Putin: Türkische Regierung betreibt eine gezielte Islamisierung des Landes

Die auf dem Stützpunkt Hmeymim basierte russische Luftwaffe setzt die Angriffe auf turkmenische Rebellen fort. Bild: Russisches Verteidigungsministerium

Der türkische Außenminister soll sein Beileid ausgesprochen haben, Moskau signalisiert Kooperation selbst mit der Türkei in einer Anti-IS-Koalition, Türkei und Russland rüsten dennoch auf

Die Hinweise verdichten sich, dass die Türkei die russische SU-24 über syrischem Territorium abgeschossen hat - und vermutlich, so jedenfalls behauptet das russische Verteidigungsministerium, ohne zuvor die Piloten gewarnt zu haben. Ob es dann ein Versehen war oder eine gezielte Provokation, um türkische Interessen durchzusetzen, ist nicht klar.

Der türkische Präsident Erdogan beharrt darauf, dass das Flugzeug in den türkischen Luftraum eingedrungen sei und erklärte heute: "Wir haben nicht die Absicht, den Vorfall zu eskalieren. Wir verteidigen nur unsere Sicherheit und die unserer Brüder." Damit scheint er zu sagen, dass das russische Flugzeug deswegen abgeschossen wurde, weil die russische Luftwaffe in dem Gebiet, in dem es nach Erdogan keinen IS gibt, turkmenische Kämpfer angreift, die gegen die syrische Armee kämpfen.

Nach dem russischen Außenminister Lawrow hat dessen türkischer Kollege Mevlüt Çavuşoğlu während eines Telefongesprächs sein Beileid über den Vorfall ausgesprochen: "Wir hatten gestern von der türkischen Seite Erklärungen auf höherer Ebene erwartet", sagte Lawrow. "Der türkische Außenminister sprach zum Auftakt sein aufrichtiges Beileid zum Tod von russischen Soldaten aus und äußerte sein Bedauern zu dem Vorfall." Lawrow bezeichnete den Vorfall allerdings weiterhin als "geplante Provokation". Er erklärte auch, Russland werde wegen des Abschusses keinen Krieg mit der Türkei führen, man erwarte aber weitere Erklärungen. Er werde vorerst nicht in die Türkei reisen.

Auch der türkische Außenminister Ahmet Davutoğlu versucht, die Wogen zu glätten und bezeichnete Russland als "Freund und Nachbarn". Nachdem Moskau mit Wirtschaftsbeschränkungen drohte, scheint die türkische Regierung beilenken zu wollen. Es kommen nicht nur viele russische Touristen ins Land, der Großteil der Energieimporte stammt aus Russland, das das erste AKW in der Türkei bauen soll, geplant ist die Gaspipeline TurkStream, zudem liefert die Türkei viele Lebensmittel an Russland.

Putin wirft der türkischen Regierung eine Politik der Islamisierung vor. Bild: Kreml

Die türkische Luftwaffe verstärkte indes ihre Kontrollflüge an der Grenze. Nun werden dort statt bislang 12 F-16 Kampfflugzeuge 18 eingesetzt. Russland hingegen bringt nicht nur Kriegsschiffe vor die syrische Küste, sondern hat auch angekündigt, die Operationen der syrischen Armee in Latakia an der türkischen Grenze weiter mit Luftangriffen zu unterstützen, während man, so berichtet Interfax, ein S300-Flugabwehrraketensystem mit einer großen Reichweite auf dem russischen Luftwaffenstützpunkt Khmeimim installieren will, der gerade einmal 20 km von der türkischen Grenze entfernt ist. Der russische Verteidigungsminister Sergey Shoigu sprach hingegen von einem S400-System.

All das sind Muskelspiele und Drohgebärden, die aber das Risiko für einen weiteren Vorfall erhöhen. Das könnte schon deshalb der Fall sein, weil nun russische Kampfflieger wohl auch aus Rache noch stärker Stellungen turkmenische Kämpfer bombardieren werden. Diese hatten gestern auf den russischen Piloten geschossen und ihn getötet, als er am Fallschirm zu Boden sank. Der zweite Russe konnte sich retten und war von syrischen Soldaten aufgenommen worden.

Moskau verhält sich ambivalent. Man scheint weiterhin bereit zu sein, eine Koalition zum Kampf gegen den IS mit Frankreich, den USA und sogar der Türkei und anderen Ländern zu bilden, sagte heute der russische Botschafter in Frankreich, Alexandre Orlow, auch im Vorblick auf das Treffen Hollande-Putin morgen in Moskau.

Gleichzeitig wird die Kritik Putins an der Türkei schärfer. Gestern hatte er schon beklagt, dass der Abschuss des Kampfflugzeugs ein Schuss in den Rücken gewesen sei, abgefeuert von "Helfern der Terroristen" (Putin: "Man hat uns in den Rücken geschossen"). Jetzt warf er der AKP-Regierung vor, dass sie den IS unterstütze und selbst eine Islamisierung betreibe: "Die jetzige Führung der Türkei betreibt seit Jahren in der Innenpolitik eine ganz bewusste Islamisierung ihres Landes."

Russland unterstütze den Islam, der eine der Weltreligionen ist, aber im Fall der Türkei "handelt es sich um die Unterstützung einer radikaleren Richtung. Das schafft eine sehr ungünstige Atmosphäre". Putin stellte sich hinter die Reisewarnung, die das Außenministerium für die Türkei gegeben hat, und wies warnend darauf hin, dass es weitere solche Vorfälle geben könne, auf die Russland dann reagieren müsse. (Florian Rötzer)

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