Radikalisierung des Islam oder Islamisierung des Radikalismus?

Petra Ramsauer über den IS und den Dschihad als Popkultur

In ihrem Buch Die Dschihad Generation schildert die Journalistin Petra Ramsauer Aufstieg und Anwerbetricks des Islamischen Staates und versucht die kriegerischen Pathologien der Täter zu erklären.

Frau Ramsauer - junge Männer und Jugendliche aus Europa kämpfen, foltern und töten für den IS. Wie viele Jugendliche aus Europa haben sich dem IS angeschlossen?
Petra Ramsauer: Rechnet man die Dunkelziffer mit ein sind in etwa 7.000 meist sehr junge Europäer und Europäerinnen in den Dschihad nach Syrien und den Irak gezogen. Die Mehrheit von ihnen hat sich dem IS angeschlossen.

"Ein Zehntel Konvertiten"

Warum tun sie das?
Petra Ramsauer: So wichtig dies auch gerade beim Anti-Terrorkampf jetzt auch wäre: Es gibt leider nicht den einen Grund, den roten Faden, der allgemeingültig das Phänomen der Radikalisierung erklärt. Manchmal habe ich den Eindruck, es gibt dafür tausende verschiedene Ursachen.
Gemeinsam haben die IS-Kämpfer aus Europa, dass sie irgendwann ein Gefühl der Entfremdung erlebt haben, eine Kränkung, die dazu führte, dass sie sich nicht zu unserer Gesellschaft, zu unserer Wertegemeinschaft zugehörig fühlen. Psychiater, die Rückkehrer aus dem IS vor deren Gerichtsverfahren untersuchten, stießen in fast allen Fällen auch auf eine mehr oder wenig tief ausgeprägte Form der Persönlichkeitsstörung. Oft handelte es sich um vermindertes Empathie-Empfinden.
Also es spielen da schon mehrere Faktoren eine Rolle - und ich gebe zu bedenken, dass Schwächen bei der Integration von Jugendlichen, deren Familien aus Ländern mit islamischer Tradition stammen, nicht einzig als Erklärung herhalten sollten. Immerhin sind von den 7.000 ein Zehntel Konvertiten, unter den französischen Dschihadisten sind es sogar ein Viertel.
Wichtig ist mir, dass wir auch die leider hoch professionelle Gehirnwäsche der Rekruter im Auge behalten müssen. Denn nicht einzig die Prädisposition eines Jugendlichen spielt bei der Radikalisierung eine große Rollen, sondern auch wie effizient er angeworben wird.

"Das ist Gehirnwäsche"

Warum sind diese Rekruter so erfolgreich?
Petra Ramsauer: Die Milizen des Islamische Staates verkaufen weniger den Dschihad, als den Willen dazu, an deren Interpretation dieses "Heiligen Krieges" teilzunehmen - als ultimativen Beweis, dazu zu gehören. Dieser Zwang zum Kampf wird anfangs sehr sachte aufgebaut und erst einmal stellen die Rekruter eine persönliche Beziehung her.
Gerade für frustrierte Teenager ist diese Beziehung zu der Führungspersönlichkeit, zum Anwerber, oft eine der ersten "gelungenen" sozialen Beziehungen: Nicht selten kommt es vor, dass diese Person in die Vaterrolle schlüpft.
Ist die Beziehung verfestigt, wird aus dem sachten Druck mehr und mehr der Zwang zum Kampf. Das ist Gehirnwäsche, die da passiert. Dass im religiösen Kontext der "Dschihad" auch ganz andere Bedeutungsdimensionen hat, wird hier ausgeblendet und einzig ein verzerrtes Bild gepredigt.
Petra Ramsauer. Foto: © Stögmüller via Styria / Literaturtest
Welche weitere Bedeutungen hat denn der Dschihad noch?
Petra Ramsauer: Die eigentlich, wichtigste Bedeutung, der "große Dschihad" ist der Kampf gegen sich selbst, die Anstrengung ein gutes, den Lehren des Islam gerechtes Leben zu führen. Der "kleine Dschihad" ist der Verteidigungskrieg im eigentlichen Sinn ein Krieg. Der darf nur von dem Kalifen, dem Führer der sunnitischen Muslime ausgerufen werden und dies auch nur, wenn seine Legitimität anerkannt ist. Mit Selbstmordanschlägen beispielsweise hat dieses Konzept überhaupt nichts zu tun.