"Radioaktive Strahlung in Fukushima-Reaktor könnte einen Menschen in einer Minute töten"

Aufnahmen der Kamera aus dem Sicherheitsbehälter. Bild: Tepco

Die Folgen des Unglücks sind schlimmer, als bislang angenommen, auch die weitere Erkundung des Sicherheitsbehälters mit Robotern stößt auf Probleme

Schon erstaunlich ist, dass Tepco, der wegen der hohen Kosten des Fukushima-Unglücks bereits faktisch verstaatlicht wurde, erst 6 Jahre nach der Kernschmelze in drei Reaktoren gemessen haben will, wie stark die radioaktive Strahlung in diesen ist. Die Medien sind aufgeschreckt. So titelte die Zeitung Asahi Shimbun gestern: "Radioaktive Strahlung in Fukushima-Reaktor könnte einen Menschen in einer Minute töten."

Gerade war die erste Kamera mit einem Teleskoparm in den Reaktor 2 eingeführt worden und hat erste Bilder aus dem Sicherheitsbehälter gemacht. Dabei stellte sich wenig überraschend heraus, dass die geschmolzenen Kernstäbe sich durch den Druckbehälter gearbeitet haben und das extrem heiße radioaktive Material dann auf die Gitter für Wartungsarbeiten und den Boden des Sicherheitsbehälters gefallen ist. Festgestellt wurde, dass sich nicht auf dem Boden, sondern im Gitter des Sicherheitsbehälters ein Loch von einer Größe von einem Quadratmeter befindet. Es ist von einem weiteren Loch die Rede. Das ganze Ausmaß lässt sich noch nicht absehen, weil die Kamera nicht vom gesamten Inneren des Behälters Bilder machen konnte.

Anstatt aber nun davon auszugehen, dass das geschmolzene Material durchgebrochen und damit teilweise auf den Boden des Behälters ausgetreten ist, versucht man Tepco das Eingeständnis, dass die Folgen noch schlimmer sind, als bislang angenommen, gehofft oder verschleiert wurde, wie üblich zu verzögern. Man müsse erst prüfen, ob tatsächlich Material ausgetreten sei und ob es sich bei überall zu sehenden "schwarzen Klumpen" wirklich um das geschmolzene Material der Kernstäbe handelt. Das Hinausziehen des Eingeständnisses, dass nicht nur das Kühlsystem, sondern auch die Beschaffenheit des Druckbehälters nicht auf einen GAU ausgelegt war, demonstriert nur desto stärker die Fahrlässigkeit der Verantwortlichen. Noch ist unklar, ob der Sicherheitsbehälter standgehalten hat.

Dazu kommt, dass nun erst die radioaktive Strahlung gemessen worden sein soll - und dies auch nur in einem der drei Reaktoren. Nun musste zugegeben werden, dass mit einer radioaktiven Strahlung von maximal 530 Sievert pro Stunde die Situation hoch gefährlich ist, zumal Wasser aus den Kühlbecken in den Sicherheitsbehälter tropft. An drei Stellen wurde die Radioaktivität im Behälter gemessen. Die 530 Sievert pro Stunde waren ein Maximalwert, aber auch die an anderen Stellen gemessenen 20 bzw. 50 Sievert pro Stunde sind auch sehr hoch. Auch hier versucht man abzuwiegeln. Ein Tepco-Mitarbeiter sagte, es gäbe eine Irrtumsmöglichkeit, weil man sie nicht direkt messen konnte. Bei einer Aussetzung an eine Strahlung von 10-20 Sievert pro Stunde tritt der Tod hundertprozentig innerhalb von zwei Wochen ein.

Noch ist über den Zustand in den beiden anderen Reaktorbehältern nichts bekannt. Klar aber dürfte sein, dass sich der Abbau des havarierten Kraftwerks und die Entsorgung des radioaktiven Materials weiter verzögern werden, da bislang über die Strahlung und die Lage des radioaktiven Materials praktisch nichts bekannt war. 2021 wollte man eigentlich damit beginnen. Jetzt plant Tepco nach sechs Jahren erstmals einen Roboter in den Sicherheitsbegehälter einzubringen, um diesen genauer zu erkunden und an weiteren Stellen Messungen vorzunehmen.

Aber hier wartet schon das nächste Problem. Der Sasori (Skorpion) genannte Roboter, der 9 cm hoch und 59 cm lang ist, soll sich auf dem Gitter des Behälters bewegen. Aber aufgrund des großen Lochs ist das nicht möglich. Also muss erst eine andere Möglichkeit für den Roboter entwickelt werden. Zudem würde die extrem hohe Strahlung auch den Roboter nach zwei Stunden funktionsunfähig machen. Er soll 1000 Sievert insgesamt aushalten. Bislang ging man von einer Strahlung von 73 Sievert pro Stunde aus, den bis jetzt höchsten gemessenen Wert, wonach der Roboter mehr als 12 Stunden einsetzbar gewesen wäre. Mit den gemessenen 530 Sievert in der Stunde wären es nicht einmal zwei Stunden. (Florian Rötzer)

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