Radio Dylan

Bob Dylan wird 70. Ein Geburtstagsständchen mit Musik aus einem Studio im Keller

Als Bob Dylan 40 wurde, klang er auch schon wie 70

Es war interessant, mit ihm in einem kleinen Rundfunk-Studio zusammen zu sitzen. An einem kalten Abend, unten in einem subterranen Studio, im Broadcasting House in Wellington, New Zealand. Aber es war nur ein Spiel zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Es war eine kleine Radio-Phantasie.

Damals, vor 30 Jahren, produzierte ich eine ganze Reihe von Radio-Features. Es war nur natürlich, auch ein Programm zu Dylans 40. Geburtstag anzupeilen. Aber was sollte ich über ihn bringen? Mark Knopfler hatte auf Dylans Slow Train Coming ein paar von seinen typischen Gitarren-Licks geparkt gehabt, aber im Vergleich zu jener ersten Dire Straits-Scheibe, Sultans of Swing, die mehr als nur ein bisschen wie eine Neuauflage von Dylan aus seiner besten Zeit klang, wirkte Dylan selber schon ziemlich bedient. Auf This Was My Love, einer Aufnahme von Dylan mit Dire Straits, die es erst später auf einem Bootleg zu hören gab, klang der Kettenraucher Dylan bereits wie 70. Dabei war er hier noch nicht mal 40 gewesen.

Zwei der besten und erfolgreichsten Dylan Raubpressungen, "Great White Wonder" und "Royal Albert Hall". Erst Jahre bzw. Jahrzehnte später gab es das Material, wenigstens teilweise, auch auf legalen Platten- bzw CD-Ausgaben zu hören.

Zufällig hatte ich aber eine ganze Reihe von inoffiziellen Scheiben mit Songs aus Dylans Frühzeit. Es waren Aufnahmen, die heute (zum Großteil) legitim, z. B. auch auf Dylans offizieller Bootleg-Serie, erschienen sind. Freilich sind die Platten selbst (als Objekte) unter den Titeln und in dem Erscheinungsbild, wie sie damals herauskamen, heute verschwunden. Neben Aufnahmen mit verschiedenen Band-Formationen war Dylan dort auch zu hören, wie er, nur mit Gitarre und Mundharmonika, in einem kleinen Studio saß und eine ganze Menge unbekannte Songs herunterhaspelte. Zuweilen hörte man zu Beginn eines Tracks die schwere Studiotür zufallen, dann wieder sagte Dylan ein paar Worte am Anfang, oder er hustete, oder er verschrammelte sich auf der Gitarre, oder er sagte am Schluss Dinge wie: "Ich hab da in der Mitte ein paar Verse ausgelassen, an die ich mich jetzt nicht mehr erinnern konnte. Ich schreib sie dir nachher auf, wenn du willst."

Es war eindeutig ein junger Dylan von knapp über 20, der da sprach und sang, aber die Idee reizte mich, aus diesen Aufnahmen irgendwie einen Studio-Termin mit ihm zu basteln. Ich würde rundherum ein wenig Text sprechen, Sachen wie, "Okay, ich lass dich dann mal hier im Studio allein, und du machst die Aufnahme." Dann würde man die schwere Tür hören, wie sie "RUMMS!" macht, und Bob singt seinen Song. Und so weiter. Natürlich musste ich erstmal jemanden beim neuseeländischen Rundfunk finden, der die Idee mit einem "Okay" abstempeln würde. Und da der junge Dylan hier keineswegs wie 40 klang, musste ich auch die Idee schubladisieren, das Feature als Geburtstags-Überraschung zu deklarieren. Es würde ein ganz unmotivierter Besuch des Großen Bob bei Radio New Zealand im windigen Wellington werden, nichts weiter, und wenn die Zuhörer eine knappe Stunde lang gerätselt hätten, wie das alles wohl sein könnte, und ob da der echte Bob oder ein Imitator zugange wäre, würde dann zum Schluss eine ganz normale Radiostimme das Ganze als eine kleine Radio-Phantasie deklarieren. "But we can always dream, can’t we?" - Und so machten wir’s dann auch.

