"Pussycats"

Foto: © Bundeswehr / Dirk Bannert

Martin van Creveld glaubt, dass der Westen zu verweichlicht ist, um in Zukunft noch Kriege zu gewinnen

Martin van Crefeld ist der wahrscheinlich bekannteste und gleichzeitig umstrittenste israelische Militärhistoriker. Ramon Schack sprach mit dem emeritierten Professor für Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem über dessen Pussycats-These, Israel und den Iran.

Herr Professor van Creveld, würden Sie das demographische Profil (beziehungsweise die demographischen Prognosen) für die meisten westlichen Gesellschaften als Sicherheitsrisiko ansehen?
Martin van Creveld: Absolut. "Krieg ist etwas für die Jugend", so hatte es Napoleon einst ausgedrückt. Alte Menschen können keine Kriege führen. Die "Strapazen", um es mit einem Ausdruck von Clausewitz zu verdeutlichen, sowohl geistig als auch körperlich, sind dafür einfach zu groß. Das gilt heute noch genauso wie früher.
In Ihrem Buch "Pussycats" - sicherlich eines Ihrer umstritteneren Werke - analysieren Sie, weshalb die historische technologische Überlegenheit des Westens in militärischen Belangen erodiert. Ist diese von Ihnen skizzierte Perspektive nicht etwas zu pessimistisch - angesichts der Tatsachen, dass die USA größere Militärausgaben haben als der Rest der Welt zusammen und dass im Westen allgemein mehr für die Verteidigung ausgegeben wird als in Schwellenländern?
Martin van Creveld: Ich fürchte, ich muss Sie zunächst einmal korrigieren. Mein Buch "Pussycats" handelt nicht von Technologie - oder gar Militärtechnologie. Es geht in dem Buch ausschließlich um das Töten (beziehungsweise den Willen zu töten, wenn es notwendig ist, was ich in einem Buch, das ich vor langer Zeit geschrieben habe,"Kampfkraft" nannte). Basierend auf der Tatsache, dass jedes Mal, wenn westliche Truppen auf die eine oder andere Art besiegt werden, wenn sie in der sogenannten Dritten Welt operieren. Dieses Faktum verdeutlicht, dass "Kampfkraft" im Westen nicht mehr existiert.
Könnten Sie diese Aussage bitte etwas spezifizieren?
Martin van Creveld: Gerne. Schon seit einigen Jahrzehnten hat sich das westliche Militär, welches sich selbst rühmt, die am besten ausgebildeten und am besten organisierten Truppen in der Geschichte zu besitzen, in einen Haufen von Pussycats verwandelt.
Als Pussycat taumelt die westliche Militärmaschinerie von einer Niederlage zur anderen.
Klar: 1999 siegte die NATO und konnte Serbien ihren Willen aufdrücken. Aber auch nur, weil der Gegnernach Jahren des Bürgerkrieges schwach und aufgebraucht war - und weil er bezüglich militärischer Stärke nur auf Platz 35 der Weltrangliste stand. Aber auch dieser Sieg wurde nur errungen, weil Serbien (oder das damalige Rest-Jugoslawien) absolut ohne Luftverteidigung da stand.
Das gleiche trifft auch für Libyen im Jahr 2011 zu. Dort verrichteten einheimische Bodentruppen die schmutzige Arbeit, Mann gegen Mann - woran die westliche Allianz unter Führung der USA gescheitert wäre.
Die Infanterie bleibt also unentbehrlich?
Martin van Creveld: Ja, der Westen verfügt über eine haushohe Überlegenheit zu Luft und auch zu Wasser, aber schon lange nicht mehr am Boden, was langfristige Siege inklusive einer Besetzung erschwert.
Aber was hat nun die Überlegenheit der westlichen Militärs ins Wanken gebracht? Die wachsende Stärke des Gegners - oder liegen die Ursachen in der Struktur unserer Gesellschaft?
Martin van Creveld: In meinem neuen Buch verfolge ich die Ursachen für dieses Problem zurück.
Erstens zur Art und Weise, wie im Westen heute die Kindererziehung stattfindet. Bei den wenigen Kindern, die es dort gibt, wird das Erwachsenwerden durch Überwachung und Verhätscheln verhindert.
Zweitens zur Tatsache, dass wir das Gleiche mit unseren Truppen vollziehen, indem wir diese wie Babies behandeln und ihnen untersagen, ihre militärische Tätigkeit mit Stolz auszuüben.
Drittens zur Feminisierung der Militärkraft, was alle möglichen Probleme verursacht und eine Situation herbeiführt, in der Soldaten die Anschuldigung der sexuellen Belästigung (häufig zu Unrecht) mehr fürchten als den Feind.
Viertens zur Art und Weise, wie wir postraumatische Belastungsstörungen glorifizieren und zur Modediagnose erheben.
Und fünftens zur Art und Weise, wie wir Rechte über Pflichten stellen.
Es gibt Stimmen in Europa, die die jüngsten Einwanderungswellen aus den islamischen Ländern des Nahen Ostens als demographische Waffe interpretieren, als sogenannte "menschliche Wellen". Was denken Sie darüber?
