Putin ist noch am Leben - zumindest in Russland

Wladimir Putin gestern bei einer Videokonferenz mit Alexei Zydenow, Präsident der Republik Burjatien. Sieht Putin krank aus? Glücklich oder zufrieden eher nicht. Bild: Kreml/CC BY-4.0

Eine ganze Flut von Artikeln gab es zu Gerüchten um Putins Gesundheitszustand in deutschsprachigen Medien in den letzten Tagen

Wenn ein Blatt der Regenbogenpresse schreiben würde, ein Prominenter habe - laut Gerüchten - gleichzeitig Parkinson, Alzheimer und Depressionen wäre das Gelächter unter "ernsthaften" Politjournalisten groß. Geht es aber um Russlands Präsident Putin darf man derartiges in Berichten der renommiertesten Nachrichtenanbieter wie der Tagesschau, dem Focus oder der Frankfurter Rundschau lesen. Schon im ersten Kalten Krieg war es so, dass die gewöhnliche Astrologie zwar ein Boulevardthema war - Kreml-Astrologie jedoch ist gehobene politische Kunst.

Worauf basieren die Gerüchte, die die Créme der politischen Analyse im deutsch- und übrigens auch im englischsprachigen Raum so beschäftigen? Die jüngste Reise der Putin-Akten durch den deutschen Blätterwald begann diesmal in der Frankfurter Rundschau. Dort durfte man lesen, Putin spiele kaum noch öffentlich Eishockey, ein liberaler, russischer TV-Sender namens Doschd bemerkte einen Hustenanfall, eine Promi-Mausseurin erzählt von Politikererwartungen einer großen Veränderung und Putin verlasse seinen Anti-Coronabunker in Nowo-Ogarjowo bei Moskau kaum noch. An den "Belegen" ist schon etwas zu spüren, wie nah Kremlastrologie doch an der Ursprungskunst der Sterndeuterei ist.

Kronzeuge für allerlei Behauptungen über Putins Gesundheit in Russlands ist ein Historiker namens Waleri Solowej, von dem die Tagesschau feststellt, dass er Absolvent der sehr renommierten Elite-Diplomatenschule MGIMO in Moskau ist. Er berichte beim Radiosender Echo Moskwy von Parkinson und Krebs bei Putin und einer Machtübergabe im Januar wegen Medikamenten mit schweren Nebenwirkungen. Auch das russische Staatsfernsehen glänze laut der ARD-Hörfunkredakteurin Christina Nagel vor allem mit verdächtigen Rückblicken von Putins Amtszeiten und ein Telegram-Kanal "angeblich von Ex-Geheimdienstlern" meine laut ihr ebenso, dass Putin schwer erkrankt sei.

Putins Gesundheit kein Thema in Russland?

In Russland ist also der unmittelbar bevorstehende Umbruch eine fast sichere Sache? Wer dazu in die russische Presse schaut, dem fällt vor allem eine Sache sofort auf: Es gibt über den aktuellen Gesundheitszustand des eigenen Präsidenten scheinbar kaum Beiträge - auf jeden Fall wesentlich weniger als auf Deutsch -, egal ob es sich nun um regierungsnahe oder liberale Medien handelt. Das mutet merkwürdig an, müssten doch massive Sorgen um die Gesundheit des Staatsoberhauptes ein News-Brennpunkt sein. Sie sind es nicht.

Die Gerüchte um eine vorgeblich angeschlagene Gesundheit Putins sind nicht neu. Interessanterweise berichtete Echo Moskwy tatsächlich bereits im Juli über solche und bezog sich als Quelle auf "ausländische Boulevardzeitungen" wie die britische Daily Mail und The Sun. Diese wurden vom Kreml natürlich damals dementiert.

Dass solche Meldungen vor allem im Ausland kursieren, stellen noch andere russische Zeitungen dar. Auf diese Gerüchte sprach Echo Moskwy in einem Interview im November tatsächlich den besagten Historiker Solowej an, der meinte, er glaube an diese ausländischen Meldungen, was einige Zuhörer des Interviews zu recht boshaften Kommentaren animierte.

Wer ist Walerj Solowej?

