QFD: Qualitätsfilter oder Zensur?

Symbolbild: Matthew Mapleveins. Lizenz: CC BY 2.0

Twitter macht manche User faktisch unsichtbar, ohne ihnen das mitzuteilen

Twitter hat in den letzten beiden Monaten 70 Millionen Konten gesperrt. Diese Sperren begründet der Kurznachrichtendienst außer mit dem Vorwurf, es handle sich um Bots, mit Verstößen gegen Nutzungsbedingungen, die Inhalte verbieten, welche "belästigen, einschüchtern oder verängstigen, um die Stimme eines anderen Nutzers verstummen zu lassen".

Nutzer, deren Tweets man nichts von alldem vorwerfen kann, könnten anwaltlich gegen Twitter vorgehen, wenn sie zensiert werden. Dazu müssen sie allerdings wissen, dass das geschieht. Bei einer Sperre ist das schnell klar. Anders sieht es aus, wenn Twitter Nutzer über seinen "Qualitätsfilter" (QF) weitgehend unsichtbar macht. Dann merken Nutzer erst einmal nichts davon, dass ihre Tweets anderen Nutzern nur dann angezeigt werden, wenn diese das bei jedem Twitter-Aufruf explizit einstellen.

Twitter räumt inzwischen ein, dass man die QF-Technik nicht bei Verstößen gegen Nutzungsbedingungen einsetzt, sondern gegen "Verhaltensweisen, die die öffentlichen Unterhaltungen auf Twitter verzerren und beeinträchtigen". Das habe "Missbrauchsmeldungen in der Kategorie Konversation um acht Prozent verringert".

Dafür gibt es, wenn man so will, zahlreiche Missbrauchsmeldungen in der Kategorie "Qualitätsfilterdiskriminierung" (abgekürzt: QFD). Diese Missbrauchsmeldungen geben Nutzer allerdings nicht nur bei Twitter selbst ab, sondern öffentlich - zum Beispiel bei Politikern, die selbst auf dem Kurznachrichtendienst aktiv sind. Die FDP-Generalsekretärin Nicola Beer sammelt deshalb gerade Material dazu.

Der Tageszeitung Die Welt sagte sie, es könne "nicht angehen, dass ein privatwirtschaftliches Unternehmen entscheidet, nach welchen Regeln sich öffentliche Debatten digital vollziehen". Nutzer müssten "die Chance behalten, an Kontroversen teilzunehmen", weshalb, ihnen die Wahl lassen solle, "selbst entscheiden zu können, ob [sie ihre] Timeline[s] und Suchergebnisse ungefiltert oder gefiltert sehen wolle[n]".

Ein Problem bei Twitters QF-Diskriminierung scheint zu sein, dass vieles automatisiert abläuft. Was das Problem an so einer automatischen Filterung ist, veranschaulicht derzeit eine Kontroverse zwischen der Missy- und Taz-Autorin Sibel Schick und der Linkspartei-Politikerin Sarah Rambatz, die von anderen Nutzern mit #Popcorn-Hashtags (und teilweise unter Nutzung der Inkognito-Tabs von Chrome, mit denen sich gesperrte Accounts problemlos lesen lassen) amüsiert verfolgt wird:

Schick hatte nämlich Blocklisten eingesetzt, wie sie im Umfeld des ZDF-Komikers Jan Böhmermann angefertigt und angeboten werden. Auf einer (oder auf mehreren) dieser Listen stand anscheinend auch Rambatz - womöglich deshalb, weil sie durch Tweets wie "Es war schon kalt in Stalingrad, für Opa und sein Kamerad, dafür wurd's in Dresden warm, als der Bomber Harris kam" zivile Opfer von Bombenangriffen verhöhnt hatte.

Rambatz beschwerte sich über die Sperre durch Schick bei der Taz, worauf hin die Intersektionalistin öffentlich ausrastete. In der darauf folgenden sehr unterhaltsamen Diskussion wurde unter anderem bekannt, dass es Ketten-Blocklisten gibt, die nicht nur einzelne Konten sperren, sondern auch alle Konten, die mit diesen Konten interagieren.

Ob die Interaktion zustimmend oder kritisch ist, spielt dabei keine Rolle. Twitter-Nutzer Darth Monchichi fragte sich darauf hin: "Ich stelle mir gerade vor: Hitler und Stalin sind auf Twitter. Sie blocken sich nicht gegenseitig, sondern zoffen sich ständig. Dann wären beide gleichzeitig links und rechts, weil sie Verbindungen zu beiden Seiten ... ich hab Kopfschmerzen".

Die Sperren und QFDs dürften zumindest mit ein Grund dafür sein, dass Twitter aktuell nur sehr langsam wächst: Im ersten Quartal 2018 gewann der Dienst nur drei Prozent Nutzer dazu. Viele alte verabschiedeten sich im selben Zeitraum zur Konkurrenz Gab (vgl. Nach dem NetzDG). (Peter Mühlbauer)

Anzeige