Raketenabwehr schießt scharf

Pentagon will einen der härtesten Kritiker des National Missile Defense System mundtot machen

Als Dr. Theodore Postol, langjähriger kritischer Analytiker der amerikanischen Rüstungspolitik, letztes Jahr sein Papier über die NMD-Pläne veröffentlichte, zeigte sich das Pentagon alarmiert: Das Dokument enthalte geheime Informationen.

Da sich Postol in seiner Attacke auf das Testprogramm aber nur auf einer vom Pentagon selbst veröffentlichten Mitteilung bezog, musste das Ministerium dann schnell einräumen, dass es selbst "die geheimen Informationen im Report unbeabsichtigterweise vor der Veröffentlichung nicht entfernt" hätte.

Seit die neue Regierung im Amt ist, macht das NMD-System zwar eine steile Karriere, aber die Kritiken darüber wollen nicht verstummen. Auch nach dem neuesten - offiziell als erfolgreich gewerteten - Raketentest ist es kein Geheimnis, dass dieses Abwehrsystem unter realen Bedingungen heutzutage kaum funktionieren kann. Im Wesentlichen hat der letzte Test nicht mehr bewiesen, als dass es prinzipiell möglich ist, eine Rakete mit einer anderen abzuschießen.

Kein echter Angreifer aber würde beispielsweise seine Sprengköpfe mit Infrarotstrahlern als Ziel markieren, oder gar verraten, wann, auf welcher Flugbahn und wie viele Geschosse angreifen - alles das jedoch Teil der Testbedingungen.

Auf diese und zahlreiche andere Schwächen des Abwehrsystems hatte Postol letztes Jahr in seiner Analyse hingewiesen, der jetzt erneut Nachricht vom Pentagon bekam: Das Verteidigungsministerium war zu dem Ergebnis gekommen, Postols Dokument konfiszieren zu lassen und jede weitere Veröffentlichung zu unterbinden. Gegen Postol selbst wird wegen "Verbreitung geheimer Dokumente" ermittelt.

Der Physiker unterstellt dem Pentagon nun, dass es ihn zum Schweigen bringen will, indem es durch diese Maßnahmen auch seinen Arbeitgeber, das Massachusetts Institute of Technology (M.I.T.), unter Druck setzt.

Im Wesentlichen droht [das Pentagon] dem M.I.T. damit, dass es die Verträge für seine Labors verlieren könnte, wenn es sich nicht nach ihren Forderungen richtet.

Dr. Postol

Das M.I.T. betreibt das Lincoln Laboratory der Hanscom Air Force Base in Lexington, Massachusetts, das mit dem Verteidigungsministerium unter Vertrag steht, um auf den Gebieten Raketenabwehr sowie militärischer Überwachung, Wettervorhersage und anderen hochkomplexen Technologien zu forschen. Dieser Vertrag zwischen dem Pentagon und dem Labor bezifferte sich letztes Jahr auf 319 Millionen Dollar.

Noch hat sich das M.I.T. nicht auf Spekulationen darüber eingelassen, ob und wie es mit dem Pentagon in der Sache kooperieren wird. Universitätspräsident Dr. Vest hat jedoch ein schriftliches Statement abgegeben, das die Vorgehensweise bei der Untersuchung in Frage stellt:

Natürlich hält sich das M.I.T. an Gesetze, die die nationale Sicherheit betreffen - aber wir sind auch der Ansicht, dass die legitimen Formen der Klassifizierung von Geheimnissen nicht dazu missbraucht werden sollten, eine vernünftige Debatte zu erschweren. Der Versuch, allgemein öffentlich zugängliche Informationen als 'geheim' einzustufen, bildet einen ganz speziellen Sachverhalt.

Auch das Pentagon äußert sich nicht zu den Einzelheiten der Untersuchung, der Sprecher der Ballistic Missile Defense Organization, Lt. Col. Rick Lehner, stellt aber schon mal klar: Auch wenn eine potenziell schädigende Information jederzeit verfügbar ist, sei das Department verpflichtet, die Verbreitung dieser zu verhindern.

Nur weil etwas bereits publik gemacht worden ist, bedeutet das noch nicht, dass es nicht mehr geheim ist.

Lieutenant Colonel Rick Lehner

Dr. Postol gibt dem Pentagon insoweit Recht, dass er seine veröffentlichten Informationen auch für potenziell schädigend hält - allerdings nur, weil sie zeigen, wie weit das Pentagon noch von einer effektiven Raketenabwehr entfernt ist.

