Ranking der Universitäten zunehmend unter Kritik

Berliner Studenten wollen das Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) boykottieren. Doch auch international wächst die Kritik an den umstrittenen Hitlisten und der Ökonomisierung des Bildungssystems

Als die ersten Rankings in den 80er Jahren Lob und Tadel über die nationalen und internationalen Hochschullandschaften verteilten, war die Aufregung groß. Da die wenigsten Bildungseinrichtungen ihre Platzierung als Bestätigung jahrzehntelanger Arbeit interpretieren konnten, wurden vielerorts Aktionspläne geschmiedet, um einen weiteren Abstieg zu verhindern und das ramponierte Image schnellstmöglich wieder aufzupolieren. Denn es galt immerhin als wahrscheinlich, dass sich der aktuelle Rang unmittelbar auf die Anzahl der Studienanfänger, die Höhe der Drittmittel oder die Berufsperspektiven der Absolventen auswirken könnte.

Tatsächlich blieben die Erhebungen und Verkündigungen nicht folgenlos. Glaubt man einer Studie der Hochschul Information System GmbH (HIS), spielen die inzwischen inflationär häufig veröffentlichten Zahlen der Institute, Medien und Verbände bei der Studienentscheidung junger Menschen keine ganz unerhebliche Rolle.

Nutzungshäufigkeit und Beurteilung von Hochschulrankings variieren je nach Qualifizierungsabsicht: Mehr als die Hälfte der Studierwilligen (57 %), aber auch gut ein Drittel derjenigen mit Berufsbildungsabsicht (36 %) haben sich einen Überblick über die Rangfolge verschiedener Hochschulen verschafft. 35 % der NutzerInnen mit Studienabsicht und 11 % der NutzerInnen mit Berufsausbildungsplänen half diese Qualitätsbeurteilung bei der Planung ihres nachschulischen Werdeganges in hohem Maße weiter.

HIS

Kritische Stimmen, die der „Magie der Zahlen“ - in diesem Fall einem Uni-Ranking von McKinsey & Company, AOL und dem SPIEGEL - bereits Ende 2004 misstrauten und von einer „theoretisch nicht ausreichend begründeten, methodisch unzureichend operationalisierten, am Ende sogar falsch gerechneten und unsachlich interpretierten Scheinstudie“ sprachen, blieben weitgehend ungehört.

Mittlerweile hat sich an dieser Situation Entscheidendes geändert. Der Widerspruch gegen das methodische Vorgehen und die vermeintlich gewonnene Aussagekraft der diversen Rankings wird stetig lauter und führt zu öffentlichen Kontroversen, in denen sich nun auch die selbsternannten Kontrollinstanzen rechtfertigen und beweisen müssen.

Im Mai dieses Jahres initiierten 12 amerikanische Collegepräsidenten einen offenen Brief, der mittlerweile von vielen Amtskollegen unterzeichnet wurde. Darin protestieren die Hochschulleiter insbesondere gegen die Erhebungen von U.S. News & World Report. Die Präsidenten werfen dem Ranking-Pionier vor, die unterschiedlichen Strukturen und pädagogischen Schwerpunkte der einzelnen Bildungseinrichtungen nicht genügend zu berücksichtigen, kaum Informationen über die tatsächliche Qualität der einzelnen Ausbildungswege zu bieten und den Bildungsbegriff auf eine Prestigefrage zu reduzieren.

Die neu formierte Opposition will künftig nicht mehr am Peer Assessment des Zeitschriften-Rankings teilnehmen – also darauf verzichten, alle anderen Hochschulen ohne genaue Sachkenntnis zu bewerten – und überdies die Verwendung der bisherigen Platzierung zu Marketingzwecken einstellen.

Stattdessen sollten beispielsweise im Rahmen der „National Association of Independent Colleges an Universities“ und des Projekts U-CAN nun endlich „seriöse Standards“ entwickelt werden, meinen die Unterzeichner und sie stehen mit dieser Forderung nicht allein.

In Ermangelung solcher Standards haben zahlreiche Hochschulen, allen voran die Elite-Einrichtungen Harvard und Wharton, schon vor geraumer Zeit beschlossen, den großen Wirtschaftszeitungen wie Business Week, Wall Street Journal oder Financial Times die Materialbasis für weitere Hitlisten zu entziehen. Sie stellen den Medien beispielsweise keine relevanten Daten zum wichtigen Studiengang „Master of Business Administration“ mehr zur Verfügung.

