Putins Russland, Thomas Hobbes und der Kampf gegen das Establishment

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Der Wal und die Wahrheit: Hiob trifft "Michael Kohlhaas": Andrey Zvyagintsevs Film "Leviathan"

"Akhnaten" heißt die Oper von Phil Glass, die zu Anfang und zu Ende dieses Films aus allen Kino-Boxen dröhnt, zu deutsch "Echnaton". Benannt nach jenem altägyptischen Pharao, der gegen den etablierten ägyptischen Götterhimmel rebellierte, den Monotheismus einführen wollte - und damit scheiterte. Solche Referenzen, solche Bezüge zum Großen der Menschheitskultur und zugleich zu Geschichten vom Kampf der Menschen gegen die göttliche Ordnung, vom Widerstand gegen die Macht, gibt es viele in "Leviathan", dem großartigen, widersprüchlichen, anstrengenden, faszinierenden vierten Film des Russen Andrey Zvyagintsev, der hier selbst so eine zeitlose und doch ganz gegenwärtige Geschichte erzählt.

Es beginnt mit statischen Bildern einer menschenleeren, felsigen, archaischen Küstenlandschaft - zu der erwähnten, immer irgendwie koyanitsquaatsihaften Phil-Glass-Musik. Allerdings bemerkt man Straßen und Stromtrassen zwischen der mächtigen Natur. Das Licht scheint eines aus dem hohen Norden zu sein, und wüsste man nicht, dass es sich um einen russischen Film handelt, vermutete man, es sei Island oder Nordnorwegen. Hier liegen auch langsam vor sich hin rottende Schiffswracks und das riesige Gerippe eines Walfischs herum. Niemand nimmt davon noch Kenntnis, irgendwie Alltag. Hier spielt der Film, in einer kleinen gottverlassenen Fischerstadt irgendwo am nordwestlichen russischen Polarmeer.

Was ist der Leviathan? Das ist hier die Frage. Es ist die Natur selbst, das Meer, die menschenleere Landschaft.

Ein Mann lebt hier in einem großen Haus, mit seiner gutaussehenden zweiten Frau, dem Sohn aus erster Ehe und vielen Büchern. In den ersten Minuten sieht man diesen Kolya, er ist Fischer und Mechaniker. Im Morgengrauen fährt er los und holt einen anderen vom Provinzbahnhof ab; es sind zwei Freunde aus der Armeezeit, sie verstehen sich gut, vertrauen sich: Dimitri, der Besucher trägt einen Anzug, er kommt aus der Großstadt und ist, man erfährt es schnell, Rechtsanwalt.

Wir lernen die Familie des Einheimischen kennen, seine junge, hübsche und energische Frau Lilya und den halberwachsenen Sohn, dessen Mutter verstorben ist. Und das Haus, in dem er lebt: alt, schön, über dem Dorf gelegen mit großen Fenstern und prächtigem Blick, innen vollgestopft mit alten Dingen, Möbeln, Literatur.

Man erfährt, dass es um dieses Haus einen Gerichtsprozess gibt, der Bürgermeister hat es darauf abgesehen, der Anwalt aus der Metropole soll helfen. "Ich glaube, heute wirst Du verlieren", sagt er, und kurz darauf verliest die Richterin im minutenlangen monomanischem Stakkato-Ton das Urteil, eine absurde Szene, in der die Kamera langsam auf Richterin zufährt, auch das dauert Minuten.

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Am Abend dann kommt der Bürgermeister, der es auf das Haus abgesehen hat, unangemeldet an die Tür, im dicken Auto, mit Leibwächter, besoffen, trunken auch von seiner Macht. Er droht Kolya unverhohlen, ein Abbild von Korruption, Macht, Gewalt. Diese Figur repräsentiert alles, auch die Partei, das Provinzfürstentum, das, was man heute Oligarchie nennt. Aber es könnte alles auch ein Priester zur Zeit von Peter dem Großen sein, ein Adeliger im 18. Jahrhundert, ein Beamter der Zarenzeit in einem Roman von Turgenjew oder Dostojewski. Ist das nun zeitlos oder unpräzis? Geraune oder das ewige Rußland?

Was ist der Leviathan? Die Bürokratie ist der Leviathan.

Recht, Gerechtigkeit, Rache

"Sie haben nicht das Recht, sich hier aufzuhalten. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig."
"Du Abschaum hast noch nie irgendwelche Rechte gehabt. Weder hast du welche, noch wirst Du je welche haben."

Filmdialog

Um Recht und höhere Gerechtigkeit geht es hier also, aber eben auch um deren Schattenseiten, um Ungerechtigkeit und Willkür.

Auf den ersten Blick bereits mischt "Leviathan" die biblische Geschichte von Hiob mit Kleists "Michael Kohlhaas". In der Figur des Kolya kommen sie zusammen: Der gottesfürchtige, glaubenstreue Leidende und der Gerechtigkeitskämpfer gegen das Establishment.

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Denn dieser neuzeitliche Kohlhaas muss nicht allein mit seinem Glauben ringen, sondern vor allem mit seinem Staat, der, dem alttestamentarischen Gott gleich, machtvoll, autoritär, oft willkürlich und gelegentlich rachedurstig agiert. Der Anwalt versucht den Bürgermeister zu erpressen - und ganz kurz hält man es für möglich, dass dies Erfolg haben könnte. Aber da hängen wir Zuschauer schon am Haken. Die Macht gibt nicht klein bei.

