Pulver für die Salafisten

Was motiviert die Angriffe auf US-Botschaften in mehreren muslimischen Ländern?

Was zeigt das Foto des getöteten US-Botschafters Christopher Stevens, das u.a. die italienische Zeitung Corriere della Siera gestern veröffentlichte? Für US-patriotische Publikationen gibt es keinen Zweifel: Es handele sich um Stevens Leiche, die durch die Straßen von Bengasi geschleppt wurde, wie die Leichen von US-Soldaten 1993 in Mogadischu.

Die italienische Zeitung schreibt dagegen in ihrem Begleittext zum Bild (was von den rechten US-Weltanschaungskämpfern unterschlagen wird) davon, dass es sich um einen Rettungsversuch von Libyern handelt. Die Gesten der umstehenden Personen und des Mannes, der den bewusstlosen Botschafter - ob Stevens zu diesem Zeitpunkt schon tot war, ist nicht eindeutig abzulesen - an der Hüfte hält und zu ziehen scheint, weisen auf diesem Foto zumindest auf kein triumphales Gebaren hin.

Auch eine Äußerung des US-Präsident Obama bestärkt diese Interpretation:

President Barack Obama confirmed that the men in Benghazi were trying to find medical help for Stevens. Some Libyans stood in defence of the ambassador and "carried his body to the hospital", said the president later.

Die genauen Umstände des Todes des Botschafters sowie drei weiterer Angehöriger der US-Vertretung in Libyen sind in wichtigen Details nicht klar. Laut New York Times wurde der Botschafter gleich nach dem Beginn eines "intensiven vierstündigen Feuergefechts, bei dem es um die Kontrolle über das Konsulat ging, vermisst und erst am frühen Mittwochmorgen wuurde seine Leiche in einem Krankenhaus in Bengasi wiedergefunden. Gestützt wird diese Erklärung auf Aussagen ungenannter amerikanischer und libyscher Quellen.

Hier bleiben erhebliche Lücken. Wie das kleine so bleibt auch das größeren Bild der gewaltsamen Vorgänge am Dienstag in Bengasi offen für Interpretationen, die von politischen Interessen getragen sind. In den USA ist Wahlkampf, in Libyen und in Ägypten hören die Machtkämpfe nicht auf. Auf Ägypten schaut man, weil der neue Präsident ein Islamist ist und es für seinen Rückhalt nicht unerheblich ist, wie er mit den Salafisten umgeht und mit den USA. Die Angriffe auf US-Vertretungen in Bengasi und in Kairo verbindet, dass die Angriffe des Mobs auf US-Territorium in ihren Ländern all jene aufgerüttelt hat, die glaubten, dass das Feindbild USA im Nahen Osten einem versöhnlicheren Bild gewichen sei.

Aus dem Hass oder der Abneigung gegen die USA lässt sich auf radikaler Seite leicht politisches Kapital schlagen. Für die Salafisten und andere Radikale liefert das Feindbild immer wieder Gelegenheiten, auf simpel gestrickte, archaische Gefühlspolitik zu setzen und der Gewalt und dem Frust, die sich angesichts schwieriger politische und wirtschaftlicher Verhältnisse in Ägypten anstauen, ein Ventil zu geben, dass nach außen geht. Mit intelligenten Antworten auf innenpolitische und wirtschaftliche Fragen haben sie sich noch keinen Namen gemacht. Dagegen mit schlichten aggressivem Vorgehen auf kulturellem Gebiet, wo sie versuchen, wie in Tunesien auch, mit teilweise brutalen Mitteln, ihr frühmittelalterliches Moraldiktat als Norm durchzusetzen (siehe dazu etwa The Tragedy of Alexandria’s Book Market).

Geplante Terroranschläge?

Zuletzt wird auch al-Qaida bei beiden Mob-Übergriffen auf US-Botschaften eine Rolle zugewiesen. In Kairo wurde eine bei der US-Botschaft gehisste Dschihadisten-Fahne als al-Qaida-Fahne identifiziert. Ob dem so ist, ist wahrscheinlich nicht unbestritten. Inwiefern al-Qaida in Ägypten agiert, ist noch weniger klar. Dass dort unter Radikalen viele Anhänger und Sympathisanten zu finden sind, ist allerdings plausibel. Ob die beiden Anschläge vom Dienstag in Kairo und dann in Bengasi von al-Qaida koordiniert waren, ist aber bislang reine Spekulation.

Was Libyen betrifft, so kursieren seit gestern abend mehrere Äußerungen und Interpretationen, mittlerweile auch von US-Seite, die davon ausgehen, dass die Ermordung des US-Botschafters seit längerem geplant war - unabhängig von dem hetzerischen Film, der gestern lange Zeit als Auslöser der Mobangriffe genannt wurde, auch von US-Außenministerin Clinton. Man darf gespannt sein, ob sich die al-Qaida-Spur erhärtet. Sicher ist jetzt schon, dass die Presse, die al-Qaida nun frische internationale Aufmerksamkeit in Zusammenhang mit einem tödlichen Anschlag auf einen US-Botschafter an einem 11.September beschert, für die al-Qaida-Führung eine "gute Presse" ist. Sie ist Werbung dafür, dass nicht stimmt, womit Obama Wahlkampf macht, dass al-Qaida so gut wie erledigt ist.