Martin van Creveld: Das bezweifele ich. Bei 90% und mehr der Flüchtlinge handelt es sich um Menschen, die Sie in Deutschland als "arme Würstchen" zu bezeichnen pflegen. Sie fliehen vor den Kämpfen, vor dem Tod, für Ihre Familien und für sich selbst. Sie und ich würden das unter ähnlichen Umständen ebenso versuchen. Das heißt natürlich nicht, dass Terroristen nicht versuchen würden, unter den Flüchtlingen neue Kämpfer zu rekrutieren. Natürlich nicht.
Kommen wir bitte auf Israel zu sprechen. Eine Ihrer Thesen lautet, der Iran wolle die Atombombe nicht, um damit Israel zu vernichten, sondern um das strategische Ungleichgewicht gegenüber den Vereinigten Staaten auszugleichen.
Martin van Creveld: David Ben Gurion hat den Iran immer als einen natürlichen Alliierten betrachtet, als einen potenziellen Partner Israels, aufgrund seiner geopolitischen Position als nicht-arabische Regionalmacht in der Region.
Sind Sie der Meinung, diese Auffassung habe heute immer noch eine gewisse Gültigkeit - unabhängig von den aktuellen Spannungen zwischen beiden Staaten?
Martin van Creveld: Ben Gurions Theorie basierte auf der sogenannten Sandwich-Theorie der internationalen Beziehungen, wonach der Feind eines Feindes ein Freund ist.
Ben Gurion sprach von den sogenannten peripheren Staaten, den nicht-arabischen Staaten wie Äthiopien, der Türkei und dem Iran, mit denen Israel eine enge Kooperation anstreben sollte, um der Umzingelung durch feindlich gesinnte arabische Staaten in der unmittelbaren Nachbarschaft zu entgehen.
Das hat damals funktioniert. Bis 1979 war der kaiserliche Iran ein enger Verbündeter Israels. Sogar nach der Revolution dort, während des ersten Golfkrieges zwischen dem Iran und Irak in den 1980er Jahren, verkaufte Israel Waffen an den Iran und schickte militärische Berater, um die Iraner beim Kampf gegen Saddam Hussein zu unterstützen. Seit 1988, seit dem Ende dieses Krieges, hat diese Theorie allerdings nicht mehr funktioniert.
Ob eine Neuauflage möglich ist? Vielleicht. In diesem Zusammenhang fällt mir ein Zitat von Lord Salisbury ein, der Ende des 19. Jahrhunderts mehrere Male Premierminister von Großbritannien war: "Großbritannien hat keine ewigen Freunde, aber ewige Interessen!"
Sie haben einmal den Iran als den wahren Sieger des Irak-Krieges von 2003 bezeichnet. Ferner vertreten Sie die Auffassung, die Welt müsse lernen, mit einem nuklearen Iran zu leben, wie sie gelernt hat, mit einem nuklearen China oder einer nuklearen Sowjetunion zu leben. Weshalb sind Sie der Überzeugung, Israel sei nicht in Gefahr von einem nuklearem Iran angegriffen zu werden, wie es die veröffentlichte Meinung im Westen bisweilen suggeriert?
Martin van Creveld: Mit dem Sturz des Hussein-Regimes im Irak wurde der gefährlichste Gegner des Iran am Persischen Golf entscheidend geschwächt. Durch den Aufstieg der Schia im Irak seit dem Jahr 2003 ist der iranische Einfluss dort stetig am Wachsen. Ich denke, es besteht kein Zweifel daran, dass der Iran der große Sieger dieses Krieges war und ist.
Es gibt zwei Gründe, warum ich der Meinung bin, dass Israel nicht in Gefahr ist, von einem nuklear bewaffnetem Iran angegriffen zu werden:
Erstens besteht die wahre Motivation für eine mögliche nukleare Bewaffnung des Irans nicht in einer Konfrontation mit Israel, sondern sie dient der Selbstverteidigung für den Fall eines möglichen amerikanischen Angriffs.
Zweitens besitzt Israel genug schlagkräftige Möglichkeiten, einen iranischen Angriff abzuwehren, sollte es dazu kommen. So suizidal ist die iranische Führung nicht veranlagt, um diese erwähnte Möglichkeit in Betracht zu ziehen.
Ich habe auch noch keinen erwähnenswerten Iran-Experten getroffen, der davon ausgeht, dass der Iran einen Atomkrieg gegen Israel plant. Die Gefahr einer iranischen Atombombe wird permanent übertrieben.
Yuval Diskinm, der ehemalige Chef des Inlandsgeheimdienstes bezeichnete Premierminister Netanjahu als ein unzuverlässiges Staatsoberhaupt, der vom Iran besessen sei.
Martin van Creveld: Ich stimme mit Diskinm dahingehend überein, dass es sich bei Netanjahu um einen unzuverlässigen Politiker handelt.
Netanjahu ist aber kein Lügner, denn ein Lügner weiß, dass er lügt.
Netanjahu ist ein Quatschkopf, der quatscht und verbreitet, was ihm gerade so im Kopf herumspringt.
Auch stimmt es, dass er vom Iran besessen ist, ohne aber die nötige Sachkenntnis zu besitzen - bei gleichzeitiger Ignoranz gegenüber anderen Problemen.
Vielen Dank, Herr Professor van Creveld.
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