Raubkopierer und Lausbuben

Garth Jennings "Son of Rambow" findet die prägendsten Kinoerlebnisse nicht im Arthouse, sondern bei Sylvester Stallone

Der Name einer Produktionsfirma hat in einer Filmkritik eigentlich nichts zu suchen. Geht es aber um einen Film wie diesen hier, und heißt die Firma auch noch "Celluloid Dreams", dann passt das einfach zu gut, um unerwähnt bleiben zu können. "Son of Rambow" ist nämlich genau das - ein Zelluloid-Traum, ein Film nicht so sehr über Filme, sondern vielmehr über die Zuneigung zu diesem Medium.

Es ist nur logisch, dass "Son of Rambow" in einem Kino beginnt, in einer Vorstellung von "First Blood", dem ersten Rambo-Film, und dass er wieder im Kino endet - dieses Mal in einer Vorstellung von "Yentl", was das religiöse Emanzipationsdrama des Films großartig zusammenfasst und kommentiert - ist ebenso folgerichtig. Es geht in diesem Film um den zehnjährigen Will Proudfoot, Sohn einer Familie, die der fundamentalistisch-religiösen "Plymouth-Bruderschaft" angehört. "Son of Rambow" handelt auch von der langsamen Emanzipation von dieser Gemeinschaft: Der Druck, den die Sekte auf die Proudfoots ausübt, wächst, und kollidiert immer mehr Wills Wunsch nach freier Entfaltung und vor allem: einer Kindheit.

Gleich zu Beginn sehen wir einen Jungen mit einer Filmkamera im Kino sitzen und "First Blood" abfilmen - ein früher "Raubkopierer", romantisiert zum harmlosen Lausbub. Lee Carter heißt er, und er wird sich später mit Will anfreunden, und letztlich dessen Kindheit erst initiieren. Gemeinsam drehen sie einen Film, und Will - der natürlich nie fernsehen durfte - weiß lange Zeit eigentlich gar nicht, wie ihm geschieht. Bis er "Rambo" sieht, von der im Kino mitgeschnittenen Kopie.

Kino, das ist in Jennings Film immer auch ein Symbol des Fortschritts, bzw. des Nicht-Stillstandes: Die Sekte, der Wills Mutter angehört, hat es sich zur eisernen Regel gemacht, dass während der Gebetsstunden alle Armbanduhren eingesammelt werden. Ihr religiöses Ritual ist dem Fortschritt entrückt, eingefroren in einem anachronistischen Stillstand. "Rambo" auf der anderen Seite, als Kino- aber gerade auch als Actionfilm, verkörpert das Gegenteil, und der atemlos über die Felder rennende Will der schönstmögliche Kontrast zur betonten Ruhe und Besonnenheit der Religionsgemeinschaft. Jennings Film stellt die autoritäre Umgebung seines Protagonisten nie einer weltoffeneren Alternative gegenüber, sondern kleidet diese Metapher in eine Allegorie, die er im Actionkino findet.

"Son of Rambow" ist strukturiert wie die Entwicklungsgeschichte eines Films, aber auch wie eine kleine Evolution des Kinos. Scott McCloud spricht in seinem Buch "Understanding Comics" von Comics als "sequential art", und zu Beginn sehen wir Will, der dieses Konzept bereits intuitiv auf ein ihm unbekanntes Medium - Film - anwendet. Er zeichnet, ständig - auf seinem Block, auf die Wände der Schultoilette, sogar in den Seiten seiner Bibel, und immer erzählen die Bilder eine Geschichte, sind sequentiell zu lesen, Comics vielleicht. Grobe Skizzen im Wechsel mit detaillierten Zeichnungen, manchmal mit Sprechblasen, öfter aber mit Kommentaren versehen. Eher also: Storyboards. Wills religiös unterdrückte Fantasie manifestiert sich in diesen geheim gehaltenen Bildern, und es bedarf der Initialzündung durch "Rambo", um sie hervorbrechen zu lassen. Mit einem Stock in der Hand und seiner Krawatte als Stirnband um den Kopf geschlungen rennt Will jetzt über ein Feld, schießt auf imaginierte Angreifer, weicht unsichtbaren Geschossen aus.

