"RT Deutsch hat nie Geschichten erfunden"

Übertragungsfahrzeug von RT in Moskau. Foto: Jürg Vollmer / Maiakinfo. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Interview mit RT-Deutsch-Chefredakteur Ivan Rodionov

Das Interview mit dem DJV-Vorsitzenden Frank Überall (vgl. "RT Deutsch ist kein journalistisches Informationsmedium") hat hohe Wellen geschlagen. Den vom DJV erhobenen Vorwürfen, RT Deutsch sei kein journalistisches Informationsmedium und erfinde Geschichten, widerspricht Ivan Rodionov, der Chefredakteur des russischen Auslandssenders, im Telepolis-Interview vehement.

Sehr geehrter Herr Rodionov, der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) fordert die Landesmedienanstalten auf, dem Kanal Russia Today für seine Webseite RT Deutsch keine Rundfunklizenz zu erteilen. Er beklagt, Russia Today habe in der Vergangenheit immer wieder Geschichten erfunden. Welche RT Deutsch-Beiträge waren erfundene Geschichten?
Ivan Rodionov: RT Deutsch hat nie Geschichten erfunden. Es ist manchmal das Realleben, das wie Erfindung wirkt. Oder wie Spiegelland (wird schon mit Bindestrich geschrieben oder noch ohne?). Kann man sowas erfinden, wie die rätselhaften russischen Schallwaffen, die den US-Diplomaten in Havanna so schwer zusetzten und sich am Ende als paarungswillige Grillen erwiesen? Ist es erfunden, dass ein Verschwörungstheoretiker zum Verfassungschutzpräsidenten avanciert - und wegen eines 19-sekündigen Twitter-Videos entlassen wird, nachdem er die eigentlichen großen Skandale wie Murat Kurnaz, Anis Amri und NSU heil übersteht?
Ist es erfunden oder wahr, dass dänische Behörden entscheiden, ein intaktes Wohnviertel mit ca. 1000 Wohnungen abzureißen, weil es ihnen als zu "ghettoisiert" und kriminell gilt? Dass einem Regionalabgeordneten einer demokratischen deutschen Partei auf parteiinternen Kanälen das Teilen und Liken der RT-Deutsch-Beiträge auf seinem privaten Facebook-Account verboten wird? Dass der öffentlich-rechtliche Kinderkanal Teenager mit Synonym-Listen für Genitalien für sein Programm gewinnen will? Oder dass eine russischer Zeichentrickserie als gefährliche Kreml-Propaganda entlarvt wird - weil eine der Hauptfiguren ein Bär ist? Dass Russland eine Fake-News-Attacke gegen die Bundeswehr in Litauen lanciert? Dabei erscheint der angebliche Fake nur als Enthüllung seiner selbst, mit hektisch wechselnden Überschriften und ausschließlich im deutschen Mainstream - in keinem russischen Medium? Dagegen ist jede Phantasie blass.
Es werden vielmehr Geschichten über RT Deutsch erfunden. Und die hartnäckigste dabei ist der "Fall Lisa". Ein klassisches Beispiel dafür, dass eine Unwahrheit so oft und so lange wiederholt wird - wider besseren Wissens oder aus Denkfaulheit -, bis sie sich entgegen jeder Faktenlage als Fakt im Bewusstsein verankert. Dabei war unsere aktuelle Berichterstattung zu dem Fall recht überschaubar und leicht überprüfbar: ein knapp 2-minütiges Roh-Video über eine Demonstration Russland-Deutscher vor dem Kanzleramt, erschienen eine Woche nach dem Bekanntwerden des Falls in der Rubrik "Kurzclips".
Im Beschreibungstext steht: "Nach Ermittlungen des Landeskriminalamtes wurde das Mädchen weder vergewaltigt, noch entführt." Und später ein Studiogespräch mit dem Journalisten des russischen Perwij Kanal Iwan Blagoj. Der Anlass war ein Verfahren wegen Volksverhetzung gegen Blagoj. Ich habe in einem Kommentar den interessierten Kollegen Recherchehilfe angeboten: "Es reichen 30 Sekunden - ich habe nachgerechnet - für eine oberflächliche Recherche mit dem Suchbegriff 'Fall Lisa' auf unserer Webseite" - das war der Stand Ende 2016. Fakt ist: Es waren zu dem Zeitpunkt die zwei oben genannten Beiträge. Damit erschöpfte sich unsere aktuelle Lisa-Berichterstattung, allgemein bekannt als eine "großangelegte Kreml-befohlene Desinformationskampagne".
Der DJV-Vorsitzende antwortete auf die gleiche Frage mit dem Fall "Lisa", mit dem massiv versucht worden sei, Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen. Hat RT Deutsch über diesen Fall anders als konventionelle Medien berichtet?
Ivan Rodionov: Definitiv anders. Zunächst hat RT Deutsch eine Woche lang gar nichts berichtet. Während sich alle "konventionellen" Medien an der "perfiden russischen Desinformationsattacke" abarbeiteten und russische Kanäle verzweifelte Verwandte und aufgebrachte Russlanddeutsche interviewten, schwieg RT Deutsch. Unsere Berichterstattung war wohl die späteste, die knappste, dafür die unangreifbarste. Vorausgesetzt, man bedient sich überhaupt Fakten für einen Angriff.
Ironischerweise musste ausgerechnet der Pressesprecher des DJV, Hendrik Zörner, seine Falschaussage über RT Deutsch im Zusammenhang mit dem Fall Lisa nach massiver Kritik in den Blog-Kommentaren zurücknehmen. Der DJV-Vorsitzende hat sich danach für diesen "Fehler" entschuldigt. Als einziger bislang. MDR etwa hat seine (Doppel-)Falschaussage ("Russische Auslandsmedien wir RT Deutsch halten das Thema wochenlang hoch, stricken immer weiter an der Legende einer vertuschten Vergewaltigung") uns gegenüber damit verteidigt, es seien diverse Medien gemeint, nicht RT Deutsch im Einzelnen.
Es ist erstaunlich, welches lockere Verhältnis der Vorsitzende der größten deutschen Journalistenvertretung zu Fakten, dem Grundpfeiler der Journalistik, pflegt. Es sei denn, wir haben es hier mit einer gespaltenen Persönlichkeit zu tun: einem Dr. Jeckyll, der sich entschuldigt, wenn auch gezwungenermaßen, und einem Mr. Hyde, der ganz enthemmt in den gleichen Fettnapf reinstampft.
Ivan Rodionov

