Putin-Erdogan: Tiefe Kooperationskrise

Bild (Januar 2020): Kremlin.ru/CC BY 4.0

Gegenseitige Vorwürfe zwischen Moskau und Ankara

In den letzten Jahren war man es schon gewohnt, die Präsidenten von Russland und der Türkei auf derselben Seite der Barrikaden zu sehen - meistens gegen die USA und Europa und deren Einfluss in Vorderasien. Entstanden ist diese Kooperation außer durch gemeinsame wirtschaftliche Interessen auch durch Ähnlichkeiten der innenpolitischen Stellung von Putin und Erdogan, meint der Moskauer Politologe Andrej Kortunow. Beide predigen traditionelle Werte ihres Landes, fördern eine religiös motivierte Erneuerung und lehnen den westlich-globalisierten Liberalismus ab.

Karabach ist nicht Syrien

Doch beide sind auch hart in der Vertretung ihrer außenpolitischen Positionen und die sind nun aufeinandergeprallt im kriegerischen Konflikt um Bergkarabach. Hier unterstützt die Türkei ungeteilt und notfalls auf dem Schlachtfeld Aserbaidschan, Russland will in der eigenen Nachbarschaft jedoch Ruhe um jeden Preis. Warum kam es hier, anders als etwa in Syrien, nicht zu einer Verständigung? Immerhin gab es auch im syrischen Krieg in Ankara und Moskau zunächst aktive Unterstützung für sich bekriegende Seiten?

Der Moskauer Journalist Kirill Kovosheev sieht die Ursachen für eine fehlende Karabach-Verständigung mit den Türken unter anderem auf der russischen Seite. Moskau betrachte den Transkaukasus als eine Zone eigener Interessen, meint er und lehne jede Einmischung von außen ab - gerade eine türkische, auch in Bezug auf eine Vermittlung. Deswegen habe man den nun mehr als brüchigen Waffenstillstand der beiden Kontrahenten nicht gemeinsam mit der Türkei, sondern alleine in Moskau vermittelt.

Bei der türkischen Seite wiederum ist der Wille zu einem Verständigungsfrieden an sich äußerst zweifelhaft. Gegenseitige Vorwürfe zwischen Moskau und Ankara heizen den Konflikt im Gegensatz an - Erdogan beschuldigt unter anderen aktuell Russland wegen Waffenlieferungen an Armenien, russische Zeitungen sind voll von Berichten über die türkische Militärhilfe für Aserbaidschan - etwa 600 türkische Soldaten sollen laut der Zeitung Kommersant in Aserbaidschan anwesend sein.

Zahlreiche Konfliktmöglichkeiten - und Konflikte

Diese noch völlig ungelöste kriegerische Auseinandersetzung vergiftet nun allgemein das türkisch-russische Klima, was Auswirkungen an ganz anderen Fronten hat. So nähert sich die Türkei aktuell weiter an Russlands Erzfeind Ukraine an, Erdogan besuchte erst vor kurzem Kiew. Mehr noch - sein Land ist der sogenannten "Krimplattform" beigetreten, einem ukrainischen Projekt zur Rückholung der Halbinsel von Russland.

Durch dieses Verhalten könnte die Türkei Russland als Partner sogar generell verlieren, sagte der leitende Krim-Politiker Juri Gempel gegenüber der Onlinezeitung Gazeta.ru aus. Denn Moskau betrachtet die Krim als originären Teil der Russischen Föderation. Die Türkei hat die faktisch russische Krim nie anerkannt und lieferte schon davor Militärdrohnen für die ukrainische Armee, die diese gegen die prorussischen Rebellen im Osten des Landes einsetzen kann.

Weitere Konfliktherde, an denen sich zusätzliche türkisch-russischen Spannungen entzünden können, gibt es genug - ganz abseits von Karabach. So steht Russland im schwelenden Konflikt zwischen der Türkei und Griechenland traditionell auf griechischer Seite, da man über die orthodoxe Religion und lange freundschaftliche Beziehungen mit den Griechen verbunden ist. Die Sympathien und Unterstützung im Bürgerkrieg in Libyen erfolgen ebenfalls für unterschiedliche Seiten.

Noch viel direkter gibt es Konfliktpotential bei Ankaras Förderung einer pantürkischen Bewegung innerhalb der Russischen Föderation. Dort leben - wie Baschkiren oder Tataren - mehrere Turkvölker, zu denen Ankara wachsende eigene Beziehungen unterhält. Moskau habe hier laut Kortunow Angst vor einer türkischen Durchdringung des eigenen Staates und demzufolge einer Förderung des politischen Islam im eigenen Inland.

Die brüchige Verständigung

Auch die türkisch-russische Verständigung in Syrien steht nicht auf einem so stabilen Sockel, wie es bei Treffen zwischen Putin und Erdogan scheint. Die beiderseitigen Abkommen beruhen auf der Annahme, dass die Türken die Islamisten in Idlib zähmen, damit diese die Herrschaft von Moskaus Verbündeten Assad nicht mehr gefährden.

Nur deshalb hat Russland stillgehalten, als türkische Truppen gegen die kurdische Selbstverwaltung in Syrien vorgingen, davor ebenfalls eine Kraft, mit der sich die Russen gut arrangierten konnten. Zur "Zähmung" der Islamisten ist es aber nie gekommen, sondern nur zu immer weiteren Kämpfen rund um die Idlib-Zone, die nach russischem Verständnis ein Hort des dschihadistischten Terrorismus ist, nach türkischem ein Ort der Freiheit von Machthaber Assad.

Es zeigt sich an all diesen Beispielen - gerade das Thema des radikalen Islamismus ist aktuell der wichtigste Spaltpilz zwischen Ankara und Moskau. Erdogan nutzt diese Bewegung für eigene Interessen, für den Kreml ist dessen Bekämpfung eines der obersten Ziele der eigenen Außenpolitik. Es spricht viel dafür, dass sich an diesem generellen Gegensatz gerade eine neue russisch-türkische Krise entzündet, die auch vom gemeinsamen Gegensatz zum liberal-globalisierten Westen nicht überdeckt werden kann.

Hier darf man nicht vergessen, dass die Türkei nach wie vor Teil des westlichen Bündnissystems ist und bei ernsten politischen Streitigkeiten mit Russland sich dieser Tatsache einfach nur besinnen muss und Kleinigkeiten in eigenen Verhalten ändern. Kurzfristige Unterstützung aus der EU und Nato gegen einen Gegner in Moskau ist dann in jedem Fall gewiss. (Roland Bathon)