Raubtiergötter und Friedensfürsten

Der Theologe Georg Baudler über "Gewalt in den Weltreligionen"

Dass Religion und Gewalt eine innige Verwandtschaft pflegen, wissen wir nicht erst seit dem 11. September 2001. Eine Spur der Verwüstung zieht sich durch die Geschichte des Christentums und des Islam, aber auch Judentum, Buddhismus und Hinduismus sind in ihren historischen Erscheinungsformen immer wieder mit gewalttätigen Auseinandersetzungen verbunden.

Möglicherweise lässt sich diese unselige Tradition sogar bis zu den Raubtiergöttern zurückverfolgen, die neben den Muttergottheiten zu den frühesten transzendenten Symbolfiguren der Hominiden gehört haben dürften. Die Nachahmung, Einverleibung und Übertrumpfung des zunächst als überlegen und göttlich empfundenen Raubtieres mag als Initialzündung der eigenen Machterfahrung gedient haben, die den Menschen alsbald lehrte, dass seine Möglichkeiten, Gewalt und Tod zu verbreiten, weit über jedes animalische Maß hinausgingen. Durch Versklavungen und Menschenopfer, Blutrache und Krieg blieb Gewalt dann über Zehntausende von Jahren Bestandteil des religiösen Erlebens.

Nach Ansicht des mittlerweile emeritierten Theologen Georg Baudler wirkt diese Grunderfahrung bis heute nach, obwohl geschichtliche Befreiungsimpulse - während der von Karl Jaspers sogenannten "Achsenzeit" im 1. Jahrtausend vor Christus, aber natürlich auch später - immer wieder versuchten, eine gewaltfreie Gottessymbolik zu entwickeln. In seiner vergleichenden und eben deshalb besonders interessanten Studie "Gewalt in den Weltreligionen" beschreibt Baudler, wie der indische Fürstensohn Parsva mit seinem nirgrantha-Orden bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. versuchte, sich durch radikale Gewaltlosigkeit sowie die Abkehr von sexuellen Begierden und materiellem Besitz aus den Banden des karma zu lösen. In China vollzog Laotse eine deutliche Abkehr vom gängigen Heldenmythos des Kriegers und Soldaten:

Wer im rechten Tao einem Menschenherrscher hilft,
vergewaltigt nicht durch Waffen die Welt,
denn die Handlungen kommen auf das eigene Haupt zurück.
Wo die Heere geweilt haben, wachsen Disteln und Dornen.
Hinter den Kämpfen her kommen immer Hungerjahre.

Laotse

Derselbe Laotse entwirft - viele Jahrhunderte vor der Bergpredigt - bereits eine Idee der Feindesliebe:

Zu den Guten bin ich gut,
Zu den Nichtguten bin ich auch gut;
Denn das Leben ist die Güte.

Laotse

Die Reihe der Beispiele ließe sich durch Buddha und Konfuzius, griechische Philosophen und Dichter, jüdische Propheten und schließlich natürlich durch Jesus und Mohammed ergänzen. Nach Baudlers diskussionswürdiger, in der Logik des eigenen Textes allerdings durchaus schlüssiger Ansicht deuten sie alle darauf hin, dass in der religiösen Fähigkeit des Menschen nicht nur ein Ursprung seiner Gewalttätigkeit, sondern auch die Chance zu ihrer Überwindung liegt.

Trotzdem sieht die geschichtliche und auch die aktuelle Realität zumeist anders aus. Das weiß auch der Autor, der bezweifelt, das Ghandis Bemühen, die politischen Gegner permanent unter moralischen Druck zu setzen, tatsächlich als gewaltfrei bezeichnet werden kann, wenn im Verlauf von Generalstreiks und Demonstrationen Menschen getötet wurden und durch die Befreiung Indiens aus der englischen Kolonialherrschaft, insbesondere durch die anschließenden Machtkämpfe und Flüchtlingsströme, über eine Millionen Menschen ihr Leben verloren.

Jüngere Ereignisse wie die Vorfälle im westindischen Gujarat im Februar 2002 bestätigen diese Einschätzung. Damals starben über 2.000 Menschen bei blutigen Ausschreitungen zwischen Hindus und Moslems, die auf den ersten Blick als grausame Regression in archaische Gewaltstrukturen zu erkennen waren. Bilqis Yakoop Rasool verlor am 27. Februar 14 Familienmitglieder. Ihre Erinnerungen, die von Amnesty International dokumentiert wurden, zeigen deutlich, dass Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten religiösen Gruppen auch im 21. Jahrhundert noch in einen besinnungslosen Blutrausch münden können:

Sie rissen unseren Mädchen die Kleider vom Leib und vergewaltigten sie vor den Augen der Angehörigen. Sie töteten Shamins zwei Tage altes Baby. Sie töteten meinen Onkel mütterlicherseits, die Schwester meines Vaters und ihren Mann. Nachdem sie die Frauen vergewaltigt hatten, töteten sie sie alle ... Sie haben auch mein Baby getötet. Sie haben es in die Luft geworfen, und es schlug auf einem Stein auf. Nachdem sie mich vergewaltigt hatten, hielt einer der Männer seinen Fuß in meinen Nacken und trat mich.

Auch im vermeintlich friedfertigen Buddhismus deutet die Geschichte der Kriegermönche oder der Samurai ebenso wie der Umstand, dass hier keine politischen und gesellschaftlichen Alternativkonzepte entwickelt wurden, auf eine prinzipielle und temporär auch praktische Anfälligkeit für gewalttätige Strukturen hin.