Fragen und Mutmaßungen darüber, ob die Aktionen in Kairo und Bengasi von langer Hand koordiniert wurden, welche Rolle al-Qaida und oder andere Dschidistengruppen bei den Angriffen spielten, werden wohl erst mit der Zeit beantwortet, wenn überhaupt. Es gibt heikle Punkte, die die politischen Führungen möglicherweise ungern in der Öffentlichkeit ausbreiten. In Libyen etwa berühren sie die Frage, inwiefern radikale islamistische Kräfte, Gruppen, Milizen durch den vom Westen maßgeblich betriebenen Regime-Change größere Wirkungsmöglichkeiten- und räume bekommen haben. Dass dabei, ähnlich wie in Afghanistan, Bündnisse mit Rebellen eingegangen wurden, die ganz andere politische Ziele verfolgen, als jene, mit der der arabische Frühling gefeiert wurde, zeigte sich deutlich schon an Macht- und Territorialkämpfen zwischen Milizen und Stämmen und in Meldungen von gravierenden Menschenrechtsverletzungen.

Probleme mit Rebellen

Dass sich die neue libysche Regierung beeilt hat, Solidarität, Mitgefühl, Freundschaft mit den USA samt einer Entschuldigung für die Vorfälle in Bengasi auszudrücken, wird von amerikanischen Experten als Bestätigung dafür gewertet, dass Libyen auf dem richtigen demokratischen Kurs ist, dass sich die Regierung deutlich und entschieden von Gewalt abgrenzt. Dafür spreche auch, dass in Bengasi viele den amerikanischen Botschaftsangehörigen geholfen hätten und sie gegen die Angreifer zu schützen versuchten. So kann man auch das eingangs erwähnte Foto betrachten.

Demgegenüber zeigt die militärische Reaktion der USA auf den Botschaftsangriff, die Entsendung von Marines und eines Kriegsschiffs vor die Küste Libyens, dass man die Präsenz der Radikalen in Libyen ziemlich ernst nimmt. Das Problem dürfte größer sein. Die Situation nach den Aufständen in Tunesien und in Ägypten entpuppt sich, anders als in der ersten internationalen Euphorie über die Absetzung der Autokraten erwartet, als Zeit guter Möglichkeiten für Salafisten, um ihre Werte als letztgültige Maßstäbe zu propagieren, immer wieder mit aggressiven Mitteln. Die Verbreitung des Wahabismus als religiöse Grundanschauung ist für Dschihadisten und marodierende Söldner, die an Religionskämpfen als Einkommensquelle festhalten, nicht gerade kontraproduktiv. Das wird auch in Syrien deutlich, wohin eine Menge zuvor im Irak beschäftigter Dschihadi-Söldner weitergezogen sind.

Der bösartige Film

Welche Rolle spielt nun der Film des mutmaßlichen israelischen oder christlich-koptischen Produzenten/Regisseurs in der religiös aufgeladenen Situation in Nordafrika? Offensichtlich ist, wie sich in Tunesien schon bei der Ausstrahlung von Persepolis auftat, dass schon harmloseste Verstöße gegen religiöse Darstellungstabus genügen, um Salafisten-Mobs zu Gewaltausschreitungen zu motivieren. Das soll nicht heißen (wie dies beim gestrigen Artikel Gerüchte, ominöse Figuren und Zufall? teilweise missverstanden wurde), dass die Verantwortung für die brutalen Reaktionen bei dem Film oder bei demjenigen liegt, der den Film zeigt, sondern natürlich bei den Gewaltausübenden, die keine Grenze zwischen abstrusen Allmachts-Vorstellungen und Wirklichkeit respektieren. Solches Gewaltpotential lässt sich natürlich politisch einsetzen.

Der Film wurde vor allem in Ägypten durch das Fernsehen einer größeren Öffentlichkeit bekannt (ähnlich wie beim Karikaturenstreit mit einiger Verzögerung nach Ersterscheinung des Videos). Zusammen mit dem Gerücht, dass er am 11. September auf allen TV-Kanälen in den USA ausgestrahlt würde, gab das wahrscheinlich den Ausschlag, anti-amerikanische Ressentiments auszuagieren. Ob das in der Absicht der Filmemacher lag, ist zweifelhaft. Bösartigkeit kann man dem Film aber durchaus unterstellen, wenn auch nicht im selben Maß wie jenen, die im echten Leben machen, was der Film darstellt. Wie sich herausgestellt hat, wurden die Schauspieler über ihre Rolle und die Intention des Films völlig getäuscht und ihnen obendrein noch ganz andere Worte in den Mund gelegt, als die, die sie tatsächlich gesprochen haben.

Mittlerweile wurde auch die US-Botschaft in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa von einer entrüsteten Mernschenmenge angegriffen; im Irak verlangte Muktada as-Sadr die Schließung der amerikanischen Botschaft. Beide Proteste berufen sich auf den Film. In beiden Staaten hielt al-Qaida lange Zeit Hochburgen. In Ägypten gehen die Proteste vor der US-Botschaft weiter. Auch vor der Schweizer Botschaft in Teheran, inoffiziell öfter als diplomatischer Mittler zwischen Iran und USA fungierend, soll von einer Menge, die "Death to America" skandiert, umlagert sein.

Sicher ist, dass die Filmemacher der Nahost-Politik Obamas keinen Gefallen getan haben. (Thomas Pany)