Quo vadis Windenergie?

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Die Energie- und Klimawochenschau: Von billigem Windstrom, wachsenden Unsicherheiten bei den Ausbaumengen, großen Unternehmen, die sich als Bürger-Projekte tarnen und einer zunehmenden Dürre-Gefahr in Nahost

Die Bundesnetzagentur hat am Dienstag die Ergebnisse der jüngsten Ausschreibungsrunde für Windkraftanlagen an Land bekannt gegeben gegeben. Demnach werden die genehmigten Anlagen den Strom im Schnitt für 4,28 Cent pro Kilowattstunde einspeisen. Das günstigste Angebot wird für 3,50 Cent und das teuerste für 4,29 Cent pro Kilowattstunde liefern. In der im Mai abgeschlossenen ersten Runde hatte der Durchschnitt noch bei 5,71 Cent pro Kilowattstunde gelegen.

Aber werden auch alle Projekte umgesetzt?. Der Bundesverband der Anlagenherstellen VDMA Power Systems weist darauf hin, dass nur eine kleine Minderheit der bezuschlagten Projekte auch bereits über alle erforderlichen Genehmigungen verfügt. Sollte es für die Vorhaben zum Beispiel im Nachhinein keine Genehmigung nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz geben, so könnte trotz Zuschlags in der Ausschreibung nicht gebaut werden.

Dadurch, so der Verband, entstünden erhebliche Probleme für alle Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette, da es für sie schwerer wird, ihre Auslastung vorherzusehen. Künftig müsse die immissionsschutzrechtliche Genehmigung zum Teilnahmekriterium werden, so die Forderung des VDMA. Für die ersten beiden Ausschreibungen 2018 sei dies bereits geschehen, doch das reicht dem Verband nicht. Die neue Regelung müsse auch bei den späteren Ausschreibungen angewendet werden.

Der Bundesverband Windenergie BWE teilt die Kritik an den wachsenden Unsicherheiten für die Branche. Außerdem weist er darauf hin, dass nur 12 Prozent der Zuschläge auf die südlichen Länder NRW, Sachsen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Hessen, Baden-Württemberg und Bayern entfallen sei, also auf jenen Teil der Republik, der zwar meist über große Verbrauchszentren verfügt, in dem aber die Windenergie noch unterentwickelt ist. Der größte Teil der Zuschläge, 63 Prozent, ging in die östlichen Bundesländer ohne Sachsen, was die Ungleichverteilung der Windkraftanlagen weiter verstärkt.

Der BWE macht des Weiteren darauf aufmerksam, dass 95 Prozent der Zuschläge an Vorhaben ging, die die Kriterien von Bürgerenergie-Projekten erfüllen. Diese haben vom Gesetzgeber bestimmte Erleichterungen zugesprochen bekommen, damit sie in den Ausschreibungen nicht ins Hintertreffen geraten.

Schlupflöcher

Allerdings hatte sich im Frühjahr 2017 in der ersten Ausschreibungsrunde gezeigt, dass es offensichtlich ein recht großes Schlupfloch gibt. Die Bundestagsabgeordnete der Linkspartei Eva Bulling-Schröter hatte Ende Juni darauf aufmerksam gemacht, dass sich in der ersten Ausschreibungsrunde hinter den privilegierten vermeintlichen Bürgerenergieprojekten oft große Projektierer verborgen hätten. Zuvor hatte unter anderem Spiegel online über Fälle aus Brandenburg berichtet, dass die meisten dortigen Bürgerenergiegesellschaften mit Zuschlag von Mitarbeitern eines großen Unternehmens gegründet worden seien, das die Errichtung übernimmt.

Insgesamt entsteht dadurch die Situation, dass erstens echte Bürger-Projekte nicht, wie versprochen, gezielt Unterstützung bekommen. Zweitens sorgen aber die eigentlich nur für diese gedachten Privilegien dafür, dass größere Diskontinuitäten im Auftragseingang bei den Herstellern drohen, weil vermutlich nicht alle Anlagen auch tatsächlich die erforderlichen Genehmigungen erhalten. Und drittens ist schließlich bisher nicht vorgesehen, dass die nicht errichteten Kapazitäten noch einmal ausgeschrieben werden. Daher wird der vom neuen Verfahren vorgegebene ohnehin zu enge Ausbaukorridor voraussichtlich nicht erreicht werden. Mit anderen Worten: Der Branche und der Energiewende stehen unruhige Zeiten bevor.

Juli mit (fast) Rekordtemperaturen

Der Klimawandel geht derweil weiter. Inzwischen liegen die Daten für die globale Temperatur im Juli vor. Wie die obige Grafik des japanischen Wetterdienstes zeigt, war der Juli 2017 der zweitwärmste nach dem Juli 2016 in der in diesem Fall bis 1890 zurück reichenden Zeitreihe. Der lineare Trend beträgt demnach 0,69 Grad Celsius pro Jahrhundert. Das heißt, wenn man die natürlichen Schwankungen außer Acht lässt und annimmt, dass sich das Klima graduell und nicht sprunghaft ändert, dann ist es seit 1917 um etwa diesen Betrag wärmer geworden.

Abweichung (Anomalie) der über den ganzen Planeten und jeweils den Juli gemittelten Temperatur vom Mittelwert der Jahre 1981 bis 2010, berechnet vom japanischen Wetterdienst für die Zeit von 1890 bis zum Juli 2017. Der lineare Trend ist rot eingezeichnet, blau ist das gleitende Mittel über fünf Jahre. 0,41 Grad Celsius über dem Referenzwert (und deutlich mehr als einem Grad über der Zeit um 1900) war der vergangene Juli der zweitwärmste (nach 2016) seit dem Beginn der Zeitreihe. Der lineare Trend ist derzeit ein Anstieg von 0,69 Grad Celsius pro Jahrhundert.

