"Putin und Russland sind eine ideale Vogelscheuche"

"Die Liberalen haben einen neuen Stalin-Kult geschaffen"

Ist die Linke in Russland nicht auch deshalb schwach, weil die Erinnerung an Gulags und Repression zu Zeiten der Sowjetunion und insbesondere unter Stalin immer noch wach ist und die linke Idee diskreditiert?
Vasily Koltashov: Die Bloßstellung Stalins durch die russischen Liberalen hat einen neuen Stalin-Kult geschaffen und dazu geführt, dass man vom Terror in dieser Zeit nichts wissen will. Schuld daran sind die Kritiker von Bolschewismus, Stalin und der UdSSR. In den Augen der Bevölkerung sind die Liberalen die "Zerstörer des Landes" und "amerikanische Schoßhündchen".
Die Gesellschaft will den Wiederaufbau eines sozialen Staates. Stalin wird als Jemand angesehen, der die Feinde des Landes beseitigen konnte. Die Einzelheiten interessieren die Menschen heute nicht. Das ist ähnlich wie in Frankreich 1816 bis 1830, als die alte Ordnung wieder hergestellt wurde. Das Volk wollte die Republik und zu gleicher Zeit Napoleon, "der das Pack besiegt". Die Kritik an Bonaparte von Seiten der Reaktion wurde aufgefasst als Versuch, den Volkswillen zu verleumden. Später haben die Franzosen verstanden, dass die Republik und Napoleon etwas Verschiedenes sind. Die Russen werden das auch verstehen. Aber jetzt müssen sie sich erstmal mit den Neoliberalen beschäftigen.
Protestkundgebung russischer Bürger: Wir leben nicht - wir kämpfen ums Überleben, 2015. Bild: MPRA
Manche Linke in Deutschland meinen, dass es keine gemeinsamen Interessen mit Russland geben kann, weil Russland von Kapitalisten und sogar Imperialisten regiert wird. Gibt es Ihrer Meinung nach gemeinsame Interessen zwischen Russland und Deutschland, für die auch ein Linker ohne Scham eintreten kann?
Vasily Koltashov: Ich habe von 2007 bis 2013 in Griechenland gelebt und die Krise und den Einfluss der EU auf das Land untersucht. Und ich kann Ihnen sagen, in der EU gibt es keinen schrecklicheren, geizigeren und zerstörerischen Imperialismus als den deutschen. Russland ist keine vollständig imperialistische Macht, denn der russische Kapitalismus basiert auf der Rohstoffproduktion.
Unsere "Falken" wissen nicht, warum sie den Donbass und die Ukraine besetzen sollen, weil man "die Menschen dort ernähren müsste" und wertvolle Rohstoffe gibt es dort nicht. Dafür sind die EU und die USA wesentlich erfahrener und sie gehen entschiedener vor. Mit Hilfe des IWF rauben sie die Ukraine aus und kümmern sich nicht darum, dass die Menschen dort immer ärmer werden.
Putin und Russland sind eine ideale Vogelscheuche für die Bürger in der EU, aber die Eurokratie hat vor Russland keine Angst. Die Eurokratie ist in einer Angriffsposition. Das russische Regime versucht sich so gut es geht zu schützen und versucht eine Verständigung mit der EU. Die russische Führung versteht nicht, dass das europäische Finanzkapital Russland als abhängiges, kontrolliertes Land braucht und nicht als selbstständiges Zentrum mit eigenem Kapital und eigener Politik. Die russische Elite hat sich ihr Kapital ungesetzlich angeeignet. Das wissen alle. Daraus folgt, dass man es den Besitzern auf gesetzlicher Grundlage wegnehmen und nach den in der EU üblichen Prozeduren neuen Besitzern übergeben kann.
Der Konflikt zwischen der EU und Russland kann nicht leicht gelöst werden. Er betrifft jeden Russen, jede Russin und deshalb ist die Popularität von Putin hoch. Von ihm wollen die Menschen nur eines: Er soll nicht aufgeben und nicht zulassen, dass Russland sich in eine Ukraine verwandelt.
In Eurasien haben alle Arbeitenden gemeinsame Interessen, unabhängig von der Nationalität. Russland ist ein Land mit einem neoliberalen Kapitalismus. Die EU ist ein Block von Ländern, hinter denen die USA steht. Im Kern brauchen wir alle ein anderes, vom Neoliberalismus befreites Europa. Wir brauchen eine gemeinsame Wirtschaft, um uns zu entwickeln und einen sozialen Staat. Wir brauchen eine Vereinigung von Staaten nach anderen, nicht neoliberalen Prinzipien. Doch der Kampf dafür hat gerade erst begonnen. Und wahrscheinlich wird in Europa eine qualitative Änderung zum Besseren in Russland beginnen, das man versucht in die Ecke zu drängen, wodurch die gesellschaftlichen Wiedersprüche aber nur verschärft werden.

Vasily Koltashov, Leiter des Zentrums für wirtschaftliche Forschungen im Institut für Globalisierung und soziale Bewegungen (IGSO), Mitarbeiter der Moskauer Plechanow-Wirtschaftsuniversität. Experte für Wirtschaftskrisen und Methoden der Wachstumsförderung. 2007 bis 2013 Forschungsaufenthalt in Griechenland. Schreibt für rabkor.ru, vz.ru, svpressa.ru und andere Medien. Arbeitet parallel im Bereich Reklame und PR-Consulting. Absolvent der Sibirischen Eisenbahnuniversität (SGUPC). Aktiv in der linken Bewegung Russlands seit 1999. Als oppositioneller Marxist 2006 aus der KPRF ausgeschlossen.

(Ulrich Heyden)