RAF - Schlachtfeld der Bilder

Kontroverse Kunstschau in Berlin eröffnet

"Ensslin, Meinhof, Baader, das sind unsre Kader!" reimten die radikalen Linken der 1970er Jahre. 2005 ist die "Rote Armee Fraktion" seit sieben Jahren Geschichte und in Berlin werden künstlerische Arbeiten zur RAF gezeigt und gut besucht.

"Zur Vorstellung des Terror: Die RAF-Ausstellung" wurde am Samstag in den "Kunst Werken Berlin" eröffnet. Punkt siebzehn Uhr drängte sich eine Menschentraube vor dem Eingang der Kunst Werke in der Berliner Auguststraße. Einmal in die Ausstellung hineingelangt, fanden sich die Interessierten schnell vor "Schlachtfeld Deutschland" wieder.

Das Bild von Katharina Sieverding dominiert mit seinen 3,5 mal 4,5 Metern den zentralen Raum der Ausstellung. In Kontrast Violett und Schwarz strahlt es vor der Wand. Abgebildet werden die Phasen des Combatschießens - Waffe ziehen, in die Knie gehen, Waffe mit beiden Händen vor den Körper halten und abdrücken - das schnelles, zielsicheres Schießen ermöglicht. Eine Methode die sowohl RAF, als auch die Staatsorgane nutzten.

"Wiederholen der damaligen Wahrnehmung möglich machen"

"Schlachtfeld Deutschland" zieht mit seiner grellen Farbigkeit und Größe die Blicke auf sich. In der Halle rings um das Bild sehen Besucher Medienberichte aus den 70ern. Zu 29 Daten der RAF-Geschichte präsentieren die Macher Artikel aus dem Spiegel, aus Bild, der Süddeutschen und Beiträge von ZDF und ARD. Das soll den Besuchern das "Wiederholen der damaligen Wahrnehmung möglich machen", erklärt Klaus Biesenbach, der Kopf der Ausstellungsmacher. Gleichzeitig leitet der Raum zu den Kunstwerken der Ausstellung über.

Denn für viele gaben die Pressebilder die Vorlage ab. "Schlachtfeld Deutschland" verarbeitet beispielsweise ein Photo aus dem Spiegel. Die Arbeiten sind also Bilder der Bilder, und genau das will die Ausstellung zeigen. "Die Reflexionen zur Roten Armee Fraktion in den Medien einerseits und die künstlerischen Positionen, die sich direkt oder indirekt mit der Geschichte der RAF auseinandersetzen, andererseits" sind Gegenstände der Ausstellung, sagt Biesenbach.

Peter Weibel, der als Chef der Grazer Neuen Galerie die Kunstschau im Sommer nach Österreich holt, sieht sich als "Beobachter 2. Ordnung". Man betrachte nicht das Geschehen, sondern die Wahrnehmung des Geschehens.

Begleitet wurde die Eröffnung dieser Wahrnehmung von einem außerordentlichen Medienrummel. Über hundert Pressevertreter - Kamerateams, Printjournalisten, Radioteams - drängten sich auf der Pressekonferenz der Kunst Werke. Ausgelöst hat dieses starke Interesse eine Diskussion im Jahr 2003. Damals wurde publik, daß die Kunst Werke für den Herbst 2004 eine Kunstschau mit dem Titel "Mythos RAF" planten. Bilder, Installationen und Objekte, die sich mit der RAF auseinandersetzen, sollten zusammengeholt und erstmals gemeinsam gezeigt werden.

"Krampfhafte Tabuisierung"

Sofort brach ein Streit aus, so heftig, als suchten die Kunst Werke, die Rote Armee Fraktion selbst wieder zu gründen. Von einer Verhöhnung der Opfer und Legitimierung der Täter war die Rede (vgl. Wiederauferstehung des RAF-Gespenstes), als Resultat wurde der öffentliche Zuschuß zum Projekt gestrichen. Nach dem die Kunst Werke durch die Versteigerung von Kunstobjekten die Finanzierung selbst sichern konnten, startet die Schau nun als "Zur Vorstellung des Terror".

