Raumpioniere erobern Brachen

Stadtentwicklung von unten ohne Städtebau

Einst waren sie der Schrecken der Stadtplaner, jetzt unterstützen Verwaltungen Projekte zur temporären Nutzung von innerstädtischen Brachflächen. Auch wenn Zwischennutzer sich dauerhaft auf leeren Flächen und Häusern ansiedeln möchten, die Grenzen des Eigentumsrechts setzen ihren Vorhaben einen Rahmen (vgl. auch Stadtumbau durch Kommunikation).

Während die Stadtplaner öde und verlassene Gebäude und Areale in den Städten jahrelang links liegen lassen, bis sich ein neuer Investor oder ein städtisches Bauvorhaben findet oder schlicht gar nichts passiert, besetzen alternative Nutzer kurzerhand die Brachen. Und entdecken für sich zwischen Gestrüpp und Sandhügeln neue Entwicklungsmöglichkeiten.

Ponybar in Berlin-Mitte in einer Baulücke. Trotz der großen Nachfrage dürfen die Betreiber nur 20 Quadratmeter für ihre Gartenkneipe nutzen.

Aufgelassene Industriegebiete verwandeln sie in Skaterbahnen, ziehen in leer stehende Ladenlokale ein und gründen Mode- und Musiklabels. Abseits behördlicher Reglementierungen erobern sich die Landbesetzer einen Raum, in dem Vieles möglich ist. Lange Zeit wurden solche Zwischennutzer, wo sie nicht vertrieben wurden, mehr geduldet als geschätzt. Doch nun scheinen sich einige Stadtverwaltungen und die mittlerweile als "urbane Pioniere" anerkannten Nutzer zusammenzuraufen und an einem gemeinsamen Strang zu ziehen, um Leerflächen wiederzubeleben. Ein Grund für die neue Toleranz der Behörden ist schlichtweg der Mangel an Geld, um aufwändige stadtplanerische Lösungen zu verwirklichen.

Wie eine Stadtentwicklung von unten die Öde in ein belebtes Gelände verwandeln kann, zeigt eine Studie anhand vieler Beispiele aus Berlin. In der Stadt setzt der Senat darauf mit zeitweiligen Projekten in Baulücken eine neue urbane Qualität zu entwickeln. Brachen gibt es in Berlin jede Menge, viele davon mitten in der Stadt. Zonen, die Straßen und Häuserzeilen eines Quartiers großflächig voneinander trennen. Die Raumpioniere, so hofft die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, würden mit ihren Projekten die freien Räume wieder in die Stadt einfügen.

Und die Zwischennutzer erhoffen sich auf den Brachen die Verwirklichung eigener Lebensentwürfe, für die sie Freiräume brauchen.

Dabei sind die Raumpioniere nicht mehr politisch motivierte Personen wie die Hausbesetzer, sondern Leute, die in der Gesellschaft angekommen sind und nun etwas Neues ausprobieren wollen.

Klaus Overmeyer

Der Landschaftsarchitekt beschreibt in seiner Studie Urban Pioneers 40 verschiedene Initiativen. Die einen setzen eigene Geschäftsideen um und eröffnen eine Kneipe in einer Baulücke, andere spielen Golf auf Äckern, bis der Bundesnachrichtendienst auf dem Grundstück mit den Bauarbeiten für seine neue Zentrale beginnt. Kulturelle und soziale Projekte lassen sich günstig in leeren Häusern verwirklichen.

240 Mitglieder zählte die Übungsanlage "Golf für jedermann" in Berlin-Adlershof, die bis 2004 geduldet war. Seit dem liegt das Gelände wieder brach.

Overmeyer arbeitet im Architekturbüro Urban Catalyst und erarbeitete die Studie für die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Die Untersuchung, eingebettet in viel Theorie, mit zahlreichen Projektbeschreibungen und einem Ratgeber für die Zwischennutzer selbst, ist im Jovis Verlag erschienen.

