Quantified-Self: Apps können von Vorurteilen befreien

Werden wir mit digitaler Selbstoptimierung besser und auch glücklicher? Gespräch mit dem Philosophie-Buchpreisträger Sascha Dickel

Die eigenen Potenziale ausschöpfen, Vitalität und Zeiteffizienz steigern, ein produktives, erfülltes und gesundes Leben leben - das sind alles keine grundsätzlich neuen Motive. Neu hingegen ist die Möglichkeit, mittels technisch gestützter Selbstbeobachtung immer mehr davon zu messen und zu optimieren. Neu ist der Stellenwert, den das für Lebensstile in westlichen Gesellschaften annimmt. Und neu ist auch der individuelle Verantwortungsdruck, der mit dieser "Wohlergehenskompetenz" einhergeht. Selbstoptimierung oder: Das quantifizierte Ich.

Wie erfolgreich, schön, glücklich und gesund kann man und will man eigentlich sein? Welche Szenarien und Möglichkeiten zeichnen sich angesichts der Entwicklungen in Bereichen wie beispielsweise Mikro-, Nano- und Bio-Sensorik, Genom-Forschung oder Informations- und Kommunikationstechnologie ab?

Diese Fragen stellt sich neben dem Foresight Filmfestival im Themenschwerpunkt "Selbstoptimierung" auch der Geisteswissenschaftler und Autor Sascha Dickel. In seinen Arbeiten nimmt er sich den Themen der Selbstoptimierung und der gesellschaftlichen Entwicklung durch digitale Technologien an. Er ist Jury-Mitglied beim 1. Foresight-Filmfestival.