Mit der Kritik müssen sich die Organisatoren trotzdem auseinandersetzen. "Zur Vorstellung des Terror" sei ausdrücklich nicht, wie man ihnen vorwerfe eine Ausstellung über die RAF, betonen Biesenbach und Weibel. Und auf keinen Fall verherrliche man die Aktionen der RAF, vielmehr würde die Ausstellung künstlerische "Trauerarbeit leisten", so Weibel. "Wir thematisieren das Leiden und die Tragödie der Opfer." Die Kritik an der Ausstellung "von Bild und Sympathisanten" bezeichnet er als krampfhafte Tabuisierung:

Ich hoffe, daß das Misstrauen gegen Kunst kein Kennzeichen der Berliner Republik wird. Denn das einzige, was der Ausstellung vorgeworfen werden kann, ist, daß sie Demokratie wagt. Kunst muß ein Ort der kritischen Auseinandersetzung sein.

Die eigene Fähigkeit zum Dialog stellten die Kunst Werke bei der Eröffnung unter Beweis, als Mitglieder der Roten Hilfe ein Transparent mit der Aufschrift "Freiheit für die Gefangenen aus der RAF" entrollten. "Die Rote Hilfe Berlin will die Gelegenheit nutzen, die Existenz der Gefangen wieder in Erinnerung zu bringen", sagte ihr Sprecher Daniel Majer:

Das Kapitel RAF, der deutschen Geschichte ist 1998 zu ende gegangen, aber nicht für die Gefangenen. Christian Klar, Brigitte Mohnhaupt, Eva Haule und Birgit Hogefeld sitzen seit Jahrzehnten im Gefängnis.

Die Kunst Werke reagierten auf das Transparent und die verteilten Flugblätter mit dem Verhängen des Hausverbotes - kein Ruhmesblatt in der "kritischen Auseinandersetzung", die sie von anderen einfordert.

Nur Bilder?

Der Vorfall zeigt zudem, daß die Trennlinie der Ausstellung, nicht das "Schlachtfeld Deutschland", sondern nur das Schlachtfeld der Bilder zu behandeln, schwer durchgehalten werden kann. Denn hinter den Bildern steckt auch 2005 noch die handfeste Realität der Toten und Inhaftierten, und auch insgesamt läßt sich die RAF kaum von ihren Bildern trennen.

Überspitzt formuliert hat die Rote Armee Fraktion nichts anderes als Bilder produziert. In ihnen wurde sie handlungsmächtig. Der RAF-Ansatz war die Propaganda der Tat, sie handelte, um über die öffentliche Wahrnehmung ihrer Aktion zu verändern. Sie erwartete nicht, mit einem Granatwerferangriff auf die Bundesanwaltschaft das System direkt zu stürzen. Hieß man in den 70ern nicht gerade Hanns Martin Schleyer, oder war dessen Leibwächter, kam man unmittelbar mit der RAF praktisch nicht ihn Berührung. Sehr wohl aber mit der Propaganda ihrer Taten, mit den Bildern die sie erzeugten. Undenkbar gewesen wäre das ohne die Medien.

Gewalt wurde überschwellig, als die Medien den Großteil der Bevölkerung involvierten, alle gleichzeitig mit den Bildern konfrontiert wurden.

Klaus Biesenbach

Das schuf die Hysterie in der Bevölkerung und auf dieser aufbauend die immer noch bestehenden RAF-Sondergesetze. Renate Stih und Frieder Schnock behandeln in dem ausgestellten Werkpaar "Schleyer-Konsorten" und "Wir müssen von den Bürgern Opfer verlangen" beides. Das Bild "Hollywood Boulevard" von Hans Niehus verweist auf einen anderen Aspekt der engen Verzahnung von Aktion und Bildern: die Selbstinszenierung der RAF. Zu sehen ist ein Stern auf dem Walk of Fame, der den Namen Holger Meins trägt. Das beste reale Beispiel für derartige Inszenierungen gab die Verhaftung Andreas Baaders, zu der er trotz Verfolgungsdruck und Illegalität im cremefarbenen Porsche fuhr.