Wer ist Walerj Solowej? Tatsächlich ist er Absolvent und früherer Professor der erwähnten Hochschule MGIMO, die neben Sergej Lawrow weitere spätere russische Außenminister besucht haben. Doch zu den legendären Absolventen der Kaderschmiede, die jedem der dortigen Studenten geläufig sind, gehört er nicht, und ein Aufenthalt an der Hochschule garantiert auch keine Aufnahme in Kreml-Insiderkreise. So weit bringen es selbst dort nur die wenigsten, denn hinter die Kulissen des Kreml blicken in Russland real nur sehr wenige.

Einen gewissen Namen hat Solowej nur in oppositionellen Kreisen als heftiger Kritiker Putins. In seinem Kampf, der ihn Anfang des Jahrzehnts von erst nationalistischen zu jetzt eher liberalen Strömungen führte, hatte er nie Probleme mit gewagten Behauptungen. In einem Interview mit der russischen Zeitung ZNAK machte er etwa 2016 die Prognose, dass nach den damals bevorstehenden Dumawahlen für die Russen Ausreisebeschränkungen ins Ausland eingeführt werden.

Hier stellt sich schon die Frage, ob nicht auch seine Behauptungen über Putins Gesundheitszustand ähnlich gewagte Thesen ohne echte Grundlage sind, die er aus politischem Kalkül verbreitet. Denn nichts würde den aktuellen Herrschaftsapparat derart erschüttern wie ein Rücktritt Putins.

Fragwürdige Indizien für gewagte Thesen

Auch die übrigen Indizien, die die Frankfurter Rundschau oder die Tagesschau in Boulevardmanier für Krebs, Parkinson und Depressionen zusammentragen, sind bei einer näheren Betrachtung nicht so stichhaltig, wie ihre Autoren suggerieren. So gab es für Putin - aufgrund der Corona-Pandemie - tatsächlich weniger Möglichkeiten, bei großen Sportgalas den Eishockey-Crack zu markieren, als in früheren Jahren.

Was das seltene Verlassen des Landsitzes in Nowo-Ogarjowo angeht, so führten allgemein auch deutsche Meldungen diese sonst auf die Angst Putins vor der Ansteckung mit dem Coronavirus zurück. Jeder Besucher muss vor persönlichen Begegnungen mit Putin in Quarantäne, war dazu - vor der Ferndiagnose Krebs/Parkinson - in deutschen Zeitungen zu lesen.

Promi-Masseurinnen und anonyme Telegram-Feeds als Quelle sind dann am Ende noch die allerunterste Schublade an "Belegen", die ein Journalist für eine gewagte These aus dem Hut ziehen kann, und sollten eigentlich in Leitmedien der politischen Art eher keine Erwähnung finden. Hier ist man dann doch endgültig auf dem Niveau des Kaffeesatzlesens zur Deutung der Weltpolitik angekommen.

Geheimer Putin - geheimer Kreml

Natürlich ist Putin selbst schuld, wenn bei seinen Hustenanfällen wilde Spekulationen entstehen. Denn er macht aus seinem Privatleben ein riesiges Geheimnis, bestätigt nach Möglichkeit nicht einmal die Identität seiner Töchter, sein einziger öffentlich bekannter Privatfreund ist seit Jahrzehnten tot. Das bietet natürlich in Kombination mit dem mythischen Ruf des Kremls an sich einen idealen Nährboden für journalistisches Nebelstochern. Gezwungen zur Beteiligung ist dabei jedoch niemand und solche Praktiken sollten doch eher der Bild-"Zeitung" als der Tagesschau vorbehalten sein.

Wie steht es denn nun um die Gesundheit des wichtigsten Mannes in Russland? Der Autor dieser Zeilen muss bekennen, dass er eigentlich keine Ahnung hat und Putins Ärzte auch nicht persönlich kennt, da er nicht zum erlauchten Kreis der Kreml-Insider gehört. Vielleicht stellt ein mutiger Journalist ihm eine entsprechende Frage bei seiner in Kürze anberaumten Jahrespressekonferenz. Dann haben wir zu diesem Thema immerhin eine offizielle Stellungnahme aus erster Hand. Ob die Astrologen bei ARD & Co. in die richtige Glaskugel geschaut haben, wissen wir aber dann definitiv im Februar. (Roland Bathon)