"Quantified Self" - die Vermessung des Selbst

Quantified-Self-Internetseite. Bild: Fitbit.com

Selbstevaluation - allumfassend, 86.400 Sekunden am Tag, 365 Tage im Jahr

Heute Morgen bin ich um 06:10 aufgestanden, nachdem ich gestern um 00:45 ins Bett gegangen war. In der Nacht war ich ein Mal aufgewacht - mein Puls war 61 Schläge pro Minute gewesen, mein Blutdruck 127/74 - ich hatte gestern null Minuten Sport getrieben, daher war mein maximaler Puls nicht berechnet worden. Hatte etwa 600 mg Koffein zu mir genommen, keinen Alkohol und mein Rating auf dem Narzissmus-und-Persönlichkeits-Index, dem NPI16, hatte ein beruhigendes 0,31 betragen. Wir wissen, dass Zahlen nützlich sind, wenn wir Dinge bewerben, managen, regieren oder nach der Wahrheit suchen. Ich werde darüber sprechen, wie sie auch nützlich sein können, um zu reflektieren, zu lernen, zu erinnern und zu versuchen, sich selber zu verbessern […].

Video-Mitschnitt des Vortrags: Gary Wolf the quantified self. Vom Autor transkribiert und vom Englischen ins Deutsche übertragen.

Bereits anhand dieser beiden ersten Absätze wird deutlich, wie allumfassend der Anspruch ist, sich selber zu überwachen und zu evaluieren. So spricht der Vortragende auch von Zahlen, die es ermöglichten zu "managen". Und meint damit das Selbst-Management. Die Steuerung wirtschaftlicher Prozesse wird hier also kurzerhand auf das "Managen" des Menschen und sich selbst übertragen. Letztendlich ginge es auch darum, "sich selber zu verbessern". Es geht also darum, ähnlich wie in einem Unternehmen, Kennzahlenoptimierung zu betreiben und den Menschen wie eine Maschine durch Überwachung der Leistungsdaten in seiner Funktion optimal einzustellen.

Dies hier ist ein schönes, neues Gerät, das "Schlafüberwachungsdaten" ausgibt. Nicht nur die Information, ob man schläft oder wach ist, sondern auch Phasen des Schlafes: Tiefschlaf, leichter Schlaf, REM-Phasen. […] Diese kleinen Sensoren sammeln Daten in der Natur. EDV-Systeme erlauben es uns, diese Daten zu verstehen und zu verwenden - und soziale Netzwerke ermöglichen es, zusammenzuarbeiten und Informationen zur Gemeinschaft beizusteuern. […]

Dies hier ist ein biometrisches Gerät: ein Paar Kopfhörer von Apple. Letztes Jahr meldete Apple ein Patent an, in dem beschrieben ist, wie Blutsauerstoff, Puls und Körpertemperatur über diese Kopfhörer ausgelesen werden können. Für welchen Zweck ist das nützlich? Wofür sollte es von Nutzen sein? Einige würden sagen, es ist für biometrische Sicherheitstechnologien nutzbar, einige, es sei für die Forschung im Gesundheitsbereich von Nutzen, Andere würden sagen, es tauge für neuartige Formen des Marketings. Ich möchte betonen, dass es auch einfach für die Selbsterkenntnis hilfreich sein kann. Und das ist nicht das einzige. Das Selbst ist nur unser Steuerungszentrum, unser Bewusstsein, unsere moralische Instanz. Wenn wir auf dieser Welt also effizienter handeln wollen, müssen wir uns besser kennenlernen.

Wie aus dieser Passage hervorgeht, werden nicht nur alle bewussten Handlungen, sondern sogar der Bereich des Schlafes, also ein absolut irrationaler Lebensbereich, der Objektivierung durch technische Überwachung unterworfen. Im zweiten Teil wird deutlich, dass es bei "Quantified Self" auch klar um ökonomische Profitperspektiven geht. So habe das Unternehmen Apple bereits ein Elektronik-Patent in diesem Bereich angemeldet. Das breite Spektrum der möglichen Nutzbarkeit solcher Technologien zeigt, wie problematisch diese sind. Die Nutzung "biometrischer Sicherheitstechnologien" etwa bedeutet nichts anders als ein Ermöglichen weitgehender Übergriffe von Seiten staatlicher Stellen oder von Privatunternehmen in die Privatsphäre - bei ersteren meist unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung, bei letzteren im Sinne der Vermarktungsoptimierung.

In Zeiten von NSA-Überwachung und ausuferndem Datenhandel skrupelloser Unternehmen birgt diese Technologie also offensichtlich große Gefahren für die Freiheit der Menschen. Die dargestellten Menschen schränken sich ein und überwachen sich freiwillig. Auch die erwähnten "neuartigen Formen des Marketings" sollten durchaus skeptisch betrachtet werden, da auch diese weit mehr in den Privatbereich vordringen als alle bisher angewandten Methoden des Marketings. Aus Sicht des Vortragenden geht es insgesamt um Selbst-Optimierung und optimale gesellschaftliche Anpassung ("Wenn wir auf dieser Welt also effizienter handeln wollen").