Dort, wo einst das Gebäude Nachdem der größte Sendesaal in der Südhemisphäre, der ein ganzes Symphonie-Orchester beherbergen konnte, dazu verschiedene Sechzigerjahre 4-Spur-Aufnahmegeräte wie aus dem Abbey Road Studio, Mischpulte, eine Schallplattenpresse und dergleichen mehr, niedergerissen, auf den Müll gekarrt oder (tatsächlich!) im Meer versenkt worden waren, wurde erwogen, das im Hintergrund sichtbare Parlamentsgebäude (den "Bienenstock") um 25 Meter auf das nunmehr freigewordene Gelände zu verschieben. Eine Schnapsidee, die man aufgeben musste. Die Zerstörung des Staatsrundfunks zugunsten des privaten Kommerz-Radios schreitet unterdessen zügig voran, soeben kommen die letzten im öffentlichen Eigentum befindlichen Konzertflügel des Senders (ein 74er Bösendorfer und ein 85er Steinway) unter den Hammer. des neuseeländischen Rundfunks stand, befindet sich heute ein wellenförmig verlaufender Park mit drei Statuen, die bis in die kleinsten Details (Konstruktion aus Schwämmen bei Carl Barks; in Wellington: Styroporziegel, verkleidet mit japanische Importstein) an Kunstwerke aus Entenhausen erinnern. Bild: Appleton

Ich denke mit einer gewissen Wehmut zurück an dieses Dylan-Feature, und an das alte Gebäude des neuseeländischen Rundfunks, in dessen weitläufigen unterirdischen Fluren ich mehr als einmal ganz unvermittelt dem damaligen Premierminister Robert Muldoon begegnet bin, einem kleinen Mann, der von weit her auf mich zukam und trotzdem, auch beim Näherkommen, kaum größer wurde. Es gab einen Sendesaal, ausgerüstet mit einem Steinway Flügel von den Ausmaßen einer Limousine, es gab unzählige kleine Aufnahme-Studios mit jeder Menge Tontechnikern. Und es gab auch, bei aller konservativen Grundeinstellung (denn das Zeitalter des Dampfradios war hier noch nicht völlig vergangen) den Mut und die Bereitschaft, mit dem Medium Radio zu spielen, und sich ein bisschen was zu trauen. Mein Dylan-Programm wurde übrigens nicht aufgehoben. Nach dem Sendetermin hat man das Band gelöscht, um es später wieder für andere Aufnahmen zur verwenden.

Zehn Jahre später, Anfang der Neunziger, wandelte ich, als freiberufliche Radiostimme, immer wieder mal in Wien durch das riesige Radiogebäude des ORF an der Argentinierstraße. Es war dies der österreichische Staats-Rundfunk, eine Anstalt mit mehreren tausend Beschäftigten, das Gebäude enthielt also mindestens einen Sendesaal, Studios, eine gigantische Kantine, Redaktionsstuben, und mehr. Hier produzierte (beim Populärsender Ö3) Wolfgang Kos eine Sendung, das Pop-Museum. Bei der es darum ging, die Geschichte und Entwicklung der einen oder anderen Band oder eines Musikers über längere Zeiträume zurück zu verfolgen. Beim ORF war man allerdings nicht glücklich mit der Idee, auch mal einen Bootleg zu spielen. Wolfgang Kos hielt sich daher streng ausschließlich an das legal veröffentlichte Material, was in den Neunzigern zusehends eine verwaschenere Kategorie bildete. Wenn eine CD "legal" in Italien erschienen war, konnte sie in Österreich immer noch eine Bootleg sein.

Wir (er und ich) machten zweimal, jeweils im Abstand eines Jahres, eine sehr zurückhaltende Show über die Beatles, bei der ich als der Musik-Experte auftrat, der ein paar Raubdrucke von Beatles-Platten mitgebracht hatte. Mein Argument war, dass wir die Tagebücher und Briefe eines Franz Kafka ebenso als sein Werk betrachteten wie seine Romane und Stories. Wir sollten also auch die Vorstudien der Beatles zu ihren Songs hören dürfen. Dass sie noch nicht offiziell erschienen seien, ändere an ihrem Status wenig. Aller Wahrscheinlichkeit nach würden sie in 50 Jahren einmal offiziell erscheinen. Wir griffen also nur der Geschichte vor, indem wir rein interessehalber im Rahmen dieses Programms einmal in den einen oder anderen Song hinein horchten.

Wolfgang Kos vertrat dagegen die Ansicht, der Künstler habe das Recht, sein Werk in der finalen Fassung, in der er es abgeliefert hätte, zu Gehör zu bringen, und alle unautorisierten Versionen zu unterdrücken. Trotzdem spielten wir natürlich ein paar Beatles-Songs, wenn auch, anders als sonst, nicht ohne ein wenig oben drüber zu quatschen, um den "Tonbandfreunden", die ja auf das Pop Museum besonders abonniert waren, in diesem Fall den Spaß ein wenig zu vergällen. Ein Dylan-Programm, wie das, was ich beim neuseeländischen Rundfunk gebastelt hatte, wäre beim ORF undenkbar gewesen.

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