Rankism

Würde und der kleine Terror von nebenan

Der US-Soziologe Robert W. Fuller analysiert den gesellschaftlichen Machtmissbrauch und die Rangordnungskämpfen zwischen "Somebodies" und "Nobodies". Ein Phänomen, das sich in Krisenzeiten besonders stark manifestiert und auch auf Deutschland übertragen lässt.

Neben Rechthaberei und der unaufgeforderten Spontanbelehrung haben sich in in Deutschland neue Volkstugenden etabliert, die den Quizshow-Abfallprodukten mittlerweile die oberen Ränge in der Tabelle deutscher Verhaltensauffälligkeiten ablaufen. Mit den Waffen "Statusprotzerei" und "Unterschichten-Mobbing" kämpft der bürgerliche Mittelstand sein Rückzugsgefecht aus der gesellschaftlichen Bedeutung.

Dass es für dieses Verhalten bereits das passende Etikett gibt, ist ausnahmsweise keine Verdienst einer denglizierenden deutschen Werbeagentur, sondern dem US-Soziologen Robert W. Fuller zu verdanken. In seinem Buch Somebodies and Nobodies – Overcoming the Abuse Of Rank hat er genauer unter die Lupe genommen, wie sich Hinz und Kunz gegenseitig fertigmachen und dem Phänomen den Titel "Rankism" verliehen. Seine Analyse der neuen "gesellschaftlichen Umgangsformen" fällt nicht unbedingt optimal aus. Selbst die New York Times hat alarmiert seine Explikationen aufgriffen. Denn am Ende der zwischenmenschlichen Machtspiele steht nicht selten blanker Terror. Vor allem der Terror der Individuen untereinander, aber auch der Machtmissbrauch zwischen sozialen Gruppen, bis hin zum Krieg innerhalb Gesellschaften und zwischen Nationen.

Mit "Rankism" etabliert der ehemalige US-Präsidentenberater und Rektor des Oberlin College (Ohio) einen Begriff, der weit über eine Trendbeobachtung hinaus zeigt und den er selbst als Mother of "Isms" bezeichnet. Rassismus (racism), Sexismus (sexism), Altersrassismus (ageism) – diese hat die Gesellschaft lang erkannt und zumindest in Frage und ins moralische Abseits gestellt. Nach Fuller sind die Phänomene aber nichts weiter als Ausprägungen des zentralen und ihnen zu Grunde liegenden Elements Rankism:

Alle bislang bekannten "Isms" sind nur die Köpfe einer Hydra; Rankism aber ist deren Herz und Körper.

Soziale Degradierung

Rankism, das ist, auf den Punkt gebracht, der Machtmissbrauch, den wir mit unserem Status betreiben. Der eine mehr, der andere weniger – kein Mensch ist gänzlich davor gefeit und jeder wird, ist oder war bereits Opfer. Grund genug für Fuller auch mit seiner Website die gesellschaftliche Brennweite auf das Phänomen einzuschärfen.

Diese Ausprägung der sozialen Degradierung trifft die Gesellschaft auf breiterer Ebene, als alle anderen Diskriminierungen bisher. Schnell haben wir uns im Alltag die Indikatoren (berufliche Position, Einkommen, Ausbildung, Wohnort, Familienstand etc.) beschafft, mit denen wir unser Gegenüber als potenzielle Bedrohung oder als subaltern einordnen. Davon hängt ab, ob wir ihn in Zukunft befrieden und umgarnen oder ihn fortan ignorieren, ausnutzen und gelegentlich sogar demütigen? Denn Opfer von Rankism zu werden bedeutet nicht weniger, als einen brutalen Angriff auf die eigene Würde zu erleiden.

Konkrete Ausprägungen erfährt der Missbrauch von Machtpositionen tagtäglich in allen gesellschaftlichen Beziehungen. Rankism spielt sich in Freundschaften, im Arbeitsverhältnis, in der Beziehung zwischen Arzt und Patient, Klerikern und Gläubigen, Politikern und Wählern, Lehrern und Schülern und in der Kommunikation zwischen Kunden und Verkäufern ab. Zwischen Individuen genauso wie unter Gruppen – bis hin zum immer populärerem Mobbing. Und das trifft dann auch Wirtschaft und Politik. Kollegen und Mitarbeiter, die sich bis zum Magengeschwür und Infarkt demütigen und terrorisieren, zehren erheblich an der Effizienz jedes Unternehmens, jeder Partei oder Organisation.