Rachsüchtiger Gott ohne Gnade

Die Situation in den drei nahöstlichen Religionen gestaltet sich freilich ungleich dramatischer. Das Alte Testament beschwört immer wieder einen unnachgiebigen, rachsüchtigen und brutalen Gott, der keine Gnade kennt, wenn es um die Bestrafung der Feinde Israels geht. So wird "Babel" im Buch Jesaja die ebenso grausame wie totale Vernichtung angedroht:

Man sticht jeden nieder, dem man begegnet; wen man zu fassen bekommt, der fällt unter dem Schwert. Vor ihren Augen werden ihre Kinder zerschmettert, ihre Häuser geplündert, ihre Frauen geschändet. Seht, ich stachle die Meder gegen sie auf (...). Ihre Bogen strecken die jungen Männer nieder; mit der Leibesfrucht haben sie kein Erbarmen, mit den Kindern kein Mitleid. (...) Für immer wird es unbewohnt sein, bis zu den fernsten Generationen wird es nicht mehr besiedelt.

Eigentümlicherweise enthält Jesaja auch die pazifistischen Lieder vom Gottesknecht ("Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und denen, die mir den Bart ausrissen, meine Wangen") und beweist so eindrucksvoll, dass die biblischen Aufzeichnungen ähnlich ambivalent gelesen und verstanden werden können wie die Suren des Koran. Neben der Aufforderung zu Frieden, Toleranz und Völkerverständigung findet sich im Islam die strikte Trennung in Gläubige und Ungläubige und damit ein hochbrisantes Gewaltpotenzial. Im traditionellen Gottesverständnis muss Allah über das Diesseits herrschen, so dass Kriege durchaus als Instrumente zur gottgewollten Ausbreitung des Islam betrachtet werden können.

Das ist im Christentum weniger einfach und doch immer gängige Praxis gewesen. Georg Baudler, ehemals Professor für Katholische Theologie und Didaktik an der RWTH Aachen, sieht deshalb bei der eigenen Weltreligion zu Recht einen ganz besonderen Klärungsbedarf:

Es ist ein großes Paradox, aber ein nicht bezweifelbares historisches Faktum: Ausgerechnet die "Religion der Liebe", die Religion, die grundgelegt ist in der von Rachegedanken und Gewaltfantasien freien Erzählung von der grausamen Hinrichtung eines unschuldigen Menschen, die Religion, die einen am Schandpfahl zu Tode Geschundenen, einen Gekreuzigten, als Gottessohn preist und als Auferstandenen zur Rechten Gottes setzt - ausgerechnet diese Religion hinterließ die längste und breiteste Blutspur in der Geschichte der Weltreligionen.

Georg Baudler

Baudler interpretiert Kaiser Konstantins Sieg an der Milvischen Brücke im Jahr 312 als entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte des Christentums. Nach 300 Jahren radikal-pazifistischer Gewaltfreiheit fiel es - nun in Form einer Staatsreligion - in archaische Verhaltensweisen zurück und diente fortan als entscheidender Teil einer Machtstrategie zur Rechtfertigung grauenhafter Verbrechen.

Während im Urchristentum ein Mann, der Soldat werden wollte, aus der Gemeinde verstoßen werden konnte, bestimmte eine Kirchenversammlung in Arles nur zwei Jahre nach Konstantins entscheidendem Sieg nun umgekehrt, dass ehemalige Soldaten, die im Frieden ihren Stand verlassen wollten, aus der Kirche auszuschließen seien. Doch das war nur der Auftakt zu einer beispiellosen Gewaltorgie, zur massenhaften Verfolgung vermeintlicher Ketzer und Hexen, zur Ausrüstung von Kreuzzügen und gewaltsamen Missionierungen oder zur Allianz mit totalitären Regimen und deren verbrecherischen Machenschaften. Nach Einschätzung des Autors ist diese Traditionslinie übrigens bis dato nicht durchbrochen:

Noch heute erinnern massive autoritäre Strukturen in den christlichen Kirchen mehr an den vom Soldatenkaiser Konstantin geprägten weströmischen Imperialismus als an Kreuzigung und Auferstehung Jesu. Man denke z.B. an das von Papst Johannes Paul II. erlassene Verbot, die Frage der Zulassung der Frau zum Priesteramt überhaupt nur zu diskutieren. Auch der streng hierarchische Aufbau der Ämter und die Überwachung und disziplinarische Maßregelung wissenschaftlich arbeitender Theologen gehören in dieses Bild. Anders als in der Urkirche sind Krieg, Kriegsdienst und Todesstrafe von diesen Kirchen in der Geschichte nie generell in Frage gestellt worden. Erst das Zweite Vatikanische Konzil forderte die Ächtung des Krieges.

Georg Baudler

Die Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte und den eigenen Verhaltensweisen und Reaktionsmechanismen ist nach Baudlers Ansicht für alle fünf Weltreligionen der entscheidende Schlüssel, um ein neues, möglichst distanziertes Verhältnis zur Gewalt zu finden - wie es im Theravada-Buddhismus oder im Urchristentum erfolgreich praktiziert wird beziehungsweise wurde. Ob es der Menschheit gelingt, die Tötungsschwelle, die über Hunderttausende von Jahren unter religiösen Begleitumständen gezielt abgesenkt wurde, wieder anzuheben, kann über den Verlauf zukünftiger Konflikte, möglicherweise aber auch über den Fortbestand der gesamten Spezies entscheiden.

Georg Baudlers Studie "Gewalt in den Weltreligionen" ist in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt erschienen und kostet 34,90 €.

(Thorsten Stegemann)