"In jeder Konfliktsituation [sollen] alle Konfliktparteien zu Wort kommen"

Der DJV beklagt, RT Deutsch stelle tatsächliche Ereignisse einseitig dar. Bewerten Sie diese Darstellung des DJV als objektiv und zutreffend?
Ivan Rodionov: RT Deutsch bemüht sich bei jedem kontroversen Thema um Darstellung aller Standpunkte und lässt in jeder Konfliktsituation alle Konfliktparteien zu Wort kommen. Insbesondere, wenn diese mit uns direkt sprechen. Denn es gehört eine gewisse Unabhängigkeit und geistige Souveränität dazu, mit RT Deutsch zu sprechen. Vor allem, wenn man eine Karriere in Politik, Medien oder Staatsdienst vor sich hat.
Diejenigen, die sich trauen - wie Matthias Platzeck, Sahra Wagenknecht oder Sigmar Gabriel - müssen danach viel Schelte einstecken. U.a. vom DJV, wie im Fall Platzeck. Es war sein Interview, dass Hendrik Zörner zu einer Eskapade mit dem Lisa-Fake im DJV-Blog veranlasste. Bemerkenswert ist, dass die "Kritik" sich nie inhaltlich mit dem jeweiligen Interview auseinandersetzt. Allein schon die Erscheinung auf RT Deutsch reicht den "Kritikern", um in Wallung zu geraten.
Bewerten Sie politische Berichterstattung in Deutschland als staatsfern?
Ivan Rodionov: Es ist schwer zu übersehen, dass zu bestimmten Themenblöcken wie etwa EU, NATO, Euro, Russland, Ukraine, pro-atlantische Beziehung, Syrien alle deutschen Mainstream-Medien unisono berichten. Bestimmte Narrative werden gar nicht erst hinterfragt. Dabei lassen sie viel Raum, zumindest für Nachfrage und Diskussion.
Beispiel 1: "Die Annexion der Krim". "Annexion" ist eine gewaltsame Landname. Auf der Krim ist kein Schuss gefallen, die absolute Mehrheit der Bevölkerung jubelte der "Annexion" zu und ca. 15.000 von 20.000 auf der Krim stationierten ukrainischen Soldaten wechselten freiwillig zur russischen Seite. Und zuvor verweigerten sie die Schießbefehle aus Kiew. Spätere Umfragen westlicher Meinungsforschungsinstitute auf der "annektierten" Krim ergaben ein deutliches Bild: Auch ein Jahr und drei Jahre nach der "Annexion" sprach sich die große Mehrheit der Befragten für die Zugehörigkeit zu Russland aus und bekräftigte die Entscheidung von 2014. Eine offene Diskussion über die völkerrechtlichen Aspekte in der Causa Krim, mit Pros und Contras, ist im deutschen Mainstream dennoch unvorstellbar.
Beispiel 2: "Schlächter Assad führt Krieg gegen das eigene Volk". Bei der im Westen nicht anerkannten Präsidentschaftswahl 2014 bekam Assad ca. 10 Millionen Stimmen. Bemerkenswert, dass die Syrer im Ausland, wo die Wahllokale überhaupt öffnen durften, überwiegend für ihn gestimmt haben. Es drängt sich die Frage auf: Wie kann sich ein Staatschef sieben Jahre lang gegen das eigene Volk behaupten? Da hilft doch keine Armee und kein Geheimdienst der Welt - die würden ihn eher selbst als erste stürzen. Ohne Rückhalt in der eigenen Bevölkerung ist es unmöglich. Insbesondere, wenn dazu die geballte Kraft ausländischer Mächte kommt, die seine Gegner mit Waffen, Geld und Nachschub versorgen und radikale Kämpfer ins Land schleusen.
