Psychosoziale Katastrophe

Mediziner und Parlamentarier fordern Erfassung der Kollateralschäden von Corona-Maßnahmen

Während Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder in der ersten Schaltkonferenz des neuen Jahres über eine mögliche Verschärfung der Corona-Maßnahmen und eine Verlängerung des aktuellen "Lockdowns" reden, steht vielen Betroffenen das Wasser bis zum Hals.

Mittlerweile dürfte sich herumgesprochen haben, dass es möglich ist, sowohl die Gefährdung älterer und vorerkrankter Menschen durch das Coronavirus ernst zu nehmen als auch die materiellen und psychosozialen Folgen der "Lockdowns" zur Eindämmung der Pandemie. Doch viele der "Kollateralschäden" sind bislang unerfasst.

Ärztinnen und Ärzte, die sich in der deutschen Sektion der Organisation IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung e. V.) engagieren, haben unlängst in einem Thesenpapier gefordert, dass sich das ändern soll. "Coronaverharmloser" sind sie sicher nicht - sie betonen zunächst unter anderem, dass zur Bekämpfung der Pandemie freier Wissens- und Technologietransfer auf medizinischem Gebiet und sofortige Waffenstillstände in allen internationalen Konflikten nötig seien.

Zu ihren Handlungsvorschlägen gehört aber auch die "Quantifizierung der Schäden und insbesondere Zählung der Toten in Deutschland nicht nur durch Covid-19, sondern auch durch die Maßnahmen dagegen". Unterschrieben wurde dies sowohl von Internisten und Chirurgen, denen wohl die Vielzahl verschobener Operationen Sorgen bereitet, als auch von einer Psychiaterin und einem Psychotherapeuten.

Erfahrung höherer Gewalt

Während etliche Menschen, die schon vor dem ersten "Lockdown" im Frühjahr 2020 an einer diagnostizierten Depression litten, Einschränkungen in der Behandlung erlebten, weil Therapiestunden ausfielen, veränderte sich das Selbst- und Weltbild von Personen, die bisher geglaubt hatten, ihr "Leben im Griff" zu haben. Mit dem Stichwort "Eigenverantwortung" war der Sozialabbau der "Arbeitsmarkt- und Sozialreformen" der Agenda 2010 begründet worden.

Etliche Menschen, die sich in diesem Sinne "vorbildlich" verhalten und prekäre Jobs angenommen hatten oder als Kleinunternehmer finanzielle Risiken eingegangen waren, mussten im Zuge der Coronakrise staatliche Hilfen beantragen, die in der Regel nicht ansatzweise reichen, um den ohnehin bescheidenen Lebensstandard zu halten.

Insgesamt mussten in Deutschland rund 40 Prozent der Erwerbspersonen im "Coronajahr" 2020 Einkommensverluste hinnehmen, wie eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ergab. Bei einer unbekannten Zahl der bisherigen "Macherinnen und Macher" aus Branchen wie Gastronomie, Event- und Kulturszene sowie Teilen des Einzelhandels dürfte dies auch psychische Krisen ausgelöst haben.

Noch ist unklar, in welchem Umfang die Betriebsschließungen oder - im Fall vereinsamter Menschen - Kontaktbeschränkungen zu Suiziden geführt haben. Im Einzelfall könnten sie auch schwer zuzuordnen sein, wenn kein Abschiedsbrief hinterlassen wurde.

"Neue physische Notfallbilder"

Im Zusammenhang mit versuchten Selbstmorden hat vor einigen Wochen in Berlin die Änderung des Einsatzcodes der Feuerwehr für "Beinahe Strangulierung/ Erhängen" Irritationen ausgelöst. Im Jahr 2019 hatte es unter dem dafür verwendeten internen Code 25D03 drei Einsätze gegeben - im Jahr 2020 hatten bereits bis Oktober 294 Einsätze unter diesem Code stattgefunden. Das ging im November aus einer Antwort der Senatsverwaltung für Inneres und Sport auf eine Anfrage des fraktionslosen Abgeordneten Marcel Luthe (ehemals FDP) hervor.

Auf Nachfragen der Berliner Zeitung hieß es jedoch wenig später, die Feuerwehrleitstelle habe einige Codenummerierungen geändert, beziehungsweise "Anfang April 2020 letztmalig angepasst". Durch "neue physische Notfallbilder" habe sich die Codierungsreihenfolge verschoben. Der Code 25D03 sei daher seit April nicht mehr eindeutig mit Suizidversuchen in Verbindung zu bringen.

Den zunächst vermuteten fast hundertfachen Anstieg an Selbstmordversuchen dieser Art hat es demnach wohl nicht gegeben - allerdings wurde damit keineswegs dementiert, dass es überhaupt einen nennenswerten Anstieg gab. Die statistische Erfassung steht lediglich noch aus.

Luthe betonte am Dienstag gegenüber Telepolis, er stehe regelmäßig im Austausch mit Rettungs- und Polizeikräften über den Berufsalltag und gehe fest von einem Anstieg - "wie hoch auch immer" - aus. "Wer die psychosozialen - und damit auch medizinischen - Folgen der Verordnungen gar nicht erfasst, handelt nicht verantwortungsvoll", erklärte er mit Blick auf die Verlängerung des aktuellen Lockdowns. "Es kann nicht sein, dass wir ausschließlich tagesaktuell SARS-CoV2-Laborergebnisse erheben, aber erst Monate bis Jahre später erfahren sollen, ob und wie viele Menschen wegen ausgefallener Therapien oder aus purer Existenzangst Suizid begangen haben." (Claudia Wangerin)