Raus aus der EU: Jeder dritte Deutsche ist schon dafür

Umfrage in Europa zeigt große Skepsis gegenüber dem "gemeinsamen europäischen Haus", vor allem bei Italienern und Franzosen

Die Vereinigten Staaten von Europa, das war es wohl, worauf die verantwortlichen Eliten beim "Bau des europäischen Hauses" mehr oder weniger offen hinaus wollten. Doch längst haben die Eruptionen einer fehlgeleiteten Politik die Europäische Union so schwer beschädigt, dass viele Bürger sich von dem Projekt abwenden.

Eine neue Umfrage, die das britische Meinungsforschungsinstitut Ipsos Mori in verschiedenen europäischen Ländern durchgeführt hat, vermittelt den Eindruck, dass die Europäische Union kaum für sich beanspruchen kann, von den Bürgern getragen zu werden.

Staatsschuldenkrise, eine hohe Jugendarbeitslosigkeit von teilweise über 50 Prozent, eine gemeinsame Währung, die die wirtschaftlich schwachen Ländern bei ihren finanzpolitischen Entscheidungen einschnürt, und die den geschwächten Ländern auferlegte Sparpolitik dürften mit ein Grund sein, warum ein beachtlicher Teil der Bürger die EU in Frage stellt.

Laut der Umfrage möchten 58 Prozent der Italiener und 55 Prozent der Franzosen über einen Verbleib ihrer Länder in der Europäischen Union abstimmen. Zwischen 41 und 48 Prozent der Befragten sagten außerdem, dass sie sich gegen einen Verbleib in der EU entscheiden würden.

34 Prozent der Deutschen, also mehr als jeder Dritte der Befragten, sprechen sich für einen Austritt aus der EU aus. Das sind mehr als Belgier und Ungarn (jeweils 29%) und Spanier (26%) und Polen (22%), was auffällig mit der Politik der PiS-Regierung kollidiert. Dagegen würden 48 Prozent der Italiener für den Austritt stimmen (Griechen oder Portugiesen wurden nicht gefragt), aber auch 41 Prozent der Franzosen und 39 Prozent der Schweden.

Eine Abstimmung in den angeführten Ländern über einen Verbleib in der EU wird es freilich nicht geben. Anders in Großbritannien. Dort ist für den 23. Juni ein Referendum vorgesehen, in dem die Bürger darüber abstimmen werden, ob Großbritannien in der EU bleiben soll. Vertraut man den aktuellen Umfragen, dürfte die Entscheidung denkbar knapp ausfallen und ein Austritt aus der EU sogar als beinahe realistisch betrachtet werden.

Nach einem Brexit wird für 48 Prozent die EU weiter zerbröseln

Nach der Umfrage glauben allerdings zwei Drittel der Briten, dass es keinen Brexit geben wird. Im Ausland ist man sich da nicht so sicher. Eine Mehrheit der Italiener, Franzosen und Belgier denken, dass die Briten sich für einen Brexit entscheiden werden, während 59 Prozent der Deutschen nicht daran glauben wollen. Insgesamt gehen 53 Prozent der europäischen Bürger davon aus, dass Großbritannien in der EU bleiben wird. In Australien, Kanada, Südafrika, Indien und den USA sind 62 Prozent davon überzeugt, dass die Briten nicht aussteigen werden. 48 Prozent der Europäer denken allerdings, dass nach einem Brexit auch weitere Länder aussteigen würden, nur 18 Prozent sehen diese Möglichkeit nicht.

Eine europäische Zentralregierung wollen nur 15 Prozent. 21 Prozent sagen, ihr Land solle die EU verlassen, 23 Prozent, es solle in der EU bleiben, aber daran arbeiten, deren Einfluss zu schwächen, während 24 Prozent dafür sind, den Einfluss zu stärken. Mehr Europa wollen mehrheitlich die Deutschen, die Belgier, die Spanier und die Polen, die Italiener sind zerrissen, weniger wollen die Ungarn, die Franzosen und die Schweden. Am stärksten gegen ein stärkeres Europa sind die Briten mit 65 Prozent, nur 15 Prozent sind hier für mehr Europa. Wenn neben den Schweden auch Franzosen und Italiener von der EU abrücken, dürfte es zunehmend schwieriger werden, die Gemeinschaft gegen die Fliehkräfte zusammenzuhalten.

In einer Rede heute in London sagte der britische Premierminister David Cameron, dass ein Austritt aus der EU schwerwiegende Folgen für Großbritannien haben könnte - bis hin zu einem erneuten Krieg. Er warnte vor einem aggressiven Russland, den Gefahren, die durch die Terrororganisation IS drohten, der Flüchtlingskrise, den wirtschaftlichen Folgen, dem politischen Machtverlust: "Isolationismus hat diesem Land niemals gut getan." Großbritannien hänge mit Europa zusammen. (Marcus Klöckner und Florian Rötzer)