Purgatio 2016

Profi-Kicker im Pilgerhemd, Instagram als Konfession: Wie Mesut Özil millionenfach die Netz-Gemeinde begeistert - und nebenbei auf die EM einstimmt

Wenn die Fußballgötter um Bundestrainer Joachim Löw an diesem Dienstag in der noblen Absteige "Hotel Giardino" am Lago Maggiore einschweben, spielt selbstverständlich auch der Wettergott mit: Es werden sanfte 25 Grad Celsius erwartet, das Quartier der deutschen Nationalmannschaft ist gerichtet und alle sind einfach happy. Einer unter ihnen ganz besonders: Profi-Kicker Mesut Özil, der geradewegs aus Mekka kommt - und damit ganz besonders viel "Spirit" im Gepäck hat.

Wie das? Zum Abschluss eines Asientrips - quasi Kurzurlaub vor dem Trainingslager - hatte sich der türkischstämmige Mesut offenbar entschlossen, die Weltgemeinschaft im Büßerhemd zu grüßen.

In dieser Reihenfolge: Zuerst suchte Özil ein Flüchtlingscamp in Syrien auf. Anschließend reiste er ins Heilige Mekka, dem zentralen Wallfahrtsort der Muslime in Saudi-Arabien. Dort postierte er sich, von Kopf bis Fuß in Weiß gewandet, mit todernstem Blick vor der islamischen Kultstätte, ließ sich in tugendhafter Pose vor der "Kaaba" ablichten - und postete anschließend das fromme Foto auf Facebook und Instagram. Mit wahrhaft purgatorischem Effekt.

Fromme Anwandlung oder gekonnte Show? Das ist schwer zu sagen, jedenfalls sehen und bestaunen ihn derzeit Millionen. Die Hashtags sind eher schlicht, sie lauten: #Mecca #HolyCity #SaudiArabia #Islam #Pray. Das reicht aus, die User-Gemeinde ist restlos begeistert - rund um den Globus: Der Fußball-Millionär mit Vertrag beim britische Erstligisten FC-Arsenal, genialer Vorlagengeber der Premier League und bekennender Muslim im Pilger-Look.

Alle finden’s toll, in Zahlen ausgedrückt: Über 45.000 Kommentare, knapp zwei Millionen klickten auf Facebook "Gefällt mir", das Foto avancierte binnen Stunden zum Hit in den sozialen Medien, wurde bislang 98.500 mal geteilt.

Eine Pilgerfahrt nach Mekka ist eine der fünf Säulen des Islam - Pflicht für jeden Moslem. Dass Özil ein Gläubiger ist, dürfte für viele keine Überraschung sein. Beinah vor jedem Spiel sieht man den 27-Jährigen die Hände zum Gebet erheben. Der britischen "Times" verriet er vor einiger Zeit: "So bin ich mit meiner Familie aufgewachsen. Für mich ist es wichtig zu beten." Sonst sorgt Özil eher mit seiner "On-Off-Beziehung zu Grace Capristo" für Schlagzeilen. Özil hat schon in Normalzeiten mehr als 30 Millionen Fans auf Facebook.

Viele Nutzer erblicken jetzt einen "Aufruf zur Toleranz", wie sich in den Kommentaren im Netz widerspiegelt. Mehrere User schreiben, dass Özil ein wichtiges Statement gesetzt hat in Zeiten, in denen der muslimische Glaube oft mit einer Quelle für Terrorismus gleichgestellt wird. Einer aus der User-Gemeinde bekennt gar, er würde Özil bis zum letzten Atemzug dafür lieben:

If Ozil has million number of fans i am one of them . if Ozil has ten fans i am one of them. if Ozil have only one fan and that is me . if Ozil has no fans, that means i am no more on the earth . if world against the Ozil, i am against the world. i love #Ozil till my last breath.

Instagram als Konfession? Facebook als modernes Sprachrohr Gottes? Millionen erleben offenbar Özils Auftritt als Purgatio. Unterdes ruft die Wirklichkeit - jetzt beginnt das Trainingslager der Nationalmannschaft, wo der Gefeierte sich im Schulterschluss mit seinen Teamkollegen auf die EM 2016 in Frankreich (10. Juni bis 10. Juli) vorbereiten wird. Im sanften Frühling am Lago Maggiore ist der DFB-Tross bestens gerüstet, die Luxus-Herberge bereitet.

Wie zu hören, wurde das hoteleigene Yoga-Zelt zu einem Teambesprechungszimmer umfunktioniert.

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