Qualitätsschub vom Nachbarn

Auch monogam lebende Vogeldamen gehen gerne mal fremd - und steigern damit die Qualität ihrer Nachkommen

Als der Molekulargenetiker Alec Jeffrey 1985 erstmals seine Methode des DNS-Fingerprinting vorstellte, sorgte die nicht nur in der Kriminaltechnik für einen großen Durchbruch: Verhaltensbiologen fanden dank der neuen Verfahren heraus, dass viele als monogam geltende Tierweibchen nicht so treu sind, wie sie scheinen. Lange galt Promiskuität als männliches Privileg, ganz im Einklang mit Darwins Theorien. Zunehmend wird klarer, dass auch die weibliche Tierwelt damit eine Strategie verfolgen. Relativ gut erforscht ist promiskuitives Paarungsverhalten bei Vögeln.

Hungrige Vogelküken. Copyright: Max-Planck-Institut für Ornithologie

Vogeleltern, die in trauter Zweisamkeit ihre Brut hingebungsvoll aufziehen, geben ein rührendes Bild ab, in das gern so etwas wie ein vorbildliches Ehe- und Familienleben interpretiert wird. Bis Ende der 1960er-Jahre hielt man sogar 90 Prozent der Vögel für monogam. Doch seit DNS-Analysen als Routinemethode zur Verfügung stehen, zeichnet sich ab, dass gerade bei den sozial monogamen Singvögeln das „Fremdgehen“ – im Fachjargon „außerpaarliche Kopulation“ – eher die Regel als die Ausnahme bildet: Denn die aufgeweckten Vogeldamen jubeln ihrem Partner häufig Eier unter, deren Spermaspender auf irgendeinem Nachbarbaum zu Hause ist.

Bart Kempenaers, Direktor der Abteilung Verhaltensökologie und Evolutionaire Genetik des Max-Planck-Institutes für Ornithologie in Seewiesen, verfolgt das Thema schon länger. Mit seinem Team hat er die Gelege von Blaumeisen untersucht und herausgefunden, dass die Brut eine recht bunt gemischte Gesellschaft sein kann – weil auch „Mutti“ den Blick über den Nestrand wagt.

„Früher dachte man, dass Vögel eher monogam leben“, so Ornithologe Bart Kempenaers im Gespräch mit Telepolis.

Es gibt die bekannten Beispiele von Schwänen und Albatrosse, wo die Paare meist ein Leben lang zusammenbleiben. Heute weiß man, dass es nur wenige Arten gibt, von denen man wirklich sagen kann, dass sie sozial und genetisch rein monogam sind. Als Paarungsform ist Monogamie die echte Ausnahme.

Klasse statt Masse

Dass die Männchen im Tierreich bestrebt sind, sich so oft als möglich zu paaren, um viel Nachwuchs zu zeugen und die eigenen Gene durchzusetzen ist altbekannt. Doch auch die Weibchen wollen hohen Reproduktionserfolg, sie setzen dabei jedoch statt auf Masse auf Klasse. Weil sie nicht plötzlich die doppelte Menge Eier legen können, suchen sie möglichst gutes Spermamaterial zu erhalten und das gelingt nur durch zusätzliche Partner. „Die Untersuchungen bei unseren Blaumeisen (Parus caeruleus) haben eindeutig erbracht“, erklärt Kempenaers, „dass Weibchen, die fremdgehen, einen höheren Reproduktionserfolg aufweisen: Ihr Nachwuchs ist von ‚besserer Qualität’, d. h. es überleben mehr und sie besitzen ein besseres Immunsystem. Die Weibchen legten größere Gelege und lebten länger, die Männchen waren erfolgreicher bei der Aufzucht der Jungen und produzierten mehr überlebende Nachkommen. So wie ich es sehe, bietet die Promiskuität den Weibchen die Möglichkeit, genetisch den besseren Partner bzw. die besseren Spermien zu bekommen. Sie bedeutet eine Optimierung der Partnerwahl.“

Promiskuität biete sich demnach als unkomplizierte Lösung für Vogelfrauen an, die den optimalen Partner nicht gefunden haben.

Brütende Blaumeise. Copyright: Max-Planck-Institut für Ornithologie

Als wahre Meisterin im Spermasammeln gilt übrigens die Heckenbraunelle (Prunella modularis), ein eher unscheinbarer brauner Vogel, der bei Ornithologen zur Kategorie „KBW“, sprich: klein, braun und weg, zählt. Sie verpaart sich regelmäßig mit mehreren Partnern – und nimmt dann nur vom Besten für ihre Eier. Wie die Vogeldamen es allerdings schaffen, mal das eine, mal das andere Sperma zu verwenden, man nennt das die kryptische Weibchenwahl, ist schwer zu erforschen und bislang äußerst rätselhaft.

Lang lebende Arten sind treuer

Wie stark Promiskuität ausgeprägt ist, hängt grundsätzlich vom sozialen Paarsystem ab. Da gibt es die Form der Polyandrie, wie z. B. bei den Galapagos-Bussarden: Bei ihnen paart sich das Weibchen mit bis zu acht Partnern, obwohl sie schließlich nur ein Ei legt. Ihr Vorteil: Weil jeder Samenspender denkt, er sei der Vater, helfen alle bei der Aufzucht der Brut. Dann gibt es wiederum Arten, die sich nicht fest verpaaren, wie bestimmte Strandläuferarten: Hier kopuliert das Weibchen mit mehreren Partnern, um dann ein Nest zu bauen und die Brut allein großzuziehen.

Bei den sozial monogamen Arten kommt Promiskuität vor – mal öfter, mal seltener. Warum das so ist, darüber haben die Forscher mehr Vermutungen als Wissen. Es zeichnet sich allerdings ab, dass lang lebende Arten, die sich einmal verpaaren und dann mit dem gleichen Partner über lange Zeit zusammenbleiben (z. B. Albatros, Höckerschwan), eher echt monogam leben. Auch bei Arten, bei denen das Männchen sehr viel in die Brutpflege investiert, sind die Weibchen treuer. Darüber hinaus wird spekuliert, dass tropische Arten sich weniger promiskuitiv verhalten. Man vermutet hier einen Zusammenhang mit der Brutzeit: Denn während es in unseren Breiten eine bestimmte kurze Brutsaison gibt, brüten tropische Tiere das ganze Jahr über. Die sexuelle Aktivität tritt also nicht so geballt auf, sondern verteilt sich.

Vogelküken beim Wiegen. Copyright: Max-Planck-Institut für Ornithologie

Aber auch ein individueller Faktor scheint eine Rolle zu spielen: Bei den Blaumeisen hat sich gezeigt, dass sich einige Weibchen öfter nach außen orientieren als andere. Max-Planck-Forscher Kempenaers und sein Team halten daher eine genetische Prädisposition für möglich, die sie gerade mit Blaumeisen und Zebrafinken untersuchen. Es muss also nicht immer der Kuckuck sein, der seine Eier in fremden Nestern ablegt. Häufig gehen Halbgeschwister einfach auf das Qualitätsbewusstsein einer Vogeldame zurück. (Katja Seefeldt)