Beispiel 3: "Putin führt Krieg in der Ostukraine". Die OSZE, deren Beobachter sich überall im Konfliktgebiet bewegen, hat bislang keine russischen Truppen registriert. Aber was die OSZE-Beobachter direkt vor Ort nicht sehen, erkennen deutsche Journalisten aus ihren Redaktionstuben in München, Hamburg und Berlin. Es war auch kein Putin und kein Kreml, es war die Postputsch-Regierung in Kiew, die Panzerkolonnen und Kampfjets gegen Teile der eigenen Bevölkerung schickte und damit einen brutalen Bürgerkrieg auslöste. Aber der Begriff "Bürgerkrieg" ist hierzulande tabu. Es war das Odessa-Massaker, dieses in Deutschland mit Abstand am meisten bagatellisierte, relativierte und verharmloste Verbrechen, das den bewaffneten Widerstand gegen Kiew enorm befeuerte. Nachdem es klar wurde, was den unbewaffneten Regierungsgegnern blüht.
Keines dieser Narrative und keine dieser Sprachregelungen wird auch nur annähernd hinterfragt oder auf den Wahrheitsgehalt überprüft. Sie sind alle unkritisch übernommen worden. Als Glaubensformel. Und alles, was diese Erzählweisen infrage stellt, wird regelrecht bekämpft, verunglimpft, als unseriös abgetan oder gar als feindliche Propaganda verschrien.
Ob diese Art von Berichterstattung staatsfern oder -nah ist, möchte ich pauschal nicht beurteilen. Dass sie interessengetrieben und äußerst parteiisch ist, das ist eindeutig.
Sie haben ausgerechnet einen vormaligen Büroleiter der BILD-Zeitung mit dem Aufbau eines Beirats beauftragt. Bewerten Sie Personal der Springer-Presse als zuverlässige Partner für seriösen Journalismus?
Ivan Rodionov: RT Deutsch steht dazu, sein Programm in Zukunft auch über Fernsehen verbreiten zu wollen und dazu alle nötigen gesetzlichen Voraussetzungen zu erfüllen. Einschließlich der Sendelizenz und der Einrichtung eines Programm-Beirats als unabhängige Kontrollinstanz. Bitte haben Sie Verständnis, dass ich mich zu den einzelnen Aspekten der rechtlichen Vertretung und Beratung von RT Deutsch nicht äußere.
In Deutschland müssen nunmehr Betreiber reichweitenstarker YouTube-Kanäle wie Sie unter bestimmten Kriterien eine Rundfunklizenz erwerben. Wie ist die Situation umgekehrt in Russland, wenn ein westlicher Sender wie z.B. die Deutsche Welle via YouTube sendet?
Ivan Rodionov: Die Deutsche Welle strahlt ihr deutsches und englisches TV-Programm in Russland über Kabel und Satellit aus. Sie hat ihre Sendelizenz, glaube ich, 2015 um 10 weitere Jahre verlängert. DW hat ein ständiges Büro in Moskau. Und selbstverständlich wird das russische Programm der Deutschen Welle in Russland über das Internet uneingeschränkt verbreitet. Daraus können die Russen, kurz vor den Wahlen, lernen, wie sie diese Wahlen boykottieren können oder dass Zugeständnisse an die russische Anti-Doping-Agentur RUSADA einer Beschwichtigungspolitik Nazi-Deutschlands im 2. Weltkrieg gleichkommen. Aber so viel Kontroverse muss man doch aushalten in einer Demokratie quasi-sowjetischen Diktatur, nicht wahr?

