Rakka: Der "schmutzige Deal" mit dem IS

Rakka. Foto: Mahmoud Bali / gemeinfrei

Verhandlungen über den freien Abzug von 4.000 IS-Mitgliedern aus Rakka und weitere mutmaßliche Deals der SDF und den USA mit den Dschihadisten zeigen Interessen, die dem "Kampf gegen den IS" übergeordnet sind

Eine Reportage der BBC über einen "geheimen schmutzigen Deal in Rakka" liefert die nächste Lektion darüber, wie viel Phrase hinter dem "Kampf gegen den IS" steckt.

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Rund 4.000 IS-Mitglieder durften nach Absprache in einem riesigen Konvoi Rakka verlassen, zum Teil bis an die Zähne bewaffnet, mit einer großen Menge Munition und mit Sprengstoffgürteln, so die Auskunft der Fahrer, die von den Reportern Quentin Sommerville und Riam Dalati befragt wurden. Die Fahrer standen Todesängste durch. Die IS-Kämpfer machten laut ihrer Schilderung ganz und gar keinen niedergeschlagenen oder demoralisierten Eindruck. Sie waren überzeigt davon, dass sie wiederkommen und traktierten die Fahrer mit Schlägen.

Dies ist nur ein Aspekt. Die Fahrer sprechen von etwa 4.000 IS-Passagieren, die sie aus Rakka in die vom IS kontrollierten Wüstengebiete im Südosten Syriens gebracht haben. Laut BBC waren darunter geschätzt 250 IS-Kämpfer und 3.500 IS-"Familienmitglieder", die trotz anderslautender Ansagen (US-Verteidigungsminister James Mattis: US-Policy against Isis is now "anhililation") mit freiem Geleit auf freien Fuß gesetzt wurden.

Manche Kämpfer konnten sich auf ihnen bekannte und bewährte Schleusernetzwerke verlassen und versuchten, in die Türkei zu kommen. Wie vielen es gelang, ist unbekannt. Einer, der von den BBC-Reporter interviewt wurde, wurde festgenommen. Geschildert wird Abu Musab Huthaifa als eine namhafte oder berüchtigte Figur in Rakka, kein Nobody also. Angedeutet wird auch, dass sich unter den befreiten IS-Kämpfern auch solche befinden, die ihren Kampf in anderen Ländern fortsetzen wollen.

Ganz im Gegensatz zu den Beteuerungen der Koalition waren offensichtlich auch ausländische Kämpfer in die Vereinbarung mit einbezogen. "Es gab eine große Menge an Ausländern aus Frankreich, der Türkei, Aserbaidschan, Pakistan, dem Jemen, Saudi-Arabien, Tunesien und Ägypten", wird ein Lastwagen- oder Busfahrer von BBC zitiert, ein Schleuser ergänzt, dass er außer Franzosen und Europäern auch Tschetschenen und Usbeken als Kundschaft hatte, die mit dem Konvoi aus Rakka gekommen waren.

Der Konvoi wurde von der Luft aus überwacht. Manchmal, so ein Fahrer, wenn die US-Jets sehr tief flogen, machten sich IS-Kämpfer in die Hosen. Ob auch die Fluchtbewegungen einzelner bekannter IS-Figuren weiter überwacht wurden, ist völlig ungewiss.

Ein gewisser Teil der Freigelassenen ist laut eigenen Angaben nach Idlib weitergezogen. Einiges spricht dafür, dass andere in die Kampfzonen bei Deir ez-Zor oder Abu Kamal gegangen sind. Der US-Aufklärung wird dies keinesfalls entgangen sein und es sieht so aus, als ob diese Bewegungen ganz im Sinne der US-Interessen passierten. Das ist ein weiterer Aspekt mit wichtigen Konsequenzen.

Die BBC-Reportage ist nicht der erste Bericht über Abzugsverhandlungen zwischen den SDF, arabischen Stämmen und dem IS. Auch France 24 berichtete am 17. Oktober darüber. Der US-Manövern gegenüber sehr wache deutsche Kritiker vom Blog Moon of Alabama führte am 14. Oktober vor Augen, dass US-Beteuerungen, wonach die Absprachen am 12. Oktober "nicht zustande kamen" (General Jim Glynn) eine reine Lüge waren.

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"Die Heuchelei stinkt zum Himmel", schrieb damals Moon of Alabama, der die Vereinbarung den Äußerungen von Brett McGurk gegenüberstellte, der Abzug-Deals der Hizbullah mit den Worten kommentierte, dass ISIS-Kämpfer auf dem Schlachtfeld getötet werden müssen und nicht mit Bussen herumkutschiert werden sollen.

Mittlerweile, so die BBC, haben US-Vertreter die Abmachungen mit dem IS zum freien Abzug aus Rakka eingestanden. Es ist bei weitem nicht der erste Deal dieser Art, wie auch Wassim Nasr von France 24 Mitte Oktober ausführte. Ziel der Verhandlungen mit dem IS, die über arabische Stammesführer geführt wurden, die gute, enge oder kooperative Verbindungen zu den Dschihadisten haben, war es Kämpfe zu vermeiden, Blutvergießen.

Das ist aber nur eine Seite der Resultate aus den Absprachen, eine, die man gut der großen Öffentlichkeit verkaufen kann. Den SDF gelang es, ohne auf großen oder überhaupt auf Widerstand seitens der IS-Milizen zu treffen, ein paar Tage nach dem Deal von Rakka die bedeutenden al-Omar-Ölfelder einzunehmen.

Der Widerstand, den der doch eigentlich geschwächte IS der syrischen Armee bei deren Versuch entgegensetzt, al-Bukamal zu erobern, ist beträchtlich und verblüffend.

Die Eroberung der Grenzstadt im Südosten Syriens ist für die syrische Regierung von eminenter Bedeutung, wie dies der Spezialist Fabrice Balanche in einem Interview detaillierter ausführt: militärisch-strategisch, weil damit die Verbindung zwischen den schiitischen Milizen im Irak und Syrien hergestellt wird, die Nachschubversorgung wesentlich erleichtert wird, aber auch weil damit der einst schwungvolle Handel zwischen dem Irak und Syrien wieder in Gang gesetzt werden kann.

Die amerikanischen Interessen, bzw. die der US-Partner Israel und Saudi-Arabien sind dem entgegengesetzt. An einer Verbindung, von der Milizen profitieren, die eng mit Iran verbunden sind, ist ihnen nicht gelegen, auch nicht daran, dass der Wettlauf um die strategisch wichtigen Orte in der ressourcenreichen Provinz Deir ez-Zor zuungunsten der Koalition ausgeht. Um es einfach zu formulieren: Verhandlungen mit dem IS können da einiges beschleunigen und zugleich die andere Seite aufhalten. Die USA sind sehr darauf bedacht, in diesem Gebiet eine eigene Einflusssphäre aufzubauen.

Genau darauf zielt der Vorwurf, den das russische Verteidigungsministerium am Verhalten der USA äußert. Größere IS-Konvois können sich von der US-Luftwaffe völlig unbehelligt in diesem Gebiet bewegen und sich Offensiven der syrischen Armee entgegenstellen. Der Vorwurf geht sogar so weit, dass vom Verteidigungsministerium behauptet wird, dass IS-Milizen unter der Führung der SDF agieren. (Thomas Pany)

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