Querdenker: Von Guten und Bösen

Teil II Begriffs-Therapie

Wie lässt sich dieser Verlauf noch revidieren? (Falls man das will.) Worin könnte das unbedingt notwendige Minimum einer semantischen Bürgerkriegsprophylaxe bestehen?

II.1 Die Therapie – sie wäre simpel

Der einfachste und wirksamste Weg, den ich kenne, wäre für die meisten Kämpfer an der Werte-Front mit Sicherheit freilich zugleich der schwierigste6:

Folgen Sie nicht länger blind den Gesetzen 1 & 2!

Zur Erinnerung:

[Gesetz 1] Bei Kampfbegriffen ist der Impact des Wertungs-Aspekts zu ihrem kognitiven Kern umgekehrt proportional.

[Gesetz 2] Die "Bösen", das sind nur (bzw. zumindest primär) die Anderen.

Versuchen Sie stattdessen,

(a) möglichst klar zu benennen, was sie mit den von Ihnen verwendeten Wörtern (Demokraten, Wissenschaftlichkeit, Terrorismus und Antisemitismus z.B.) wirklich jeweils meinen, und

(b) zwischen Tatsachenbehauptungen einerseits und Wertungen andererseits möglichst weitgehend zu trennen.

Am besten immer. Vor allem aber im Umgang mit dem gesamten Corona-Komplex. Bei dessen diversen Narrativen. Insbesondere bei den derzeitigen C-Querdenker-Debatten. Also auch beim eigenen – hoffentlich etwas gewissenhafteren – Gebrauch des Querdenkerbegriffs.

II.2 Zwei Arten des Querdenkens, positionales vs. systemisches

Ein (Corona-) Querdenker ist jemand nur dann, wenn er ein Selbst-Denker ist, "dessen Denken quer zum offiziellen bzw. dominierenden (Corona-)Denken seiner Zeit liegt". (Siehe I.2 oben.) Das Denken eines Querdenkers passt nicht zu dem Denken (zu bestimmten Narrativen) dessen, zu dem er quer denkt.

Natürlich ist diese Erklärung nur eine sehr grobe. Sie schreit nach Verfeinerungen. Ist, wer quer denkt, damit nicht auch schon ein Selbstdenker? Und umgekehrt: Ist, wer ein Selbstdenker ist, nicht auch schon jemand, der quer denkt? Das wären Fragen, wie sie in einem guten Philosophieseminar sofort fällig wären. Hier aber dürften die folgenden Erinnerungspunkte noch wichtiger sein.

Dass ein Denken von mir nicht zu dem Denken eines anderen passt, kann zweierlei heißen. Erstens, dass, was ich denke (für wahr halte bzw. glaube), unverträglich ist mit dem, was der andere denkt. Zweitens, dass die Art und Weise, wie ich denke, sich von der Denkungsart des Anderen unterscheidet.

Im ersteren Fall liegt ein positionales Querdenken vor: Die von uns vertretenen inhaltlichen Positionen sind unverträglich. Ein Querdenken der zweiten Art könnte man hingegen als ein systemisches Querdenken bezeichnen. Es geht bei ihm nicht (nur) um alternative Glaubensinhalte, sondern um alternative Denkweisen.

Obwohl in den Verurteilungen des Corona-Querdenkens verständlicherweise vor allem die radikalere zweite Art im Mittelpunkt steht, konzentriere ich mich hier nur auf die erstere. Auf die Zweite komme ich vielleicht später mal – in einem resümierenden Kommentar zu dem ganzen derzeitigen C-Querdenker-Zeug – zurück.

Auch ein nur positionaler Querdenker ist nicht immer ein solcher. Und schon gar nicht mit allem, was er selber für richtig und wahr hält. Ein Querdenkertum ist, außer im kleinkindlichen Trotzalter oder in der Pubertät, in der Regel auf einen bestimmten Themenbereich bezogen, meist sogar auf ganz bestimmte – selektive – inhaltliche Positionen. Auf bestimmte Gebiete und Positionen in Sachen Corona zum Beispiel.

Wer über ein Querdenkertum etwas genauer nachdenken bzw. dieses gar begründet bewerten will, sollte diese Kontext-Bezüglichkeiten nicht aus den Augen verlieren.

II.3 Hilfreich wäre: eine Corona-Matrix

Mit anderen Worten: Ein begründetes Urteil über ein Corona-Querdenken setzt schon einen hinreichend guten Überblick über die relevanten Corona-Kontexte voraus. Für einen solchen Überblick wäre eine grobe Landkarte der verschiedenen Dimensionen und Bereiche des gesamten Corona-Komplexes hilfreich, wenn nicht gar nötig. Eine solche Orientierungshilfe fehlt meines Wissens bisher. (Kann mir hier jemand auf die Sprünge helfen?)

