Randale wie auf Ansage

Erneut endete ein griechischer Generalstreiktag in Athen mit massivem Tränengaseinsatz seitens der Polizei, sowie Straßenschlachten mit randalierenden, vermummten Chaoten

Wie immer kamen bei den Straßenschlachten zumeist friedliche Demonstranten zu Schaden. Für die meisten Beobachter kam die Gewaltexplosion überraschend, denn bis kurz nach 13 Uhr deutete nichts darauf hin. Viel eher erschien die Demonstration sowohl in Athen als auch in weiteren Städten wie Thessaloniki zunächst einmal eher lau zu verlaufen.

Wo sich noch im vergangenen Jahr in Athen knapp eine halbe Million "Empörte" zum Protest versammelt hatten, verloren sich heuer nur geschätzte 100.000 Griechen zur Demonstration ihrer Wut über den erneuten sozialen Kahlschlag. Zu den Protestlern gesellte sich der Parteivorsitzende der linken SYRIZA, Alexis Tsipras.

Bis 13:30 Uhr war es gestern in Athen ruhig geblieben. Bild: W. Aswetsopoulos

Subjektiv betrachtet erschienen diejenigen, die sich in den geöffneten Cafes versammelten, fast zahlreicher zu sein. Der Eindruck trog, weil die meisten Cafes aus Solidarität, ebenso wie die meisten Händler, auch streikten. Zumindest in Patras hatten einige Kaffeehausbesitzer auch über den Streik hinaus das Wohl ihrer Kunden im Sinn. Sie verteilten kostenlos Kaffee an Passanten. Damit wollten sie zusätzlich zum bürgerfreundlichen Aktionismus den Streikbrechern, die ihre Geschäfte trotz Streik geöffnet hielten, das Wasser abgraben.

In Athen hingegen gab es fahrende Grillbuden und einige geöffnete Cafes. Straßenmusikanten vervollständigten das Bild eines sonnigen, zunächst friedlichen Streiktags. Die statt im Demonstrationszug marschierenden, im Cafe sitzenden Kunden zeigten sich ebenso wie die Demonstranten empört über die immer mehr ausufernden Sparmaßnahmen. Auch sie können nicht verstehen, dass das Sparpaket stetig weiter aufgebläht wird. Bislang sind die geplanten Kürzungen bei Löhnen und Gehältern auf 9,5 Milliarden Euro, etwa drei Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes, angewachsen. Aus den im Februar geplanten 11,2 Milliarden Euro sind nun fast 15 Milliarden Euro an neuen Sparmaßnahmen geworden. Ein Ende ist nicht abzusehen.

Es fanden, wie es der Tradition der ewig geteilten Linken entspricht, zwei Streikdemonstrationen statt. Die erste wurde von der kommunistischen Gewerkschaft PAME vollkommen friedlich und straff organisiert durchgeführt. Bei der zweiten sammelten sich neben den übrigen Gewerkschaften Teile des SYRIZA und weitere Oppositionsparteien, aber auch der regierenden Nea Dimokratia. E fiel auf, dass der Gewerkschaftsboss der GSEE, Giannis Panagopoulos, fehlte. Er weilte auf einem internationalen Gewerkschaftskongress in Spanien.

Straßenmusiker am Rande der Demonstration. Bild: W. Aswetsopoulos

Die Demonstrationsverweigerer unter den Griechen begründeten ihre Passivität mit einer Art Resignation. Sie sehen keinen Sinn darin, friedlich zu demonstrieren und trotzdem regelmäßig in Tränengas zu ersticken. Tatsächlich trat dies erneut ein. Wie eine Recherche vor Ort zeigte, begann die Eskalation damit, dass eine kleine Gruppe Vermummter am zentralen Syntagma-Platz die Demonstranten störte. Die Chaoten wurden zunächst von Ordern der GSEE und der Energiegewerkschaft GENOP abgedrängt. Trotzdem hagelte es seitens der Einsatzpolizei Tränengas- und Blendgranaten auf den friedlichen Teil der Demonstranten.

Die für ihre Brutalität bekannten MAT Polizisten lösten die Versammlung - wie üblich ohne jede Vorwarnung - unter massivem Gewalteinsatz auf. In der Folge kam es bis zum späten Nachmittag zu den gewohnten Straßenschlachten zwischen Vermummten und Polizisten. Ebenfalls wie immer, setzte die Polizei auch diesmal lange abgelaufene Granaten ein. Charakteristisch bei der Wirkung der abgelaufenen Tränengasgranaten ist, dass der Wirkstoff nicht als Aerosol in die Atemluft gelangt, sondern sich vielmehr als feines Pulver auf den Asphalt legt. Bei jedem Windstoß wird der Feinstaub aufgewirbelt und macht so selbst nach Beendigung von Randalen das Passieren der betroffenen Straßen ohne Atemmaske zur Unmöglichkeit.

Trotzdem wurden zahlreiche Journalisten und Bürger wegen des Tragens einer solchen Maske, die gegen das Vermummungsverbot verstößt, zumindest vorläufig festgenommen. Bis zum Abend gab es mehr als 110 Festnahmen und unbestätigten Berichten zu Folge mehr als 30 Verhaftungen. Wer ohne Presseausweis mit einer Kamera in der Hand unterwegs war, wurde von der Polizei scharf kontrolliert und gegebenenfalls aufgegriffen.

Von der Polizei wurde knapp ein Dutzend Verletzte gemeldet. Damit werden aber nur diejenigen erfasst, die unmittelbar vom Streik per Rettungsdienst ins Krankenhaus kommen. (Wassilios Aswestopoulos)