Erneut unbeliebt hatte Postol sich gemacht, als er sich auf die Seite der Ingenieurin Nira Schwartz stellte, die ihren ehemaligen Arbeitgeber TRW, die die Raketen zusammen mit dem Pentagon entwickelt, beschuldigte, Einschätzungen und Tests verfälscht zu haben, um die Technologie erfolgreicher erscheinen zu lassen als sie ist. Das war vom Pentagon umgehend bestritten worden und fünf Wissenschaftler, darunter zwei von M.I.T.s Lincoln Laboratory, wurden engagiert, um die von Schwartz beanstandete TRW-Technologie zu überprüfen. Der sich daraus ergebende Report stellte Schwartz' Behauptungen in Frage und wurde sogar dazu verwendet, das Raketenabwehrprogramm zu verteidigen.

Postol wiederum, der schon Anfang der 90er-Jahre vielbeachtete Kritik am Einsatz der Patriot-Raketen im Golf-Krieg geübt hatte, kam bei der Analyse dieses Reports zu dem Schluss, dass die darin enthaltenen Daten verzerrt worden seien, um es so aussehen zu lassen, als könne die Technologie zuverlässig echte Waffen von Attrappen unterscheiden. Was jedoch, so Postol, weder der Fall sei noch sein könnte: Derartige Technologie existiere bis jetzt nicht.

Auch das bestreiten sowohl Pentagon wie TRW hartnäckig, scheinbar unbeeindruckt von der Tatsache, dass auch alle anderen der zahlreichen Kritiker zu immer wieder den gleichen Schlussfolgerungen kommen: Der Berliner Rüstungsforscher Eric Chauvistré hält die Tests schlicht für "Trickserei"; eine Studie, die der demokratische Vorsitzende des Senatsausschusses für Außenpolitik, Joseph Biden, mit herausgegeben hat, urteilt:

Es ist erheblich einfacher und billiger, simple und wirksame Mittel gegen eine Raketenabwehr zu entwickeln, als es für den Verteidiger ist, diese Maßnahmen zu überwinden.

Die Möglichkeiten, mit denen ein Angreifer verhindern kann, dass der Verteidiger seine Sprengköpfe vom Himmel schießt, die so genannten Countermeasures, sind zahlreich: Ein Teppich von Minibomben etwa, in denen chemische oder biologische Kampfmittel gegen feindliche Ziele getragen werden, überfordern jede Abwehr. Aber auch metallisch beschichtete Ballons, die kaum noch vom Original unterschieden werden können, stellen die Suchsensoren jeder Abfangrakete vor schier unlösbare Probleme.

Alle sinnvollen Raketenabwehrtests könnten noch zehn Jahre ohne Vertragsverletzungen stattfinden.

Joseph Biden

Amerikas Konservative aber sehen Grund zur Eile. Sie wollen eine Aura der Unausweichlichkeit schaffen für ein Programm, das der US-Rüstungsindustrie, einem der wichtigsten Geldgeber für den Bush-Wahlkampf, auf viele Jahre Milliarden in die Kassen spülen wird. Präsident George W. Bush setzt auf die schnelle Stationierung einer Raketenabwehr, die Amerikas Vormachtstellung in der Welt zementieren soll.

Die Entwicklung der NMD-Technologie zu beschleunigen, der viele der US-Militärexperten nur zweite oder dritte Priorität zugestehen würden, macht es wahrscheinlich, teure Fehler in Kauf nehmen zu müssen sowie einen verfrühten Einsatz eines Systems, das nicht funktioniert. ... Die Republikaner, in Angst vor der nächsten Wahl, wollen das ABM-Abkommen loswerden, solange sie noch im Weißen Haus sind. Das ist die einzige Erklärung für Bushs Aktionen. Falls das verrückt klingt - das ist es auch.

Aus "Nationwide Viewpoints on Missile Defense" vom Council for a Livable World, Long Island Newsday

Bush und Putin haben sich zwischenzeitlich darauf geeinigt, dass Russland dem Raketenabwehrschild zustimmt, wenn die Vereinten Staaten im Gegenzug dafür einen höheren Abbau der US-Angriffs-Atomwaffen als bisher zusichern. "Wir können NMD nicht aufhalten, aber wir können versuchen, einen hohen Preis dafür herauszuschlagen", heißt es dazu aus dem Kreml.

Aber Bush, sicher der fleißigste Nine-to-Fiver aller Präsidenten, hat auch sonst noch einiges vor: die Entwicklung eines Weltraumbombers zum Beispiel. Laut Spiegel-Bericht vom Samstag ist ein Flugzeug in Planung, das noch aus 100 Kilometer Höhe Präzisionsbomben abwerfen kann, wie eine Rakete starten und 15-mal schneller sowie 10-mal höher fliegen kann als herkömmliche Bomber.

Das würde dann genau in die Kategorie von Waffen fallen, die Bush angeblich abbauen will. (Katja Rupp)

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