Quadropolisches mit 19 oder so

Peter Plichtas "Gottes geheime Formel. Die Entschlüsselung des Welträtsels und der Primzahlcode."

Ungeachtet all dessen ist der Modus des Cogito interruptus eine große prophetische, dichterische und psychagogische Technik. Nur eben keine, die sich besprechen lässt.

Umberto Eco

Ich verfasste einmal ein Filmdrehbuch. Es titelte sich "Das Loch in den Anden" und die knappe Handlung lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Wissenschaftler entdecken in besagtem Hochgebirge ein Loch, das quer durch die Erde führt. Beim Versuch, das Loch zu untersuchen fällt ein Mitglied des Teams hinein, verwandelt sich durch die hohe Geschwindigkeit und die Hitze in einen Zombie, wird auf der anderen Seite der Welt in die Erdumlaufbahn geschleudert und attackiert dort Raumschiffe. Der Film wurde nie realisiert. Außerdem frage ich mich bis heute gegen wieviele physikalische Gesetze ich auf diesen paar Seiten Text verstoßen habe. Aber eigentlich ist das egal. Immerhin war ich erst neun Jahre alt und es war ein liniertes Schulheft.

Mittlerweile kenne ich aber buchgedrucktes schriftliches Material eines gewissen Dr. Peter Plichta. Dieser schreibt:

"Die Dinge an sich sind dreifach, wie man in Chemie und Physik immer wieder erkennen kann. Eine einzelne gerade Primzahl dürfte es dann gar nicht geben. Zwei weitere gerade Zahlen müssten Primzahlen sein, eine davon ist wahrscheinlich die Zahl 4."

Peter Plichta ist Privatgelehrter aus Düsseldorf. Er ist schon älter als neun Jahre. Sein großes Lebensprojekt ist "Das Primzahlkreuz", das er in einer immer länger werdenden Bücherreihe, die laut einer deutschen alternativesoterischen Zeitschrift namens "raum&zeit" das Ende der Quantenphysik einleiten wird, der weiten und wissbegierigen, aber dennoch manipulierten und durchaus verdummten Menschheit schenkt. So erklärt der Herr Doktor, dass die Unendlichkeit von Raum und Zeit durch eine dritte Größe erweitert werden müsse: die Zahlen.

Was der große C. F. Gauß geahnt habe, sei durch Peter Plichta bewiesen, rühmt sich der Verlag: dass eine "Handvoll" Primzahlen das Rätsel des Universums in sich bergen. Die Primzahlen wären das Fundament und gleichzeitig das größte Rätsel des Kosmos. Die "Primzahlkreuz"-Trilogie ist also durchaus spannend, wenngleich eher aus "literarischer" Sicht. Peter Plichta schildert radikalautobiografisch sein Leben, seine Entdeckungen und seine noch bevorstehende ruhmreiche Zukunft.

Beginnend mit seiner Geburt als sich der Himmel, der regnerisch bedeckt war, öffnete, an diesem 21. Oktober des Jahres 1939, und ein gleißend heller Lichtstrahl wie von einem starken Scheinwerfer durch die Wolken drang und das Köpfchen des neugeborenen Peter Plichta hell erstrahlt. Die geburtshelfenden Ordensschwestern riefen angeblich etwas von "einem Wunder". Und tatsächlich wird sein Leben durchaus wunderlich. Wir erfahren, wie der diabolische Doktor Henkel (ja, genau der Henkel) sich angeblich gegen Plichta verschwört, währenddessen studiert Plichta Chemie, Kernchemie und Jura, entwickelt einen UFO-Treibstoff, konsumiert seinen Lieblingscocktail aus Maiswhiskey, Ginger Ale, Schlaftabletten und Aufputschmittel und träumt davon, als erster Mensch gleich drei Nobelpreise gleichzeitig zu erhalten, um es all jenen so richtig zu zeigen, die seit Jahrhunderten die Weisheit und das Wissen auf Erden gepachtet haben und in Wirklichkeit nur ihre Pfründe verwalten.

Plichtas allumfassende Weltformel kann einfach alles. Die wichtigsten physikalischen Naturkonstanten und mathematischen Grundkonstanten werden wahrhaftig als Probleme von Raum, Zeit und Zahl entschlüsselt. Diese Vorgehensweise soll das ganze Kartenhaus der modernen Naturwissenschaft, die Quantenmechanik, durch exakte Mathematik ersetzen. Ihre Struktur sei euklidisch und im Dezimalsystem angelegt, das nebenbei bemerkt für Herrn Plichta das einzig mögliche Zahlensystem der Natur darstellt. Plichta hat einfach den Durchblick. Werfen wir einen Blick auf die Axiome seiner Mathematik:

1.) Der erste Fundamentalsatz des Reziproken Zahlenraums basiert auf der fortlaufenden Potenzierung der Zahl 19.

2.) Der zweite Fundamentalsatz des Primzahlenraumes basiert auf der fortgesetzten Integration von x hoch +1 bzw. der fortgesetzten Differentiation von x hoch 1.

3.) Der erste Fundamentalsatz des Primzahlraums liefert die Quadropol-Geometrie der Zahl 1 hoch 2.

4.) Der zweite Fundamentalsatz des Reziproken Zahlenraumes begründet (durch Umkehrung von 3.) die Vierstelligkeit der mechanischen Welt.

Man meint ständig einfach zu blöd für all die Formeln, Zusammenhänge und Konstruktionen zu sein. Auch wiederholtes Durchlesen führt nicht zur Erleuchtung. Rein formal gesehen drängt sich der Verdacht auf, dass es sich gar nicht um Aussagen handelt. Aber lassen wir das mal beiseite. Hier wird einfach nach dreihundert Jahren die Vermutung des Zahlentheoretikers Pierre de Fermat bewiesen und auf seinem Höhepunkt führt das Werk die Anzahl der Aminosäuren, die DNS-Struktur, die Zellteilung, somit das Geheimnis des Lebens, auf vierdimensionale Mathematik zurück. Alles Leben im Universum sieht folglich aus wie bei uns, was meiner Meinung nach auch einen Großteil der schlechten Masken in Billig-Science-Fiction-Serien rechtfertigt. Eine Lesermeinung aus www.amazon.de liest sich wie folgt:

"Dieses Buch wird die lange vermisste deutsche, europäische Revolution in Gang setzen, wenn der Blitz des Gedankens in die nach Erneuerung schreienden Zustände einschlägt."

Erwerben wir also Plichtas Werk, lesen wir es primär zur Entspannung. Und wer mag, der weint nicht mit ihm, sondern über ihn.

Das Primzahlkreuz, Bd. 1, Im Labyrinth des Endlichen / Peter Plichta
Das Primzahlkreuz, Bd. 2, Das Unendliche / Peter Plichta
Das Primzahlkreuz, Bd. 3, Die 4 Pole der Ewigkeit / Peter Plichta
(Alle Quadropol Verlag GmbH) Gottes geheime Formel. Die Entschlüsselung des Welträtsels und der Primzahlcode. / Peter Plichta (Verlag Langen-Müller, München)
(Johannes Grenzfurthner )

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