"Es ist ein fataler Fehler, für Probleme, die tief in der eigenen Gesellschaft wurzeln, Gründe außerhalb dieser Gesellschaft zu suchen"

Ist RT Deutsch ein Instrument der Desinformation?
Ivan Rodionov: Die Mainstream-Medien können doch nicht falsch liegen? Sie haben sogar Spione in unsere Redaktion eingeschleust. Ganze zwei. Als Praktikanten getarnt. Um genau das herauszufinden. Bei dem ersten, dem fähigeren, Martin Schlak, vom STERN, kam nachher eine recht gute Reportage heraus. Die allerdings nur für die Postille NEON reichte - so dünn waren die Erkenntnisse offenbar.
Bei der zweiten, weniger fähiger Alessia oder so (ich komme auf den Namen nicht mehr, von RTL), kamen hinterher ein paar gnadenlos zusammengestückelte Halb- und Drittelsätze aus versteckter Kamera zustande. In keinem der beiden Fälle konnten die Spione eine "Instrumentalisierung" oder äußere Beeinflussung der redaktionellen Arbeit feststellen. Offenbar ist diese so gut getarnt, dass man sie auch in drei bis vier Wochen Mitarbeit nicht mitkriegt. Martin Schlak haben wir nachher mehrmals als Gast eingeladen. Er hat stets abgelehnt.
Der DJV wirft Ihnen vor, eine politische Stimmung zu befeuern, die der AfD nützt. Tatsächlich bieten Sie vielen Personen eine Bühne, die von konventionellen Medien gemieden werden, etwa Extremisten diverser politischer Lager. Ist RT Deutsch ein Instrument der Zersetzung?
Ivan Rodionov: RT Deutsch bietet Nachrichten, Meinungen und Analysen. Wenn diese auf manche Zeitgenossen "zersetzend" wirken, liegt es nicht an den Inhalten. Im Ernst: Es ist ein fataler Fehler, für Probleme, die tief in der eigenen Gesellschaft wurzeln, Gründe außerhalb dieser Gesellschaft zu suchen. Die äußeren Feindbilder mögen bestimmten Interessengruppen kurzfristig nützen. Aber für die Gesellschaft als Ganzes ist es ein gefährlicher Irrweg in eine noch tiefere Spaltung. Bei Herz- oder Magenschmerzen liegt die Ursache meistens im Körper und nicht beim unliebsamen Nachbarn. Dem Nachbarn die Reifen zu durchstechen oder seine Katze zu treten, mag eine kurze Genugtuung bringen. Aber eine ärztliche Untersuchung ist auf lange Sicht sinnvoller.
Warum gibt es auf RT Deutsch keine konfrontative Talk-Show wie "Hart aber fair" oder "Anne Will"?
Ivan Rodionov: Weil Anne Will noch nicht zu RT Deutsch gewechselt hat. Auf Plasberg als Moderator halte ich persönlich keine großen Stücke. Kurz, wir sind dran. Als Einstieg wollen wir ein Talk-Format mit dem Arbeitstitel "Und futsch war mein Parteibuch" realisieren - für Politiker etablierter Parteien, die vom Politikbetrieb die Schnauze voll haben und sich etwa als Sozialarbeiter oder Taxifahrer versuchen wollen.
Deutsche Fernsehzuschauer haben vermutlich ein positives Verhältnis zum American Way of Live, mit dem sie in unzähligen US-Serien vertraut sind. Warum gibt es auf RT Deutsch keine russischen Serien oder Unterhaltungsangebote?
Ivan Rodionov: RT Deutsch ist ein reines Nachrichtenportal. Wie alle Kanäle und Portale der RT-Mediengruppe. Die Satire-Sendung 451° ist unser Maximum an Unterhaltung. Wenn sich allerdings der Verdacht erhärtet, dass die Zeichentrick-Serie "Mascha und der Bär" tatsächlich eine subtile Kreml-Propaganda ist, dann übernehmen wir diese zweifellos.

(Das Interview wurde via E-Mail geführt)

(Markus Kompa)

Anzeige