RAF und Alltagskultur

Gänzlich gelöst haben die Aussteller das Problem auf dem Schlachtfeld der Bilder also nicht. Der Schau tut das keinen Abbruch. Die Bilder, Objekte und Installation formulieren spannungsreich und lohnenswert ihre Aussagen. Sie verändern die Wahrnehmung, gefallen, provozieren, stellen neue Fragen. Sie tun, was man von guter Kunst erwartet. Einige beschäftigen sich mit dem Eindringen der RAF-Bilder in die Alltagskultur. Da ist Theo Ligthart, der in dem Bild "Avantgarde" den revolutionären Avantgardebegriff der RAF der Avantgarde-Ausstattungslinie bei Mercedes gegenüberstellt. Die Verwendung in der Pop-Kultur ironisieren Scott King und Matt Worley in "Prada Meinhof", oder dem Stück "Meanwhile ..." in weißer Schrift auf lila Grund:

Meanwhile (übersetzt v. A.):

Inzwischen klingelt in einem großen Londoner Apartment das Telefon ...

Tamara Beckwith: Hallo, ich bin dran.

Ulrike Meinhof: Guten Tag. Mein Name ist Ulrike. Ich sammele für die Rote Armee Fraktion.

Tamara: Entschuldigung. Für wen?

Ulrike: Ich bin von der R.A.F.

Tamara: Cool. Tolle Leute, habe die Nazis bombardiert.

Ulrike: Das stimmt. Also, würden Sie etwas spenden für den Kampf gegen den bourgeoisen Konsumkapitalismus?

Tamara: Schau mal Ulrika, ich würde mich freuen was zu spenden, wenn das dafür sorgt, daß ich wieder eingeladen werde, was für "Shooting Stars" zu tun.

Ulrike: Das ist perfekt. Stars zu erschießen steht ganz oben auf unserer Liste, zusammen damit Bürokraten zu bomben und Bullen zu killen. Hast du noch irgendwelche weiteren Wünsche?

Tamara: Hmm ... Ich sollte auf Marks Seite sein.

Ulrike: Gut. Ich bin auch auf Marxs Seite.

Tamara: Bist du? Aber wer ist dann auf der anderen Seite?

Ulrike: Die gesamte Macht des westlichen Kapitalismus.

Tamara: Naja, das ist aber nicht fair.

Zum besseren Verständnis ist hinzuzufügen, das Tamara Beckwith eine britische B-Prominente ist, die Royal Air Force (R.A.F.) auch die Nazis bombardierte und Mark in der britischen Celebrity-Show "Shooting Stars" Moderator ist.

Die meisten Exponate in "Zur Vorstellung der Terror" regen zum Nachdenken an. Eines aber geht darüber hinaus und wird unmittelbarer erfahren: "camera silens" von Rob Moonen und Olaf Arndt. "camera silens" sucht, den Zustand sensorischer Deprivation, den völligen Abschluß von Sinnesreizen zu simulieren. Psychiatrische Studien zur sensorischen Deprivation flossen unter anderem in den Bau der RAF-Zellen in Stammheim ein. In Arndts und Moonens Bau findet sich der Betrachter allein in einer schallisolierten Zelle wieder. Das zu erleben ist beeindruckend, schon deswegen lohnt sich ein Besuch der Ausstellung.

"Zur Vorstellung des Terror: Die RAF-Ausstellung" läuft noch bis 27. März in den Kunst Werken Berlin, in der Auguststraße 69. Von Juni bis August ist sie dann in der Neuen Galerie am Landesmuseum Joanneum in Graz zu sehen. (Matthias Pfeiffer)