Auch in Europa werden zunehmend seriöse, und das heißt vor allem: nachprüf- und tatsächlich vergleichbare Parameter verlangt. Standardisierte Fragebögen, die geringe Rücklaufquote, der Verdacht zielgerichteter Manipulationen und der offenkundige Versuch, völlig unterschiedliche Rahmenbedingungen auf allerlei seltsamen Wegen miteinander in Beziehung zu setzen, sorgen hier ebenfalls für wachsenden Unmut und praktische Konsequenzen.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz konzentriert sich die Kritik auf das Centrum für Hochschulentwicklung, das 1998 seinen ersten Hochschul-Vergleich veröffentlichte und heute nach eigenen Angaben das „umfassendste und detaillierteste Ranking deutscher Universitäten und Fachhochschulen“ herausgibt.

Es umfasst insgesamt 35 Fächer und spricht damit mehr als drei Viertel aller Studienanfänger an. Neben Fakten zu Studium, Lehre, Ausstattung und Forschung umfasst das Ranking Urteile von über 250.000 Studierenden über die Studienbedingungen an ihrer Hochschule sowie die Reputation der Fachbereiche unter den Professoren der einzelnen Fächer. Seit seinem Bestehen hat es sich sowohl bei der Zielgruppe der Studienanfänger als auch bei Studierenden und in den Hochschulen als fair, informativ und qualifiziert durchgesetzt. Alle Ergebnisse des HochschulRankings sind im Internet frei zugänglich.

CHE

Lange Jahre konnte das CHE damit werben, auch Österreich und die Schweiz für die Teilnahme am umstrittenen Leistungsvergleich gewonnen zu haben. Doch Anfang dieses Jahres verabschiedete sich zunächst die Schweizer Rektorenkonferenz aus der grenzüberschreitenden Ranking-Familie, und dann kündigte auch noch die Austrian Agency for Quality Assurance (AQA) ihre Zusammenarbeit auf. Sie hatte zuletzt auf die Veröffentlichung von Ergebnissen verzichtet, die auf einer Studierendenbefragung mit weniger als 30 Rückantworten basierten. Das CHE wollte hier eine Untergrenze von 15 Rückantworten festlegen. In einem Interview erklärte AQA-Geschäftsführer Alexander Kohler.

Das CHE-Ranking basiert etwa auf sehr geringen Stichprobengrößen und ist deshalb statistisch gesehen nur bedingt aussagekräftig. Die Rahmenbedingungen der österreichischen Universitäten werden im CHE-Ranking nur unzureichend erfasst. Wir haben in Österreich weitgehend freien Hochschulzugang, was zu Massenstudien führt. Damit herrschen im Gegensatz zu deutschen Universitäten, wo der Hochschulzugang in Massenfächern reglementiert ist, völlig unterschiedliche Bedingungen vor.

Alexander Kohler

CHE-Koordinator Gero Federkeil wies die Vorwürfe strikt zurück und legte Wert auf die Feststellung, dass die Aufkündigung der Zusammenarbeit vom CHE ausgegangen sei und einzelne Hochschulen aus Österreich und der Schweiz auch weiterhin am Ranking beteiligt sind. Die einstige Partneragentur AQA setzt nun auf die Entwicklung eines Benchmarking-Verfahrens, das Forschungs- und Lehrleistungen anhand differenzierter Messgrößen miteinander vergleichen soll.

Berücksichtigt werden Ressourcen und Organisationsstrukturen, welche die Hochschulen steuern können. Die Universitäten und Fachhochschulen erhalten damit aussagekräftige Informationen, die sie für ihre interne Qualitätsentwicklung nutzen können. Zudem können sie aus gegenseitigem Erfahrungsaustausch lernen. Außerdem haben die Universitäten die Möglichkeit, ihre internen Qualitätsmanagementsysteme durch die AQA anhand eines internationalen Labels zertifizieren zu lassen.

Alexander Kohler

Die kleine Alice-Salomon Fachhochschule für Sozialwesen in Berlin-Hellersdorf dürfte die Diskussion nun auch nach Deutschland tragen, wo das CHE zwar keineswegs unumstritten agiert, durch die Unterstützung einflussreicher Medienpartner und die Sorge der teilnehmenden Hochschulen um ihre aktuellen Platzierungen aber noch weitgehend unbehelligt vor sich hinranken kann.

Der AStA der Fachhochschule hat zu Beginn des neuen Wintersemesters dazu aufgerufen, das kommende CHE-Ranking zu boykottieren. Da sich die selbsternannte „Denkfabrik“ immer wieder für Eingangsprüfungen, Studiengebühren, die Installation von Hochschulräten, Beiräten und Kuratorien mit Vertretern aus der Wirtschaft, Studienkredite und hierarchische Universitätsstrukturen einsetze, gehe es offenbar um „knallharten Wettbewerb“ und die „Optimierung der Hochschulen, um besser Humankapital für die Wirtschaft züchten zu können“.

Der AStA sieht den Auftrag des CHE vor allem in der „Entdemokratisierung“ der Hochschulen und der „Einführung marktwirtschaftlicher Prinzipien“ und hat neben der Landes Asten Konferenz Berlin auch die Asten der Freien Universität und der Humboldt Universität zur Unterstützung gewinnen können.