Herr Dickel, in Ihrem Buch Enhancement-Utopien beschreiben Sie Utopien des verbesserten Menschen. Was verstehen Sie darunter?
Sascha Dickel: In den letzten Jahren kristallisierten sich drei große technologische Utopien der menschlichen Verbesserung heraus. Eine konzentriert sich auf eine verbesserte Genetik des Menschen, bei der über mehrere Generationen, die molekulare Struktur bewusst verändert wird. Eine weitere verfolgt die graduelle Verbesserung des Menschen durch Biotechnologie. Der menschliche Körper wird mit kybernetischen Applikationen versehen. Am Ende dieser Entwicklung steht der Cyborg, ein Mischwesen aus Mensch und Maschine.
Eine dritte Utopie ist die Vision, das Bewusstsein des Menschen komplett auf den Computer zu übertragen. Diese Vision entspringt insbesondere dem Transhumanismus. Damit solche Utopien nicht als völlig absurd gelten, brauchen sie Anschlüsse in der Gegenwart. Aus diesem Grund sind die Enhancement-Utopien so spannend. Sie suchen diese Anschlüsse und haben sie bereits stellenweise gefunden.
Beispiele hierfür wären lebensunterstützende Maschinen, wie beispielsweise Herzschrittmacher; Prothesen, die immer feingliedriger und sensibler werden, oder die Einnahme von pharmakologischen Substanzen, Neuro-Enhancement genannt, die körperliche Fähigkeiten steigern.
Sascha Dickel: Ja, das ist richtig. Doch müssen hier auch die Grenzen gesehen werden. So stellt sich mir das medizinische Enhancement eher als Modifikation dar und nicht als generelle Verbesserung. Zudem verleihen viele Mittel, die gegenwärtig als Enhancements bezeichnet werden, dem Konsumenten nur einen Boost und keine nachhaltige Verbesserung, Transplantate werde heute fast ausschließlich von behinderten Menschen genutzt und auch die Utopien der Transhumanisten haben Grenzen.
So erzeugt das Internet vielleicht eine gewisse digitale Unsterblichkeit des Users. Von einer selbstständig denkenden Kopie der eigenen Persönlichkeit sind wir aber noch weit entfernt. Die interessanteste Musik spielt sich für mich in den digitalen Technologien ab, die ohne Implantate auskommen. Bei der Quantified-Self-Bewegung etwa werden Körper und Geist durch die Selbstbeobachtung mittels digitaler Techniken verbessert.
Sie sprechen den Trend an, durch Apps seinen Körper zu beobachten und sein Handeln an optimierten Zahlenwerten auszurichten, für einen besseren Schlaf oder eine effektivere Diät. Welches Bedürfnis treibt die Selbstoptimierer an? Wollen Sie schlicht in einer leistungsbezogenen Welt besser funktionieren?
Sascha Dickel: In der medialen Betrachtung von Selbstoptimierern sehe ich eine irritierende Tendenz. Es klingt immer so, als sei das eine freakige kleine Gruppe. In Wirklichkeit aber ist die Nutzung von Apps, die Fitness oder Konzentrationsfähigkeit verbessern sollen, bereits für viele alltäglich geworden. Das Bedürfnis, das Optimum aus sich herauszuholen, bestand schon vor den Apps, die nur eine neue Technik liefern auf der Suche nach dem verbesserten Selbst.
Im Diskurs über die Selbstoptimierung sehe ich ein bewusstes Befremdeln gegenüber dem derzeitigen Hype. Zwei politische Leitlinien stehen sich dabei gegenüber. Auf der einen Seite wird gesagt: Das alles ist Ausdruck einer neoliberalen Ideologie, in der der Mensch besser funktionieren muss im Beruf und der Freizeit. Auf der anderen Seite gilt es als ein Akt der Emanzipation. Der Mensch nimmt dabei sein Leben in die eigene Hand und wird ein Experte seiner selbst.
Ob ihm das mittels der Technik der Selbstoptimierung besonders gut gelingt, bleibt zu beobachten. Ich würde den Technikbegriff hier auch weit fassen. Yoga, beispielsweise, ist für mich ebenfalls eine Technik, die es uns erlaubt, Routinen zu entwickeln und dadurch Ziele zu erreichen. Und wie jede Technik besteht auch bei der Selbstoptimierung die Gefahr der Instrumentalisierung. Das Individuum ist hier selbst dafür verantwortlich zu hinterfragen, inwieweit ihm eine bestimmte Technik noch nützt. Auch das ist ja ein Akt der Emanzipation.
Die digitale Selbstoptimierung kann den Einzelnen an seine Ziele heranführen. Sie könnte aber auch zu gesellschaftlichen Inklusionsbarrieren führen. Wer anerkannt werden und dazugehören will, muss mitmachen. Der Enhancement-Gedanke könnte auch politisiert und die Utopie zur Dystopie werden. Wie verändert die Selbstoptimierung unser Zusammenleben?
Sascha Dickel: Für mich ist die Idee der Selbstoptimierung bereits großflächig in unserer Gesellschaft verankert und wird immer populärer, allerdings ohne konkrete Ideologie. Erst recht gibt es keinen staatlichen Zwang zum Enhancement - eher den sanften kulturellen Druck, kombiniert mit ökonomischen Anreizen: Möglich sind beispielsweise Boni-Programme von Krankenversicherungen, die zur digitalisierten Selbstbeobachtung animieren.
Ich sehe zunächst noch keine Zwei-Klassengesellschaft, die durch digitale Selbstoptimierung entstehen könnte, denn das Smartphone gehört längst zum Alltag in allen gesellschaftlichen Schichten. Apps sind ebenfalls für viele verfügbar. Daher sehe ich neue Technologien nicht per se als Treiber einer sozialen Schere. Es ist eher umgekehrt. Sie können Menschen auch zueinander führen. Beispielsweise könnten Apps, die unsere körperlichen Sympathiereaktionen auf andere Menschen messen, auch von Vorurteilen befreien.
Ich bezweifle ebenfalls, dass die Selbstoptimierung ein großes Suchtpotential hat. So eine Argumentation trivialisiert überdies den Suchtbegriff. Allerdings besteht die Gefahr, dass der Mensch sich mehr und mehr wie eine Maschine mit einfachen Input-Output-Funktionen ansieht und vergisst, dass er ein komplexes, emotionales Wesen ist.
Sie sind Jury-Mitglied beim Foresight-Filmfestival 2015, deren Themenschwerpunkte sich auf Robotic, Post Privacy und Selbstoptimierung konzentrieren. Was sind Ihre Erwartung an das Festival?
Sascha Dickel: Das Festival greift Themen auf, die zwar in die Zukunft weisen, aber schon gegenwärtig relevant sind. Ich freue mich auf Beiträge, die durch die Verknüpfung von Wissenschaft und Kunst Möglichkeitsräume aufzeigen, die überraschen und provozieren.

Mehr Infos

Der Autor des Gastbeitrages, Sören Hartig, ist Mitglied von science2public, eines Kooperationspartners des Foresight Filmfestivals.

(Sören Hartig)

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