Mit der voranschreitenden Deindustrialisierung, die Leerstand und Abriss von Fabriken und Lagerhallen nach sich zieht, gibt es zunehmend mehr innerstädtisches Ödland - und mehr und mehr Entfaltungsmöglichkeiten für Raumpioniere. Weitere Gebäude leeren sich im Zuge des demografischen Wandels. Immer weniger Schulen und Kindergärten etwa, prognostizieren Overmeyer und seine Koautoren, würden nicht mehr genutzt. In Berlin entstehen mit dem Abriss von Plattenbauten in Großsiedlungen und der Schließung zweier Flughäfen weitere Brachen. Hinzukommen 320 Hektar aufgelassener Friedhöfe in den nächsten Jahren. Bei so vielen Flächen wird sich vielleicht ein anderer schöner Nebeneffekt ergeben und eine innerstädtische Wildnis entstehen.

Aber wo sich Zwischennutzer eines Geländes annehmen, steht das nicht zu befürchten. Deshalb können sich die Raumpioniere mittlerweile über die Duldung hinaus auch einer staatlichen Unterstützung sicher sein, wie zahlreiche Beispiele in Overmeyers Buch zeigen. Von der ABM-Stelle bis zur günstigen Überlassung eines Grundstücks reichen die Maßnahmen, mit denen die staatlichen Stellen die Zwischennutzer unterstützen.

Darüber hinaus gibt es aber auch noch jede Menge Vorschriften zu beachten. Anträge müssen bei den Bezirksämtern gestellt werden, Lärmschutzvorschriften beachtet, sanitäre Anlagen eingerichtet und diverse Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, bevor eine Kneipe entlang der Spree als Bundespressestrand eröffnen kann. Oder Jungs und Mädchen über eine Skaterrampe sausen können.

Mit zahlreichen Regelungen machen es einige Ämter den Zwischennutzern nach wie vor nicht leicht, ihre Ideen zu verwirklichen, wie Erfahrungsberichte der urbanen Pioniere zeigen. Einige Nutzer wünschen sich deshalb mehr Deregulierung, um schneller und unkomplizierter ihre Vorhaben verwirklichen zu können. Sajjid Ahmad, der den Interkulturellen Garten in Berlin-Köpenick aufbaute, berichtet überdies von ganz anderen Vorbehalten seitens der Behörden. Ob die Menschen aus prekären Lagen heraus ein Projekt durchziehen könnten, wurde der Initiator der Interkulturellen Gärten in Berlin-Köpenick gefragt. "Man konnte oder wollte sich nicht vorstellen, dass Immigranten, Aussiedler und ALG II-Empfänger gemeinsam gärtnern, in Kommunikation treten und so sozial integriert werden", sagt Ahmad. Inzwischen bauen in den Gärten Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen auf 4000 Quadratmetern Obst und Gemüse an.

Zwischennutzung ist vor allem eine Chance, mit wenigen Mitteln etwas Neues ausprobieren zu können - "außerhalb einer Verwertungslogik etwas Stehendes auf die Beine zustellen", so Overmeyer.

Viele der heutigen Landbesetzer suchen der Studie zufolge einen Weg, um ihre berufliche Karriere auf unkonventionelle Weise zu starten. Gut die Hälfte der befragten Nutzer plante, sich als Unternehmer in kommerziell-, kultur- oder gemeinwohlorientierten Vorhaben zu profilieren. Neben der öffentlichen Förderung stellt für viele von ihnen das Sponsoring eine wichtige Einnahmequelle dar. Nur ein Drittel aller Zwischennutzer arbeitet ehrenamtlich.

Dabei gehen sie von Anfang an einen Kompromiss ein. Der benötigte günstige Raum ist nur unter der Bedingung einer zeitlich begrenzten Nutzung verfügbar. Ansonsten sind Eigentümer schwer dazu zu bewegen, überhaupt Flächen zur Verfügung zu stellen. Fehlendes Kapital ersetzen die Zwischennutzer durch Eigenarbeit. In der Studie heißt es dazu: "Raumpioniere recyceln vorgefundene Strukturen mit niedrigem Aufwand, reparieren oder ergänzen die technische Infrastruktur und nehmen so wenig wie nötig bauliche Veränderungen vor." Denn zuviel Aufwand würde sich bei der Aussicht auf einen Wegzug nicht lohnen.