Der eigenen Hochschulleitung kam der Aufruf allerdings gar nicht gelegen, denn gute Platzierungen beim CHE-Ranking gehören traditionell in den gern und weit verbreiteten Pressespiegel.

Beim jüngsten Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) stand das Studium „Soziale Arbeit“ der ASFH an vorderer Stelle. Er punktete vor allem mit der hervorragenden Reputation der Lehrkräfte und der erstklassigen Ausstattung der Bibliothek.

Pressespiegel der Alice-Salomon Fachhochschule im Herbst 2005

Das Direktorat forderte die Protestierenden deshalb zu einer öffentlichen Diskussion auf, in deren Verlauf am 18. Oktober jedoch kein Konsens erzielt werden konnte.

Anders als den mehrheitlich hochschulbediensteten Ranking-Kritikern aus den USA, der Schweiz und Österreich geht es den Boykotteuren aus Berlin darum, die Listung der Universitäten und Fachhochschulen „prinzipiell zu kritisieren und in Frage zu stellen“. Das CHE, das die Bertelsmann Stiftung und die Stiftung zur Förderung der Hochschulrektorenkonferenz zu Gesellschaftern hat und sich ausdrücklich zur „Idee der ´entfesselten Hochschule´“ bekennt, ist deshalb so etwas wie der natürliche Gegner der protestierenden Studenten. Dabei geht es weniger um methodische als um grundsätzliche Fragen, welche die langfristige Entwicklung des Bildungssystems betreffen. Denn die Rankings sind nur ein besonders signifikantes Beispiel für die vielerorts bereits in Angriff genommene Ökonomisierung des gesamten Bildungssystems (Wirtschaftsvertreter dominieren in Hochschulräten).

Der AStA der FU Berlin hat die Ausrufung seines Bildungsinstituts zur „Eliteuniversität“ Ende letzter Woche folgerichtig mit Bestürzung aufgenommen und fürchtet, dass sich der Trend zu immer weniger Transparenz und Mitbestimmung jetzt noch einmal verschärfen wird.

Studentische Belange erfahren in diesem System ausschließlich Nachteile. Favorisierte ProfessorInnen werden nicht berufen (s. dazu den Streit um die Berufung des Nordamerika-Spezialisten Albert Scharenberg: Der Professorenschlag, Anm. d. Red.), Institute werden zusammengelegt oder geschlossen, studentische Initiativen müssen ihre Räume abgeben, Bibliotheken, wie etwa die philosophische und noch über 100 andere werden geschlossen bzw. zentralistisch zusammengelegt. Insgesamt über 50% der BA-Studierenden haben ihr Studium bislang abgebrochen, vor allem wegen der fehlenden Möglichkeit zum Fachwechsel. Auf der anderen Seite wird Geld für Prunkbauten wie der philologischen Bibliothek herausgeschleudert, ein Public-Private-Partnership mit dem Klett-Verlag im ehemaligen Ethnologen-Bau eingerichtet sowie ein Luxushotel hochgezogen. Diese Zustände wurden nun durch das Prädikat “Eliteuniversität“ ausgezeichnet.

AStA FU Berlin, 19. Oktober 2007

Für FU-Präsident Dieter Lenzen, der übrigens mit CHE-Leiter Detlev Müller-Böling in dem von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft ins Leben gerufenen Aktionsrat Bildung aktiv ist, stellt sich die Lage naturgemäß völlig anders dar.

Mit der heutigen Entscheidung beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte der Freien Universität. Gleichzeitig setzt die Freie Universität Berlin mit diesem Konzept die seit ihrer Gründung erfolgreiche Strategie der internationalen Netzwerkbildung fort und kann so den richtigen Weg beschreiten, um die Herausforderungen der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts zu meistern. Wir werden hiermit einen wertvollen Beitrag für die Entwicklung des Wissenschaftsstandortes Berlin leisten können.

Dieter Lenzen, 19. Oktober 2007

Zwischen den Auseinandersetzungen um Eliteuniversitäten und Exzellenznetzwerke, Studiengebühren, Vergleichs- und Leistungsstudien zeichnet sich hier womöglich der eigentliche Streit der kommenden Monate und Jahre ab. Setzt das deutsche Bildungssystem auf sozialen Ausgleich und Bildungsgerechtigkeit, oder übernimmt es Denkmodelle und Verhaltensmuster aus dem Zuständigkeitsbereich von Kapital und Wirtschaft?

In jedem Fall steht zu vermuten, dass die Berliner Studenten mit ihrer Grundsatzforderung in den Bereichen Politik und Wirtschaft wenig Fürsprecher finden werden.

Wir wollen frei von Wettbewerb und Konkurrenz studieren, egal an welcher Universität oder Fachhochschule.

AStA der Alice-Salomon Fachhochschule

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