Wer sich das Thema Rankism spätestens jetzt weit weg und über den Atlantik wünscht und auf die Werte des alten Europas vertraut, darf sich die Augen reiben. Befragt, inwieweit Rankism als US-amerikanisches Phänomen auf Deutschland übertragbar ist, äußert der Gesellschaftskritiker und Essayist Dieter Thomä (Das erstarrte Land – über das neue Biedermeier) Enthüllendes. Thomä, der selbst einige Jahre an US-Universitäten lehrte, beobachtete in den USA "raffiniertere Formen Status auszudrücken" als in Deutschland. Was den decouragierenden Umkehrschluss zulässt, dass hier zu Lande noch platter und auffälliger geprotzt wird als im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Trotz allem transatlantischen Dissens beider Konsumgesellschaften ist sich der Mittelstand hüben wie drüben in einem Punkt einig: der demonstrative Konsum wird mehr denn je in regelrechten Statussymbol-Schlachten zelebriert. Von dieser Selbstbestätigung des Mittelstands lebt und profitiert am Ende die gesamte Konjunktur. Ein fruchtbarer Boden für Rankism, denn ein Großteil der erfahrenen oder ausgeübten Erniedrigungen werden über Statussymbole transportiert.

Falsche Eliten

Auch die in Deutschland zu beobachtende, recht exzessive Darstellung des eigenen Status – die Manifestation des eigenen Ranges durch ökonomische Abgrenzung – ist nichts Weiteres, als die bräsige Ausprägung des Machtmissbrauchs. Dient das Verhalten doch nicht nur zur Absicherung vor den eigenen Ängsten, sondern auch ganz gezielt zur Demütigung Dritter. Das Talent, seinen Individualismus ohne Feindseligkeiten auszuleben ist, laut Thomä, in der deutschen Gesellschaft nur schwach ausgeprägt. Stattdessen beobachtet der St. Gallener Philosophieprofessor "... die Unfähigkeit der deutschen Gesellschaft, eine kraftvolle Kombination aus Individualismus und Gesellschaft zuzulassen".

Thomä führt das auf die falschen Eliten zurück, die sich unter den Nationalsozialisten und bereits zuvor unter Bismarck konstituierten. Das demokratische Nachkriegsdeutschland hat sich bis heute auf die Fahne geschrieben, diese "falschen Eliten" zu verhindern, aber schießt mittlerweile in seinem Bemühen emsig über das Ziel hinaus. Überholmanöver auf der Statusautobahn werden dementsprechend massiv degoutiert. Doch auch die paradoxe Gegenreaktion auf die empfundene Zurücksetzung, das Wettrüsten mit Statussymbolen, fällt umso heftiger aus und führt nicht selten direkt in die Raten-Schulden-Falle und in die private Insolvenz.

Phasen regressiver Konjunktur scheinen einen latenten Sadismus der Besseresser eher noch anzustacheln. Die Luxusgüterindustrie feiert forsch ihre Rekordumsätze und die Frage drängt sich auf, ob es tatsächlich nur die nackte Existenzangst der Konsumenten ist, sich vom vermeintlichen Elend "freizukaufen" zu wollen, sobald die gesellschaftlichen Gräben so deutlich sichtbar werden. Wie weit geht die Ignoranz, wie breit sind die sozialen Scheuklappen der Gewinner auf der "richtigen" Seite der Schere wirklich?

Kunsthandel, Yachtmessen und Golfclubs in Deutschland prosperieren unverhältnismäßig zur gesamtdemographischen Entwicklung des Bruttosozialprodukts, High-End-Konsumer-Magazine schießen wie Pilze aus dem angeblich bankrotten Verlagsboden, Luxusmarken erleben eine Renaissance ihrer Yuppie-Jahre und materieller Exhibtionismus gereicht ehemaligen Langweilern inzwischen zur Medienstar-Tauglichkeit. Ausgerechnet eine Stadt wie Hamburg, sowenig von Sonnenschein bedacht wie von sozialen Diskrepanzen verschont, glänzt mit der höchsten Cabriolet-Dichte Deutschlands, während das "Unterschichten-TV" (Harald Schmidt) seinen journalistischen Reportage-Anspruch auf Neid-Reportagen über Neureiche oder Sozialfallvoyeurismus beschränkt. Mit Blick auf die in der Statusfalle zappelnde und sich reckende Mittelklasse goutierte der S.Z.-Feuilletonist Willi Winkler diesem Phänomen mit der Frage: "Sind wir nicht alle ein bisschen Manufactum?"