Im Idealfall hätte eine solche Karte die Form einer Taxonomie bzw. Matrix des gesamten Corona-Komplexes. Die nächsten Paragrafen sind vielleicht ein erster grober Ansatz dazu.

II.4 Corona-Dimensionen und Bereiche

Der Corona-Komplex ist vielschichtig. Er hat mehrere sich überschneidende Dimensionen:

  • eine medizinische (mit den Bereichen bzw. Disziplinen der Human- und Veterinärmedizin, der Virologie, der Epidemiologie, der Pharmazie, der Sozialpsychologie etc.);
  • eine ökonomische (mit den Bereichen Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft, globale Finanzwirtschaft, politische Ökonomie etc.);
  • eine rechtliche (differenziert in Menschenrechte, Völkerrecht, Länderrecht, Arbeitsrecht, Versammlungsrecht etc.);
  • eine gesellschaftliche und politische;
  • und eine mediale

Und bei all diesen sich ersichtlich überschneidenden Dimensionen und Bereichen wäre, wie üblich, jeweils zwischen einer systematischen (theoretischen) versus einer historischen (primär ereignisbezogenen) Betrachtungsweise zu unterscheiden.

Dabei kann die betreffende "Historie" extrem weit oder eng konzipiert sein: zum Beispiel, um nur auf die erste oben genannte Dimension abzuheben, von der medizinischen Vorgeschichte in den frühen Kulturen bis heute – oder von dem Auftauchen eines speziellen Virentyps in "Irgendwo" Ende 2019 über die diversen Pandemie-Wellen der letzten zwei Jahre bis hin zur wirklich letzten Verlautbarung von Seiten spezieller epidemiologischer Überwachungszentren von gestern; spezifiziert eventuell zudem für die diversen Verlaufsgeschichten einer so genannten Pandemie in den diversen Kontinenten und Ländern. (Warum "so genannt"? Dazu: Die Corona-Panik – Ein Irrtum?)

Die zwei wichtigsten Dimensionen fehlen in der obigen Liste noch: die praktische und die ethische.

  • Die praktische Dimension umfasst alle möglichen Antworten auf die Frage "Was tun"? Bzw. genauer: Welches Tun und Lassen ist/wäre im Corona-Kontext am vernünftigsten? (Relevante Theorien-Bereiche: Institutionentheorie, Rationale Entscheidungs- und Spieltheorie).
  • Die ethische: Deren Kernfrage ist: Welches Tun und Lassen ist/wäre im Corona-Kontext moralisch richtig? (Ethik, Normentheorie, Praktische Ethik). Diese Frage ist/wäre auch in diesem Kontext – also auch in der Corona-Querdenker-Debatte – die allerwichtigste.

II.5 Corona-Positionen

II.5.1 Allgemeines

In allen genannten Bereichen (Disziplinen) dieser Corona-Dimensionen gibt es für die großen theoretischen Grundsatzfragen wie für alle Detailfragen jeweils Dutzende von verschiedenen Ansätzen. Über deren Potenziale und Grenzen streiten sich – in jedem dieser Bereiche – weltweit Abertausende von Experten.

Und jeder dieser Experten hat über diesen oder jenen C-relevanten Punkt mehr oder weniger seine eigene mehr oder weniger gut begründete Meinung. Kurz: Zum Corona-Komplex gibt es in allen Bereichen unübersehbar viele Meinungen, unübersehbar viele C-Positionen.

Nicht alle diese Positionen sind für den öffentlichen Streit darüber, wie mit Corona und dem Corona-Komplex am besten umzugehen ist, gleichermaßen relevant. Der öffentliche Fokus sollte, denke ich, auf den praktisch-ethisch relevanten Grundsatzfragen liegen. Bislang ist das nicht der Fall.

Die adäquate Beurteilung einer jeden ethisch relevanten Corona-Position (egal, ob Pro oder Contra) erfordert dreierlei: bestinformierten Umgang mit den Fakten, zumindest ein Minimum an Logik und klare ethische Prinzipien. In der Corona-Debatte fehlt es meist an allen dreien.

Was die Ermittlung der Fakten angeht, so sind dafür die jeweils einschlägigen empirischen Wissenschaften und die mit diesen Fakten befassten praktischen Disziplinen (der Medizin zum Beispiel) zuständig. Ein wohlinformierter Umgang mit den Fakten ist aber anspruchsvoller; er setzt nicht nur ein Wissen über Fakten voraus, vielmehr auch ein Wissen um die Bedeutung (Relevanz) dieser Fakten.

Und dazu gehört etwa auch das Wissen, dass nicht alle Fakten auch wissenschaftlich erfassbare (mit Hilfe der derzeitigen Wissenschaftssprachen hinreichend beschreibbare) Fakten sind.

