Putzkräfte leisten für die Gesellschaft mehr als Banker

Eine Studie versucht zu demonstrieren, dass hohe Einkommen keineswegs mit mehr Leistung verbunden und für die Gesellschaft wichtiger sind als schlecht belohnte Jobs

Die "Leistungsträger", die sich gerne so nennen, um ihren Anspruch auf hohe Einkommen zu rechtfertigen, und politische Parteien, die für den Mittelstand eintreten und damit die "Leistungsträger" meinen, degradieren gerne andere Tätigkeiten und sagen, man müsse den Reichen noch mehr geben, damit sie mehr investieren und Arbeitsplätze schaffen. Der britische Think Tank nef (new economic foundation) hat sich nun mal daran gemacht, den gesellschaftlichen Wert von Tätigkeiten einzuschätzen und kommt dabei keineswegs zu dem Ergebnis, dass gesellschaftlich wertvolle Tätigkeiten mit einem höheren Einkommen belohnt werden.

Natürlich stehen die exorbitanten Boni der Banker und Spekulanten, deren Gewinnstreben für die Finanzkrise mit verantwortlich gemacht wird, im Vordergrund der Studie A Bit Rich, die die Leistung von Tätigkeiten für die Gesellschaften anhand von drei hoch bezahlten Jobs (Banker, Werbedesigner, Steuerberater) und drei schlecht bezahlten Jobs (Putzkraft in einem Krankenhaus, Arbeiter in einem Recycling-Werk, Kinderbetreuer) quantitativ durch den "social return of investment" (soziale Kapitalrendite) zu bewerten sucht.

Die Stiftung will andere Werte als Reichtum und Profit durchsetzen und attraktiv machen, um die Ausrichtung der Gesellschaften zu verändern. So veröffentlicht sie auch den Happy Planet Index, der die 143 Länder der Welt nach der Zufriedenheit ihrer Menschen, ihren ökologischen Fußabdruck oder der Lebenserwartung ihrer Bürger bewertet. Die reichen Industrieländer finden sich in diesem Index eher in der Mitte, ganz oben liegen vor allem lateinamerikanische Länder, an erster Stelle Costa Rica, gefolgt von der Dominikanischen Republik, Jamaika oder Guatemala. Erst an 51. Stelle rangiert hier Deutschland zwischen der Schweiz und Jemen, die USA sind weit hinten an 114. Stelle zwischen Madagaskar und Nigeria.

Ähnlich geht die Studie davon aus, dass die wachsende Kluft zwischen Reich und Arm gefährlich sei, ein Mindesteinkommen nicht ausreiche und ein Höchsteinkommen notwendig wäre. Man tritt für den sozialen Umbau der Gesellschaft, eine höhere Besteuerung der Reichen und höhere Entlohnung der gesellschaftlich wirklich wichtigen Arbeit ein. In aller Regel werden die externen Kosten von Waren und Diensten, die in Gesellschaft und Umwelt entstehen, nicht in die Kapitalrendite einbezogen, weswegen zu viele billige, aber schädliche Waren oder Finanzprodukte angeboten werden. Ähnlich sei dies bei Tätigkeiten, bei denen der soziale Wert nicht mit einbezogen werde, weswegen wichtige Jobs wie die in Sozialarbeit oder Kinderbetreuung schlecht bezahlt würden.

Die Autoren wollen mit ihrer Studie viele der Mythen untergraben, die sich tatsächlich als scheinbare Wahrheiten in den Köpfen festgesetzt haben. Wer mehr verdient, arbeitet mehr, die Privatwirtschaft ist besser als der öffentliche Dienst, die Reichen tragen mehr zur Gesellschaft bei als die Armen, Aufstiegschancen gibt es für alle etc.

Erwartbar kommen die Banker in London, die zwischen 500.000 und 10 Millionen Pfund verdienen, nicht gut weg. Für jedes Pfund, das sie durch ihre Arbeit "erwirtschaften", würden sie 7 Pfund an sozialem Wert zerstören. Obwohl die City-Banker für das Land so entscheidend sein sollen, tragen sie nur 3 Prozent zum BIP bei, werden vom Finanzsektor wenig Jobs geschaffen und ist der Rückfluss durch Steuern nicht sehr hoch. Desaströs sei jedoch ihr Beitrag zur Finanzkrise und zur Zerstörung der Wirtschaft und der Steuern. Bei Kinderbetreuern soll es umgekehrt sein. Mit jedem Pfund, das sie verdienen, erzeugen sie zwischen 7 und 9,5 Pfund an Wert für die Gesellschaft. Sie seien nicht nur wichtig für die Familien, sondern ermöglichen es auch Eltern, vor allem Frauen, trotz Kinder zu arbeiten, während sie den Kindern zusätzliche Lernmöglichkeiten bieten. Putzkräfte im Krankenhaus würden pro Pfund Lohn 10 Pfund an sozialem Wert erzeugen, bei den Arbeitern in einer Recyclingproduktion seien es sogar 11 Pfund.

Das ist offenbar sehr oberflächlich geschätzt, bei den Bankern wird die Finanzkrise diesen angelastet, die ja nicht ständig herrscht, auch wenn die Folgen für die Gesellschaft durch die erhöhte Verschuldung über Jahre und Jahrzehnte spürbar sein können. Die Steuerberater kommen ganz schlecht weg, weil sie den Reichen helfen, noch weniger Steuern zu zahlen – nämlich 25 Milliarden jährlich -, als sie ihrem Reichtum angemessen zahlen müssten. Sie vernichten für jedes Pfund, das sie schaffen, 47 Pfund an gesellschaftlichem Wert. Präzision der Daten sei nicht die Zielrichtung des Berichts gewesen, sagen die Autoren zutreffend. Ihre Zahlen und Vergleich sind also grobe Schätzungen, die teils recht willkürlich erscheinen. Aber da die Menschen vor allem Zahlen glauben, könnte der Bericht ein Anfang sein, die Tätigkeiten gesellschaftlich anders zu bewerten – und die dabei die externen Kosten miteinzubeziehen. (Florian Rötzer)

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