Latente Statuspanik

Dem global und exponential explodierendem Wirtschaftssystem kommt die verunsicherte deutsche Herzeigegesellschaft gerade recht. Während Politiker aller Couleur, angesichts leerer Haushaltskassen und Privatinsolvenzrekorde, ihre Wähler als Konsumverweigerer diffamieren, katalysiert das System Status besonders in Krisenzeiten stoisch den beschleunigten Kapitalismus. Mit ewiggestrigen Pharisäerphrasen wie: "Mehr arbeiten", "Ohne Fleiß kein Preis", "neues Wirtschaftswunder", "Wer einen Job will, bekommt auch einen" – mit denen sich besonders die Familie Clement hervortut – lässt sich mittlerweile unter dem Gejohle des masochistischen Publikums jedes TV-Talkshow-Duell gewinnen.

Zu Unrecht, denn spätestens seit den deutschen Nachkriegsjahren hat sich die Funktion des Individuums im kapitalistischen System vom produzierenden zum automatisierten, konsumierenden Prügelknabe verlagert. Alain de Botton (Status Anxiety, Penguin Group, 2004) schreibt aus, was die Meisten wissen und selbst den konservativen Parteien im Land langsam unheimlich wird: Unsere heutige Wirtschaftsordnung ist vollkommen auf die Schaffung von Bedürfnissen angewiesen. Die dazu notwendigen Instrumente, Marketing und Werbung, werden kontinuierlich und sehr erfolgreich optimiert. Die stetig wachsende Kluft, die sich zwischen dem auftut, was wir vermeintlich wollen und brauchen, und dem, was wir uns leisten können, erhält die Märkte weitaus erfolgreicher, als es für manche den Anschein hat.

Doch die wachsende Diskrepanz bei unserer Bedürfnisbefriedigung greift unsere fragile Sinnesempfindung auch gravierend an. Unsere Fragen darüber, wer wir sind und was tatsächlich von Bedeutung im Leben ist, laufen nicht selten ins Leere und verursachen immense psychische und emotionelle Schäden. Und die Reaktion darauf – verstärkter Konsum, statt dessen Hinterfragung – katalysiert zwar prächtig unsere ökonomisches System, ver- und zerstört den Menschen darin aber umso gründlicher.

Exklusion und die "Parade der Unsichtbaren”

Der Soziologentag, letzten Oktober in München abgehalten, konstatierte dann auch "latente Statuspanik" in der deutschen Gesellschaft. Den Kongress beschäftigten die Angst und das Leid, die die zunehmende Ungleichheit in unsere Gesellschaft bringt. Sobald der persönliche Wohlstand in Gefahr ist und sich die Maschen des sozialen Netzes weiten, treten Urinstinkte der Abgrenzung verstärkt zutage. Erstmals, so die Elite der Soziologen, würde in Deutschland der Begriff der Exklusion, ähnlich wie in den USA oder in Frankreich, eine Entsprechung finden. Der Kreis um das Thema Rankims schließt sich, denn auch Fuller spricht im Rankism-Kontext von einer "Parade der Unsichtbaren", die nicht mehr die Kriterien der gesellschaftlichen Relevanz erfüllen. Der Soziologentag macht Schwarze Löcher aus, in denen durch Hartz IV Legionen von Mitbürgern einfach verschwinden.

Etwas Trost kommt dann doch vom US-Essayisten:

Im Leben ist jeder von uns mal ein Somebody und dann wieder ein Nobody, manchmal beides sogar gleichzeitig ...

Zum Beispiel in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilbereichen Beruf, Familie, Freundeskreis oder Freizeit. Der eingenommene Status kann sich jederzeit und ohne Vorwarnung verändern - und auch wird sich jeder immer wieder in der Rolle des Opfers finden; sei es durch Pensionierung, Konflikte in der Familie oder Intrigen im Club oder Verein. Mit dem Begriff "Rankism" hat Robert W. Fuller der Summe der zwischenmenschlichen Gemetzel und Niedlichkeiten einen Überbegriff verschrieben. Ihn flächendeckend im Bewusstsein der Gesellschaft zu verankern, ist der erste Schritt zu seiner Überwindung. Der nächste Schritt erfordert allerdings eine Menge mehr. (Patrik Bock)