Das Drehbuch in Wills Kopf wurde zu Bildern, die dann in Bewegung gerieten. Lee wird zum Regisseur und Colonel Trautman, und Will selbst zum "Son of Rambo" (vorerst ohne 'w'), der seinen Vater aus den Klauen der bösen Vogelscheuche befreien muss. Eskapismus in eine Traumwelt, und dabei greift "Son of Rambow" einen Diskurs auf, der in der erzählten Zeit der 80er eine ebensogroße Rolle gespielt hat wie heute. Die Jungs imaginieren sich keine heile Fantasiewelt wie "Narnia" oder "Pans Labyrinth". Sie spielen Krieg, aber spielen ihn nur. Garth Jennings formuliert hier keineswegs nur eine Liebeserklärung an das Kino allgemein, sondern ganz gezielt an Jungskino. Auch Kriegsspiele bekommen hier ihre Unschuld zurück, der Vorwurf der Gewaltverherrlichung erscheint absurd. Lee und Will spielen Krieg, aber nicht, weil sie ihn für harmlos halten, sondern weil der Krieg des Rambo ein Kinokrieg ist, in dem Helden Abenteuer erleben - fernab von Realität und persönlicher Betroffenheit. "Son of Rambow" postuliert die Unschuld des Actionkinos, das in den 80ern so viel Prügel wegen seiner Gewaltdarstellungen einstecken musste.

Es ist schon bemerkenswert, ausgerechnet einen Vertreter dieses geschassten Kinos zur Initialzündung positiv gezeichneter kindlicher Fantasie zu erklären. Kino, da sind wir wieder bei den "Celluloid Dreams" des Vorspannes, ist nach Ansicht von Garth Jennings immer so etwas gewesen - "Son of Rambow" ist ebenso Liebeserklärung an das Medium wie auch Abkehr von jeglicher Kategorisierung und Unterscheidung in Qualitätskino und Unterhaltungsschund. Die Entwicklungsgeschichte des Kinos geht weiter, wenn der kleine Filmdreh, den die beiden Freunde vorhaben, sich langsam von der idealistischen - und kindlichen - Träumerei ebenso emanzipiert wie Will von der dominant-religiösen Gemeinde seiner Mutter. Es gibt da diesen französischen Austauschschüler, dessen erstes Auftreten schon für kreischende Mädchen und ehrfürchtig-respektvolles Staunen unter den Jungs sorgte: Der geborene Star. Und kaum hört er von dem Filmprojekt der beiden Außenseiter, will er genau das werden, der Star des Films. Die Folge: "Son of Rambo" wird kommerzialisiert, die halbe Schule nimmt daran teil, aus dem Renegade-Film wird eine große Produktion - nur dass eben alle Funktionen von Kindern und Jugendlichen übernommen werden. Natürlich muss die keimende Freundschaft von Will und Lee darunter leiden, der Verrat an der eigenen Idee wird ihnen beinahe zum Verhängnis. Der Konflikt, den "Son of Rambow" verhandelt, ist so alt wie das Kino selbst.

Hier lässt sich auch kritisierend ansetzen: Jennings Film wimmelt vor guten Einfällen - und schafft es dennoch nie, sich in der Inszenierung ganz von genau jenem Qualitätskino abzuheben, dessen Existenz als eigene Gattung sein Film so vehement bestreitet. "Son of Rambow" ist letztlich - Thema hin oder her - ein Film für genau jene Kritiker des Actionkinos, für jenes Publikum, das in Filmen mit muskulösen Helden und großen Kanonen nicht mehr finden kann als bestenfalls infantiles Krawallkino - und schlechtestenfalls bedenkliche Gewaltverherrlichung. "Son of Rambow" ist ein glatter und gefälliger "crowd pleaser", kitschig und romantisch in seiner Ästhetik und seinem Plot. Ihm geht die Ungeschliffenheit der zitierten (und offensichtlich geliebten) Vorbilder ab, und angewendet auf seinen Plot, scheint Jennings Film nicht den letzten Schritt von der kommerzialisierten Großproduktion zurück zum Kern der Idee zu machen, den er seine Protagonisten vollführen lässt.

Will dreht den Film schließlich allein zu Ende, nach dem (vorläufigen) Bruch mit seinem Freund Lee. Bei der "Premiere", einer Vorführung als Vorfilm vor besagtem "Yentl", ist Lee dann anwesend, und sieht das gemeinsame Werk - inzwischen entschlackt von all dem Bombast, den der kurzfristige Ausflug in die Großproduktion und das Stardom des französischen Austauschschülers mitbrachte. Was bleibt ist die pure Idee und die kindliche Freude am Zeigen und Ausprobieren. Die Angleichung des (realen) Kinofilms und des Kinder-Amateur-Films(-im-Film) manifestiert sich: Im Abspann des Films-im-Film (aufgeschrieben auf einer allmählich abgerollten Klopapierrolle) steht jetzt der neue Titel von Wills Film, der "Son of Rambo(w)" hat durch einen Schreibfehler sein 'w' bekommen. Die Parallelität mit dem rahmenden Kinofilm von Jennings ist aber nur behauptet: Dieser hat nämlich die Emanzipation von der billigen Gefälligkeit zurück zur idealistischen Prämisse nie vollzogen. (Matthias Huber)

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