Eine der eindrucksvollsten Szenen ist ein Sonntagsausflug von Kolya mit Familie und Freunden. Man trinkt viel Wodka und zielt auf Schießscheiben, auf denen Fotos die Gesichter der ehemaligen Führer Russlands zeigen: Lenin, Stalin, Breschniew, Gorbatschow, Jelzin. Einer sogar mit einer Kalaschnikow, einfach, weil Ballern Spaß macht.

"Und habt ihr nicht was Zeitgenössischeres?" fragt einer. "Lass sie noch ein bisschen an der Wand reifen." Dies ist eine der lustigsten Szenen, fast wie aus einem Western, dabei grotesk in der Mischung aus Geballer und Wodka-Saufen. Man lacht - und denkt: Ein schreckliches Volk.

Was ist der Leviathan? Der Staat ist der Leviathan.

Gott, Putin, Propaganda

Man sollte "Leviathan", auch wenn diese Sichtweise noch so verführerisch sein mag, dennoch nicht auf das Offensichtliche reduzieren, nicht auf die Kritik am sündhaften politischen System Russlands, das durch Vladimir Putin eher repräsentiert wird, als dass es von ihm geschaffen wurde.

Putins Russland, Thomas Hobbes und der Kampf gegen das Establishment (12 Bilder)

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"Leviathan" zwingt schon durch seine Machart zu einem grundsätzlicheren Verständnis: Man wird hier die Ideen der großen russischen Schriftsteller ebenso finden wie die bedeutender sowjetischer Filmemacher. Die Rebellion gegen Gott und Staat ebenso wie das Bild einer kosmischen Gleichgültigkeit.

Es geht um Gott, und es geht um universale Vergebung. Immer wieder Szenen mit einem Priester. Vor allem die Schurken brauchen die Kirche. Vor allem die Schurken brauchen Vergebung, göttlichen Beistand. Oder Propaganda.

Was ist der Leviathan? Die Kirche ist der Leviathan.

Ein Stein wird ins Wasser geworfen und zieht Kreise. Lilya arbeitet in der Fischfabrik, ihre Freundin sagt zu ihr: "Men are all the same, first you are pretty, then they wanna kill you." Dass sie etwas mit Dimitri, dem Anwalt und vertrauenswürdigen Freund des Gatten, hat, das steht zunächst nur seltsam als Andeutung im Raum. "Man is the most dangerous animal", sagt die Freundin am See.

Später sagt Dimitri zu Lilya: "Kommst Du mit mir?" Sie: "Ich verstehe Dich nicht." Sie bleibt bei Kolya, fragt: Willst Du Kinder? Sie hat jetzt Depressionen. Der Sohn hasst sie. Dann ist sie weg.

Was ist der Leviathan? Der moralische Abgrund, die Sünde ist der Leviathan

Der Wiedergeburt der russischen Seele

Man muss zugeben: Ein sehr eindrucksvoller Film, der Bestand hat, eher besser wird in den Stunden und Tagen nach dem Sehen. Man kann sagen: Zumindest darin ein zynischer Film, als dass er sich sämtlicher Klischees bedient, die die Westeuropäer von Russland haben. Und das als Russe. Ist da nicht auch etwas Selbsthass der russischen Intelligentsia?

Was ist der Leviathan? Der politisch-ökonomisch-religiöse Komplex ist der Leviathan.

Lilya wird tot am Strand gefunden. Kolya wird wegen Mordes verurteilt, 15 Jahre: "That will teach him, to know his place", sagt der Bürgermeister. Dann kommen Bagger, reißen das Haus ein.

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Im Gottesdienst zitiert der Priester "Alexander Newski", spricht von der "Renaissance der russischen Seele" - auch das so ein Klischee. Aber es ist nicht auszuschließen, dass Russland ein einziges Klischee seiner selbst ist. Die Frage bleibt nur, ob man es so zeigen sollte, auch wenn man Russe ist.

Dann die üblichen Phrasen gegen die Moderne, gegen "Relativismus": "How can one preach freedom while destroying the foundations of society? Freedom is finding gods truth. God sees everything."

Gottes Wege sind unergründlich

"Alle Macht kommt von Gott. Solange es dem Herrn beliebt, musst Du Dir keine Sorgen machen."
"Aber beliebt es ihm denn?"

Filmdialog

"Leviathan" - dieser Titel hat, wie der ganze Film, ein Doppelgesicht. Er meint den Walfisch der biblischen Hiobgeschichte - und man sieht im Film nicht nur das Walgerippe am Strand, sondern auch einmal an entscheidender Stelle einen leibhaftigen Wal, der kurz aus dem Meer auftaucht.

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Aber der Leviathan, das ist auch der Titel für den Rohentwurf des neuzeitlichen Staates, der vom Briten Thomas Hobbes Mitte des 17. Jahrhunderts stammt. Dort wird der starke, absolutistische Staat beschrieben, der nichts garantiert außer dem nackten Leben. Aber auch hier ein doppelbödiger Sinn: Denn Hobbes war auch der erste Staatstheoretiker, der den Menschen ein Widerstandsrecht einräumte.

Für Kolya geht - wie bei Hiob - alles schief, was nur schiefgehen kann. Er verliert sein Haus, seine Frau, seinen Sohn und seine Freunde, seine Arbeit, aber er verliert auch seine Ehre und seine bürgerliche Existenz. "Wo ist er, der Gott, der Barmherzige?" - "Gottes Wege sind unergründlich."

Was ist der Leviathan? Alles ist der Leviathan. (Rüdiger Suchsland)

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