Dieser Unterschied zwischen Faktenwissen einerseits und Wissen um die Bedeutung dieser Fakten andererseits ist auch im Corona-Komplex von größter Wichtigkeit. Wie in diesem Kontext vielen inzwischen etwas klarer geworden sein dürfte: Fall-Zahlen alleine besagen fast gar nichts. Trotzdem steigt bei den meisten bei steigenden Inzidenzzahlen immer noch zugleich die Panik. Liegt das wirklich nur an der Differenz zwischen Stammhirn und Cortex?

Wissenschaftlichkeit bzw. Unwissenschaftlichkeit gehören, wie schon in I.2 oben vermerkt, selbst zu den beliebtesten politischen Kampfbegriffen. Auch für sie gilt, wie die politischen Schmalspurdebatten seit 2 Jahren jeden Tag im Corona-Krieg zeigen, das Gesetz 1 (das der umgekehrten Proportionalität von Wertung und kognitivem Inhalt).

Dasselbe gilt auch für die in der Regel mit einem zumindest minimal logischen Denken in Verbindung gebrachten Kampfbegriffe Rationalität versus Irrationalität. Für den Umgang mit diesen hehren Begriffen empfehle ich die Faustregel: Traue denen, die sie am meisten verwenden, am allerwenigsten!

II.5.2 Konkrete praktisch sowie ethische Fragen – und Positionen

Zu den heißesten Problemen aus der praktisch-ethischen Corona-Dimension gehören u.a. diese: Wie vernünftig bzw. ethisch begründbar waren/sind

  • die Ausrufung der Corona-Pandemie?
  • die diversen oktroyierten Präventions- und Reaktionsmaßnahmen, wie etwa
    • Masken (in den diversen Kontexten)?
    • Versammlungsverbote?
    • Quarantäne-Regelungen?
    • Individuelle und/oder kollektive Isolation von Gefährdeten?
    • Genereller bzw. lokal begrenzter Lockdown?
    • Impfregelungen / Impfzwang?
    • Umgang mit Impfverweigerern?
  • die diversen Einschränkungen elementarer Grundrechte?
  • die Einführung genereller (nicht nur Corona-bezogener) Überwachungssysteme?

Die Pros und Contras zu all diesen Dingen sind der Kernbrennstoff der derzeitigen öffentlichen Corona-Debatten; und so auch der Corona-Querdenkerdebatten. Als Querdenker gilt schon, wer irgendetwas, was von den Covid-Offiziösen bejaht wird, negiert bzw. auch nur in Zweifel zieht.

II.6 Praktische Relevanz der C-Matrix

Dass die oben skizzierte Corona-Matrix für eine erste Vermessung der Corona-Forschungslandschaft von Nutzen sein könnte, das scheint mir außer Frage zu sein. Sie könnte aber, und nur darauf kommt es mir in diesem Artikel an, auch für eine bessere Ortsbestimmung im derzeit eher von beidseitigem Hass statt von geteilter Ratio geprägten Streit um das so genannte Corona-Querdenkertum dienlich sein.

Was aber voraussetzt, dass die – schon oben monierte und m.E. ohnehin generell nötige – Trennung zwischen Tatsachenbehauptungen einerseits und Wertungen andererseits möglichst strikt durchgehalten wird. (Minimal-Logik ist sowieso unverzichtbar.)

Unter dieser Voraussetzung wäre die wichtigste Frage in diesem Streit für jedes der obigen (II.4) Problemfelder schlicht und einfach diese: Worin unterscheidet sich die jeweilige Corona-Querdenkerposition von der jeweils dominierenden denn wirklich? Beruht der Streit auf einem Unterschied in der Sache? Oder auf einem in der Wertung? Oder gar auf beidem?

Sollte man das nicht wissen, ehe man bereit ist, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen? Mit dieser Frage hatte ich meine Weigerung, mich blindlings an der Verurteilung von C-Querdenkern zu beteiligen, gleich zu Anfang begründet. Wenn jetzt auch nur ein paar Leute bereit sind, mir in dieser Weigerung zu folgen, dann habe ich schon alles erreicht, was man mit einer solchen Telepolis-Wortmeldung zu erreichen derzeit vielleicht gerade noch erhoffen kann.

Georg Meggle ist nach Professuren für Logik und Wissenschaftstheorie (Münster), Ethik (Saarbrücken) und Philosophische Anthropologie (Leipzig) im Wintersemester regelmäßig Gastdozent an der American University in Cairo (AUC). Letzte Seminarthemen: Migrationsethik, Fake News und Kollektive Identitäten. Das nächste Thema: Transhumanismus. Seine akademischen Erfahrungen resümiert er im Kapitel (74) des frei zugänglichen eBooks von 2021 (Denken. Reden. Handeln / Thinking. Talking. Acting, hg. von J. L. Brandl, D. Messelken, S. Wedman. 2021). Relevant ist zudem der § 1 von Kapitel (75).

(Georg Meggle)