Das war der beeindruckendste Moment. Ein Teilnehmer kommt etwas zu spät. Wir trinken gerade etwas und stellen uns gegenseitig vor. Calvin sagt: "Okay, du warst zu spät, du fängst an mit der Vorstellungsrunde." Und so - anstatt sich mit einer kurzen Rede vorzustellen, wer er ist, öffnet der Typ einfach seinen Laptop und zeigt uns eine geniale Visualisierung jeder Minute seiner Zeit - über einen Zeitraum von - ich glaube, einem Jahr. Dann sagt er: "Okay, das ist, wer ich bin!" […] Das war viel interessanter, als irgendwas in einem Blog über sich zu schreiben. […] Momentan haben wir [die "Bewegung" des "Quantified Self"] bereits 70 Gruppen in 15 Ländern.

Youtube-Video der Wired Health Conference Qualified Self

Wie weit Enthusiasten für "Quantified Self" gehen, geht aus dieser Aussage hervor. Es mag sich um einen Einzelfall eines Technikfans handeln, dennoch deutet auch dieses Beispiel darauf hin, wie weitreichend in die Intimsphäre hinein Überwachung und (Selbst-)Kontrolle ausgeübt werden kann. Im zweiten Teil des Zitats wird zudem deutlich, worum es bei dieser "Bewegung" auch geht: die Internationalisierung. Typisch für neoliberale Strömungen muss die Angelegenheit globalisiert werden - auch um den Wettbewerb insgesamt zu verabsolutieren.

"Eine Komplettübersicht über deine Fortschritte hilft dir dabei, deine Ziele zu erreichen.

Lebensmittel aufzeichnen | Aktivität aufzeichnen | Gewicht verfolgen Tag | Woche | Monat | Jahr Aktivität: 20245 gegangene Schritte. […] 158% von 70.000 wöchentlichen Schritten | Kluge Entscheidungen zur Motivation | Zu Fuß zur Arbeit und nach Hause: +11.295 [Schritte]."

Chic aufgemacht präsentiert sich die Internetseite Fitbit.com. Das elektronische Gerät, das zusammen mit dem Online-Angebot verkauft wird, misst die Leistungsdaten des Menschen, die Auswertung ist dann über das Internet abrufbar und visuell aufbereitet. Im Mittelpunkt steht hierbei anscheinend, "Ziele zu erreichen". Man soll sich also selber durch hochgesteckte Ziele stets zu noch stärkerer Leistungserbringung antreiben (lassen). Sogar die gegangenen Schritte zur Arbeit gehören damit zur Welt von Optimierung und damit letztlich zum Lebensbereich der Arbeit. Der Bereich der Freizeit schmilzt damit weiter oder wird einfach umdefiniert.

Die bunte Bonbonoptik von Fitbit.com kollidiert bei genauerer Betrachtung mit der technokratischen Unerbittlichkeit, mit der Leistung, Leistungsschwankungen und der selbstauferlegte Zwang zur Leistungserbringung präsentiert werden. Es spiegelt sich an dieser Stelle der Trend zur sogenannten Gamification wider. Es handelt sich dabei um die Übernahme spielerischer Elemente in andere Lebensbereiche. Symptome sind etwa exzessive Ranglistenaufstellungen, virtuelle Medaillen und "Abzeichen". Sie sollen allesamt leistungssteigernd wirken. Weiter heißt es so auf Fitbit.com:

"Vernetze dich mit Menschen aus aller Welt, um gemeinsam fitter zu werden. Schritt für Schritt.

Fitbit-Mitglieder verdienen sich Abzeichen!

Einige der gerade vergebenen Fitbit-Abzeichen ("Badges"): Vor 5 Min. - tägliche Stockwerke: 10 Stockwerke, Phoenix, Arizona | Vor 4 Min. tägliche Schritte: 15.000 Schritte, Dublin, Irland […]"

Solche Internetseiten können mit sozialen Netzwerken, also anderen Personenprofilen im Internet verknüpft werden. Damit machen sich Menschen zum Teil noch transparenter und noch verletzlicher, als dies bisher bereits der Fall war. Die in der Regel recht einfach zu erstellenden, fast vollständigen Personenprofile, die über soziale Netzwerke und weitere Spuren im Internet über einzelne Personen zusammengeführt werden können, komplettieren sich hier um die Dimension des körperlichen wie seelischen Zustands - in Echtzeit!

Der (spielerisch dargestellte) Wettbewerb mit anderen soll die eigene Leistung weiter erhöhen. Es geht zudem nicht nur darum, fitter zu werden, sondern auch fitter als die anderen, was durchaus übliche Motivationsstrategie in Wettbewerbs-Systemen ist.

Wie konkret die Leistungsüberwachung realisiert werden kann, wird in der folgenden Übersicht von leistungserfassenden Werkzeugen dargestellt. Die Überschriften und die Prozentzahlen zeigen jeweils, welcher Kategorie die Leistungsmessungsarten zuzurechnen sind bzw. mit welcher Wertung sie in eine Gesamt-Evaluation einfließen.

