Putin warnt in Weltkriegsrede vor "maßlosen Ambitionen politischer Eliten"

Europa 1914. Karte: United States Military Academy

Russische Zeitung wirft Deutschland "Nibelungentreue" zu den USA vor

Am 28. Juni 1914 erschoss ein bosnischer Terrorist den österreichisch-ungarischen Thronfolger samt Ehefrau. Daraufhin beschuldigte die Regierung der Donaumonarchie das Königreich Serbien, nicht entschieden genug gegen Terrorgruppen vorzugehen und stellte dem Balkanstaat am 23. Juli 1914 ein Ultimatum, das absichtlich unannehmbar formuliert war. Als die serbische Regierung Ermittlungen österreichischer Strafverfolger unter Verweis auf die serbische Verfassung ablehnte, begann der K.u.K.-Staat am 29. Juli mit dem Beschuss von Belgrad.

Am Tag darauf machte die russische Armee mobil, einen Tag später erklärte das Deutsche Reich, dessen Kanzler am 6. Juli 1914 Österreich-Ungarn einen Bündnis-Blankoscheck ausgestellt hatte, Russland den Krieg. Am 3. August folgte die Kriegserklärung Deutschlands an Russlands Bündnispartner Frankreich - als Kriegsgrund diente ein erfundener Luftangriff auf Nürnberg. Als die deutschen Truppen unter Bruch des Londoner Vertrages von 1839 versuchten, Paris durch das neutrale Belgien einzunehmen, stellte Großbritannien dem Reich ein Ultimatum, dessen Verstreichenlassen den ersten Weltkrieg voll entfachte.

An den Beginn dieses Krieges wird derzeit überall in Europa erinnert. Auch in Moskau, wo Staatspräsident Wladimir Putin ein neues Denkmal für die Opfer dieses Konflikts einweihte. Bei der Rede zu dieser Einweihung erwähnte er den aktuellen Konflikt in der Ukraine nicht direkt, wählte aber Worte und Beispiele, die sich unschwer als Warnung deuten lassen:

Der Erste Weltkrieg erinnert Putin zufolge in tragischer Weise "daran, wozu Aggression und Egoismus, maßlose Ambitionen der Staatenführer und politischen Eliten führen, die sich über den gesunden Menschenverstand erheben". Vermeiden ließen sich solch ein Krieg und dessen Folgen durch "guten Willen", "Dialog", gegenseitiges Zuhören und einen Verzicht auf Gewalt. 1914 habe das Zarenreich vergeblich versucht, den Konflikt zwischen Serbien und Österreich-Ungarn mit friedlichen Mitteln beizulegen: "Aber Russland wurde nicht erhört und musste seinen slawischen Brüdern zu Hilfe kommen und sich selbst und seine Bürger gegen eine Aggression aus dem Ausland verteidigen."

Auch die russische Zeitung Nesawissimaja Gaseta zieht Parallelen zwischen den heutigen Situation und der zu Beginn des Ersten Weltkriegs: Sie kritisiert Berlins "Nibelungentreue" und verwendet dabei einen Begriff den Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow nach der Annexion Bosnien-Herzegowinas für die unbedingte Unterstützung Österreich-Ungarn prägte. Die Rolle der K.u.K.-Monarchie nehmen der Zeitung zufolge heute die USA ein, deren Politik die deutsche Regierung auch nach immer neuen NSA-Enthüllungen weiter unterstützt.

Am Donnerstag hatte Gernot Erler, der Russlandbeauftragte der deutschen Bundesregierung, vor einer "schreckliche Eskalation" der Ukrainekrise gewarnt, die drohe, wenn Putin interveniert, um die russische Minderheit in der Ostukraine zu schützen. Der russische Staatspräsident steht dem SPD-Politiker zufolge "unter sehr starkem Druck, die von ihm unter Schutz genommenen russischsprachigen Bewohner der Ostukraine nicht im Stich zu lassen". Es plädiert deshalb für eine Unterbrechung des Vormarschs der Kiewer Truppen, damit eine Lösung gefunden werden kann, bei der "niemand als Verlierer vom Feld geht".

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