Wenn man sich die Grafik allerdings genauer anschaut, dann sieht man, dass der lineare Trend natürlich nur eine unvollkommene Beschreibung der Entwicklung darstellt. Die Erwärmung verläuft nicht sehr gleichförmig, sondern hat insbesondere seit Ende der 1970er Jahre an Fahrt aufgenommen. Der Juli 2017 war rund 0,8 Grad Celsius wärmer, als ein durchschnittlicher Juli zwischen 1945 und 1975.

Kein El Niño

Auch das Goddard Institut for Space Studies der NASA (GISS) hat inzwischen seine Auswertung vorgelegt. In dieser ist der Juli 2017 sogar mit 0,01 Grad Celsius geringfügig - innerhalb der Messgenauigkeit - wärmer als der Juli 2016 und damit der wärmste in der Zeitreihe. Insgesamt ist 2017 in den GISS-Daten bisher das zweitwärmste Jahr nach 2016.

Derweil scheint sich im Pazifik fürs erste kein weiterer El Niño herauszubilden, was sich dort unter anderem durch eine besonders warme Oberfläche entlang des Äquators bemerkbar macht und für die angrenzenden lateinamerikanischen Küstenregionen meist besonders schwere Unwetter und für die tropischen Länder in Südostasien ausbleibende Niederschläge zur Folge hat. Noch vor einigen Monaten hatte es so ausgesehen, als zeigten sich bereits die ersten El-Niño-Vorläufer.

Nun zeigt die unten stehende Grafik mit der regionalen Verteilung der Temperatur-Anomalien im Juli für die Küstengewässer vor Peru und Ecuador vergleichsweise kühle Verhältnisse. Auffällig ist an der Verteilung außerdem, dass die Arktis kühler als gewöhnlich war, was dort schon lange nicht mehr vorgekommen ist. Für den dortigen sommerlichen Eisschwund heißt das, dass in diesem Jahr kein neuer Rekord zu erwarten ist. Allerdings hat die Eisbedeckung des arktischen Ozeans im Juli auch nur knapp über der des Rekordjahres 2012 gelegen.

Auffällig an der Verteilung der Anomalien ist außerdem zum einen die kühle Region südöstlich von Grönland, die dort inzwischen seit geraumer Zeit zu beobachten ist und auf Abschwächung des Golfstroms hindeutet. Außerdem ist es offensichtlich in Italien und in den ans östliche Mittelmeer angrenzenden Ländern erheblich zu warm gewesen. Das sind Regionen, die derzeit unter schweren Dürren leiden. Zu einem Mangel an Regen gesellen sich dort also aufgrund der hohen Temperaturen gesteigerte Verdunstungsraten, was zusammen das Rezept für besonders gravierenden Wassermangel gibt.

Verteilung der Temperatur-Anomalien im vergangenen Juli. In der Arktis war es - was lange nicht mehr vorgekommen ist - kälter als zu dieser Jahreszeit üblich. Bemerkenswert sind weiters die kühle Region südöstlich Grönlands sowie die überdurchschnittlichen Temperaturen im Mittelmeerraum. Bild GISS, NASA

Erst der Anfang

In Rom wird inzwischen das Wasser rationiert und für die Länder von Ägypten bis zum Irak sagen die Klimamodelle ohnehin mit zunehmender Erwärmung verschärfte Dürren voraus. Dabei könnten diese von den Simulationen sogar noch unterschätzt werden, wie jüngste Felduntersuchungen historischer Ereignisse ergeben haben. Anfang des Jahres hatte ein internationales Team von Wissenschaftlern mittels Ablagerungen in einer irakischen Höhle das regionale Klima der letzten 2400 Jahre rekonstruiert.

Ihre Ergebnisse: Die Dürren 1998 bis 2000 und 2007 bis 2010 - letztere führte in Syrien für Zehntausende Bauern zum Ruin und wird von einigen Wissenschaftlern und andere Beobachtern als einen der Auslöser des derzeitigen Bürgerkriegs angesehen - waren die schlimmsten Ereignisse dieser Art im untersuchten Zeitraum. Und: Es gebe in der Region einen seit etwas mehr als 1000 Jahren anhaltenden Trend zu trockeneren Bedingungen, der bisher nicht von den Klimamodellen erfasst werde.

Ein Jahr zuvor hatten NASA-Wissenschaftler anhand von Daten der Wachstumsringe in Bäumen festgestellt, dass die jüngste Dürre in der genannten Region, die sie als ein seit 1998 anhaltendes Ereignis auffassen, die schlimmste seit 900 Jahren gewesen sei. Die Periode 1998 bis 2012 sei um 50 Prozent trockener als die zweitschlimmste Dürre der letzten 500 Jahre gewesen.

Alle Klimamodelle der unterschiedlichsten Institute aus aller Welt, die nach den jüngsten Erkenntnissen die drohenden Dürren für die Region eher zu untertreiben scheinen, sagen übrigens für die Mittelmeerregion wachsende Wasserprobleme, Niederschlagsmangel und überdurchschnittliche steigende Temperaturen voraus. Die jüngsten Dürren sind somit mit ziemlicher Sicherheit erst der Anfang. Statt immer mehr Waffen und Militär in den Nahen Osten zu pumpen, wäre es vielleicht an der Zeit, die dortigen Konflikte zu lösen und gemeinsam Maßnahmen gegen die künftigen Dürren zu ergreifen.