Aufzeichnungswerkzeuge für "Quantified-Self"-Techniken. Bild: IIT Institute of Design

"Aufzeichnungswerkzeuge Emotionen (10%): Gefühle, Geisteszustand, Ängstlichkeitsbewusstsein, Aufzeichnung der Stimmung

Biometrische Daten (20%): Blutdruck, BMI (Body-Maß-Index), Hirnaktivität, Hautreaktionen, Blutzuckerwerte, Puls, Menstruations-Zyklus

Aktivitäten (70%): Körperliche Leistungsfähigkeit, gelaufene Schritte, Schlaf, Nahrungsaufnahme, Erreichen von Zielen, Ausgaben/Finanzen, soziale Aktivitäten, Meditation / innere Ruhe."

Die Aufzeichnung biometrischer Daten ist weiter oben bereits genauer erörtert worden. Zu den auf Sportlichkeit und Gesundheit bezogenen Werten kommt hier die Überwachung des Menstruationszyklus bei der Frau hinzu. Dessen Aufzeichnung kann durchaus Sinn ergeben, sofern die Frau eine hiermit in Zusammenhang stehende Verhütungsmethode anwendet. Die mögliche offene Weitergabe dieser Informationen über soziale Netzwerke scheint aber unnötig und befremdlich.

Die Kategorie "Aktivitäten" geht in den Bereich der kleinteiligen Überwachung hinein. Als fragwürdiger Höhepunkt wird hier das Messen von sozialer Aktivität, von Emotionen, Launen sowie des allgemeinen Geisteszustands genannt.

Diagramm-Darstellung des "Quantified Self". Bild: IIT Institute of Design

Das Diagramm zeigt die Gesamtfunktion des Prinzips des "quantifizierten Selbst". Der Mensch wird hier in ein Ordnungs- und Leistungssystem von Überwachungsanwendungen, technischen Geräten und datenbankgestützter Ergebnisauswertung eingespannt. Ermöglicht wird das Ganze durch unterschiedliche elektronische, vor allem mobile Geräte. Diese werden beschönigend "Enablers" - "Ermöglicher" - genannt. Der Optimierungskreislauf besteht darin, dass der Mensch alles Mögliche mit Hilfe von Technik und Applikationen aufzeichnet, dann interpretiert ("capture", "interpret") und das eigene Verhalten dementsprechend anpasst ("act", "behavioral change"). Zu allem Überfluss sollen diese Daten systematisch kategorisiert und anderen Menschen oder Institutionen mitgeteilt werden ("pattern recognition", "data sharing").

Das Menschenbild, das hinter einem solchen System der totalen (Selbst-)Kontrolle und (Selbst-)Evaluation steht, wird bei der Betrachtung des abschließenden Standbildes aus einer Computeranimation noch deutlicher:

Wired Health Conference - Living By Numbers": Mensch als Maschine. Bild: Screenshot aus dem Video

Das Video zeigt die Umrisse eines sehr eckig anmutenden menschlichen Abbilds, das durchs Bild läuft, von dem eckige Brocken abzufallen scheinen und der eckige Linien hinter sich herzieht. Im Gewirr abfallender Teile und Linien erscheinen hinter ihm Zahlen wie "61/100, 022", die offenbar verschiedene körperliche Gesundheits- und Leistungsdaten anzeigen sollen.

Für medizinische Zwecke sind Aufzeichnungen körperlicher Daten sicherlich zum Teil sehr sinnvoll, für Menschen, die nicht auf solche Informationen angewiesen sind, sind sie aber vor allem sehr problematisch. Dem in dieser Darstellung transportierten Menschenbild ist nicht viel hinzuzufügen. Die Anwender von Strategien des sogenannten "Quantified Self" begreifen sich und ihren Körper als Produktionsfaktoren. Die Optimierung wird als Investition in die perfekte Gesellschaftsfunktion und damit ins eigene "Humankapital" gesehen.

Am Ende ein ironisches Liedzitat von Radiohead (Album: OK Computer, Jahr 1997). Die Band scheint die Möglichkeit der beschriebenen Entwicklung in unserer Leistungsgesellschaft bereits frühzeitig gespürt zu haben:

Fitter happier more productive
Not drinking too much
Regular exercise at the gym 3 days a week Eating well.

Radiohead - Fitter happier (Auszüge)

Von Christopher Stark ist im Mandelbaum Verlag das Buch "Neoliberalyse - Über die Ökonomisierung unseres Alltags" (348 Seiten, 19,90 Euro) erschienen. Dieser Artikel ist ein Kapitel aus dem Buch. Es geht in "Neoliberalyse" darum aufzuzeigen, dass wir alle vom ökonomischen Denken in allen Lebensbereichen betroffen sind und wie wenig wir uns diesem Paradigma entziehen können. Dass sich im Zuge dieser universellen Ökonomisierung sogar das Verhältnis unseres Ichs zu unserem Körper verändert, soll exemplarisch anhand des Beispiels "Quantified Self" verdeutlicht werden.

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