Quizshows und die Herstellung von Ordnung

Mit der Anbindung an Internet und Apps erhalten die neuen Quizshows eine ganz neue Funktion

1984 erreichte das neue Quiz "Trivial Pursuit" in den USA eine solche Popularität, dass es auch dem amerikanischen Medienwissenschaftler Neil Postman nicht entgehen konnte. Nach den "Radioquizsendungen der dreißiger und vierziger Jahre und (den) heutigen Ratespiele(n) im Fernsehen", so notierte er 1985 in seinem Buch "Wir amüsieren uns zu Tode", markiere das damals bereits rund 20 Millionen Mal verkaufte Spiel einen "Extrempunkt". "Auf diese oder jene Weise", so Postmans Vermutung, "beantworten" die Radiosendungen, TV-Ratesendungen oder Quizspiele "alle die Frage: 'Was soll ich mit all diesen zusammenhanglosen Fakten anfangen? Und im Grunde genommen ist die Antwort immer die Gleiche: Warum benutzt du sie nicht zur Zerstreuung? Zur Unterhaltung?"

Für das deutsche 'Quizpublikum' war dieser "Extrempunkt" um 1985 noch nicht wirklich spürbar. In Deutschland gab es bis 1984 - anders als in den USA - ausschließlich öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Der deutsche Hörfunk kannte Quizsendungen erst seit 1947 ("Doppelt oder nichts", hr). Das erste Fernsehquiz für junge Leute ("Kennst du Europa") wurde 1953 gesendet. Dann entwickelte das Genre durch Sendungen wie "Tick-Tack-Quiz" (ARD, 1958-67), "Hätten Sie's gewusst?" (ARD, 1958-69) oder "Alles oder nichts" (ARD, 1958-88) eine durchaus eigenständige deutsche Tradition. Quizsendungen waren Dauerbrenner im bundesdeutschen Fernsehangebot der 1960er Jahre, die Zuschauerzahlen kontinuierlich hoch und die Spielgewinne eher klein. Es gab Fotoapparate, Radios, Reisen oder auch mal ein Auto.

Quizshows, so lobte der Fernsehkenner Gerhard Eckert 1961, verbreiten "Wissen über die verschiedenen Gebiete von Kultur, Geschichte und Kunst" und leben von "dem Reiz, Lücken in der Bildung aufzuspüren". Bereits 1960 wurde "Hätten Sie's gewusst?" auch als Buch publiziert und später als Jugendquiz angeboten. Informationen waren knapp in diesen Jahren, als das gesammelte Wissen in den Haushalten aus einem Volksbrockhaus oder einem Bertelsmann Lexikon bestand. Noch gab es die "Bildungskatastrophe" (Georg Picht); Bildung, Wissen, Informationen waren knapp.

Ende der 1960er Jahre begann das Interesse an den ersten Quizreihen nachzulassen. Die bundesrepublikanische Gesellschaft sah sich plötzlich einer "Überfülle der Daten" ausgesetzt, einer "Informations- und Reizüberflutung" (Helmut Schelsky). Bei den Fernsehzuschauern wurden "Ermüdungserscheinungen" diagnostiziert - und die TV-Oberen reagierten.

Neue Sendungen wie "Am laufenden Band" (ARD, 1974-79) oder "Der große Preis" (ZDF, 1974-93) wurden entwickelt; zusätzlich entstanden "Begriffsspiele" wie "Punkt, Punkt, Komma, Strich" (1969-72), "Dalli Dalli" (ZDF, 1971-1986) oder "Die Pyramide" (ZDF 1979-94). In diesen neuen - noch immer rein öffentlich-rechtlichen - Spielformen wurden informative und bildende Inhalte verstärkt in unterhaltende, spielerische Zusammenhänge eingebunden, Komplexität wurde reduziert.

"Lexikonwissen wird als Ideal hingestellt", schrieb 1976 der einflussreiche Medienjournalist Manfred Delling über die Quizshows dieser Jahre. "Bildung wird als Faktenhuberei verhökert." Und: "Als perfekter Quiz-Kandidat lässt sich ein sattgefütterter Computer vorstellen."

Quiz bedeutet im Englischen immer auch Befragung, Prüfung. Lange bevor die ersten Quizsendungen im Radio ausgestrahlt wurden, nutzte die Armee Frageformen um Offizierskandidaten auszuwählen, seit 1919 gab es erste Multiple-Choice-Tests an der Columbia Universität und bald die ersten Maschinen zur automatischen Bearbeitung. 1960 wurden in den USA bereits 130 Millionen Multiple-Choice-Tests an Schulen, Militärakademien und Universitäten durchgeführt, zwei Jahre später registrierte Banesh Hoffmann "The Tyranny of Testing".

Ende 1960 wurde in Deutschland die wahrscheinlich erste Quizsendung mit Multiple-Choice-Antwortvorgaben ausgestrahlt: Frank Streckers am Nachmittag gesendetes Fragespiel "Entweder - oder" (bis 1962). Die Quizshow vermittelte nicht nur lexikalisches Wissen; sie dockte spielerisch, dezent und vorläufig an neue Auswahl- und Bewertungspraxen an.

Doch bis in die 1980er Jahre waren Quizsendungen in Deutschland eher konservative, eher bildungsbürgerliche, öffentlich-rechtliche Formen. Erst die Einführung des Privatfernsehens führte zu einem radikalen Wandel und einer massiven Re-Amerikanisierung der Form. Denn die neuen Privatsender setzten Quizformate wie "Ruck Zuck (Tele 5, 1988-2000), "Glücksrad" (SAT1, rund 4000 Folgen von 1988-2002) oder "Riskant" (RTL, 1990-1993) bzw. "Jeopardy" (RTL, 1994-2000) täglich in ihren Tages- und Vorabendprogrammen ein.

Die Gewinne stiegen; die Werbung wurde so weit ausgeweitet, dass einige Angebote sich zu Dauerwerbesendungen entwickelten. Die Gewinnspiele wurden tragende Säulen im Angebot der Privatsender und auch sie kamen weitgehend ohne Multiple-Choice aus. Mit Bildung, Wissen, Zusammenhängen oder gar Bildungsbürgertum aber hatten die durch Werbung immer wieder unterbrochenen Fragerunden nicht mehr viel zu tun. Genau so wenig wie jene Miniquizze einfachster Strickart, die vor allem morgens und mittags mit einfachsten Fragen zur telefonischen Teilnahme an Gewinnspielen anregen sollten.

Ende der 80er Jahre gab in fast allen Fernsehprogrammen Quizsendungen. Es war eine "regelrechte Flutwelle" (Stefanie Armbruster/ Lothar Mikos), die die Wertigkeiten des Wissenswerten radikal verschob.

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