2003 schütteten Jugendliche spontan eine Bahn für BMX-Räder auf, die nahe dem Gelände in Berlin-Marzahn wohnten. 2004 gestaltete der Bezirk die Fläche unter Verwendung von Holz- und Metallelementen neu.

Dennoch geht mit dem Engagement der Wunsch einher, sich langfristig und dauerhaft anzusiedeln. In der Regel aber schließen Eigentümer nur Verträge über einen befristeten Gebrauch oder Verträge mit einer kurzen Kündigungsfrist ab. Denn Zwischennutzung steht nach wie vor den Verwertungsinteressen für Immobilien entgegen.

Dabei profitieren die Eigentümer von der Zwischennutzung, die zu einer Aufwertung durch die Belebung von Grundstücken führen kann. Möglicher Vandalismus wird verhindert, aber auch Kosten für die Instandhaltung können auf die Zwischennutzer abgewälzt werden. Mit einem spektakulären Kulturprojekt lässt sich einer Brache schnell der Hauch von Exklusivität verleihen. Aber nicht alle Zwischennutzer machen Theater oder Kunst. Und so stehen viele Eigentümer den Raumimpionieren eben reserviert gegenüber.

Über die Gründe dafür spricht der Projektentwickler Rainer Emenlauer:

Der Faktor Zwischennutuzung gilt als zu risikoreich, weil er nicht kalkulierbar ist...Bei Zwischennutzern auf Brachflächen handelt es sich ja oft um Idealisten, die keine ökonomische Basis und langfristige Zielsetzung haben. Das kann sich später entwickeln. Aber man weiß es vorab nicht.

Zudem werde die Zwischennutzung in der Branche oft als ein Indiz gewertet, dass eine Immobilie "verbrannt" sei und nicht mehr zu normalen Preisen vermarktet werden könne. Nur 16 Prozent der Zwischennutzer zahlen in Berlin eine marktübliche Pacht, 63 Prozent dagegen keine oder nur einen symbolischen Betrag. Die übrigen Nutzer zahlen wenig oder bringen nur die Betriebskosten auf.

Ist der Sprung auf ein Gelände aber erstmal geschafft, beginnen die bereits erwähnten Auseinadersetzungen mit den Behörden. Zwischen beiden Parteien möchte das Buch von Overmeyer vermitteln. Der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und anderen Verwaltungen könnte es als Handbuch dienen, um sich mit dem Phänomen der urbanen Pioniere auseinanderzusetzen. Für die Behörden stellen sich die Autoren die Rolle eines Moderators und Initiators vor, der Eigentümer dazu bewegen könnte, mehr Zwischennutzung zuzulassen.

Viel mehr Spielraum haben die Kommunen auch nicht, denn rechtlich kann niemand gezwungen werden, sein Eigentum den Raumpionieren zu überlassen. Mit schnellen Entscheidungen und Vorschriften, die sie nicht in den Ruin treiben, wäre aber schon vielen Projekten geholfen, damit das innovative Potential einer Stadtplanung von unten nicht versandet.

Der soziale Konflikt darum, wer das Gesicht der Stadt wie mitgestalten darf, scheint damit vorerst entschieden. Dort wo sich ein zahlungskräftiger Investor findet, müssen die Raumpioniere weichen und an Orte wechseln, deren Bebauung und Nutzung sich nicht rentiert. Gerade teilt der Jungendsportpark Mellowpark in Berlin-Köpenick auf seiner Website mit, dass auf seinem Gelände gebaut werden soll. Die Senatsverwaltung stelle aber ein alternatives Grundstück in Aussicht. Freilich bedeutet eine Räumung für andere Initiativen auch, raus aus der Mitte der Stadt an die Ränder ziehen zu müssen. Und damit geht Berlin wieder ein Stück soziokultureller Vielfalt verloren, die zu unterstützen sich der Senat doch mit der Förderung der Zwischennutzung vorgenommen hatte.

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