff einen gewagten Vergleich: "Das Problem, mit dem sich der Arzt konfrontiert sieht, ist dem Problem ganz ähnlich, mit dem sich der kommunistische Verhörspezialist konfrontiert sieht." Beide, der Arzt und der Vernehmungsbeamte, versuchten das "Problem" (Kopfschmerzen oder eine andere ideologische Ausrichtung) zu lösen, indem sie ihr Gegenüber in eine harmonische Beziehung zu ihrer Umwelt brachten. Wolff hatte keine Bedenken dagegen, sich die nötige humanökologische Forschung von der CIA finanzieren zu lassen, weil er davon überzeugt war, dass jede neue Befragungstechnik automatisch seinen Patienten zugute kommen würde. Die Universitätsleitung fand das scheinbar auch und billigte die Zusammenarbeit. 1954 gründete Wolff die "Gesellschaft zur Erforschung der Humanökologie". Daraus wurde eine Tarnorganisation, die CIA-Geld an Wissenschaftler verteilte. Der umtriebige, vielseitig vernetzte und umfangreich publizierende Wolff trug viel zur Popularisierung des Wortes bei, das er so mochte: "Ökologie".

Teil 2: Wohltätige Gehirnwäsche

(Hans Schmid)

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