Raus mit dem Erdgas und rein mit dem CO2

Riesige Erdgasvorkommen unter der Meeresoberfläche locken Wissenschaftler und Unternehmen zur Erdgasförderung auf See

Unter dem Meeresspiegel liegen riesige Mengen an Erdgas. Derzeit wird in Deutschland an einer Technologie gearbeitet, wie das Gas gehoben werden kann. In die dann frei werdenden Schichten kann CO2 eingelagert werden. Zusammen mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem Bundesministerium für Wirtschaft (BMWi) ist das Leibnitz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) an der Universität in Kiel federführend. Daneben sind auch eine ganze Reihe von Unternehmen an dem Projekt beteiligt.

Es klingt ein wenig wie die Erfindung der eierlegenden Wollmilchsau. Zunächst wird aus dem porösen Gestein das darin zu Eis gefrorene Erdgas gefördert. Anschließend kann in die so frei werdenden Schichten CO2 eingelagert werden.

Derzeit versuchen Forscher aus dem IFM-Geomar und der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover in Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen, wie der Wintershall AG, E.ON oder der Meyer Werft, eine Technologie zu entwickeln, die es ermöglichen soll, tief unter dem Meeresspiegel liegendes und zu Eis gefrorenes Erdgas zu fördern. Prof. Dr. Klaus Wallmann, Leiter der Forschungseinheit Marine Geosysteme am IFM-GEOMAR, sagt:

Es handelt sich um 1.000 bis 5.000 Gigatonnen Erdgas.

Das wäre mehr Energie, als alle konventionellen Lagerstätten von Kohle, Öl und Gas auf der Erde enthalten. Wallmann schätzt, dass davon "etwa 10% bis 50% abbaubar" seien.

Eine Menge, die sicherlich nicht nur deutsche Forscher und Unternehmen in Goldgräberstimmung versetzten dürfte. Allerdings hat die Sache einen kleinen Haken. Zwar gibt es an fast allen Kontinentalrändern - insbesondere an den Küsten der aufstrebenden Dritteweltländer Indien und China - bedeutende Vorkommen. Deutschland allerdings stellt dabei eine Ausnahme dar. Denn Nord- und Ostsee sind deutlich zu flach, so dass sich dort keine Gashydrat-Lagestätten gebildet haben.

Damit nun die deutsche Wirtschaft nicht leer ausgeht, wurde von der Politik das Projekt SUGAR angeregt. SUGAR steht für Submarine Gashydrat-Lagerstätten- Erkundung, Abbau und Transport. Das Ziel dabei ist es, die nötige Technologie zu entwickeln, mit der entsprechende Lagerstätten abgebaut werden können. Die deutsche Industrie soll sich via ihrem Know-How in die entsprechenden Projekte einkaufen können und damit den Zugang zu diesem Gas sichern helfen, erklärt Wallmann das wirtschaftliche Ziel des Projektes.

Dafür seien jedoch einige Probleme zu lösen. "Das Hydrat muss, bevor es abgebaut werden kann, zersetzt werden." Das könnte durch eine Indizierung von Kohlendioxid (CO2) im Untergrund erreicht werden. Eine vielversprechende Technologie zur Methangewinnung aus Gashydraten verwendet verflüssigtes CO2 aus herkömmlichen Kohlekraftwerken, das über eine Bohrung in die Methanhydrat-Lage injiziert wird. Hierbei reagiert das CO2 spontan mit Methanhydrat, zersetzt es und setzt Erdgas frei, so Wallmann.

Damit bietet das Projekt ökologisch sehr interessante Möglichkeiten. Denn gerade dadurch, dass das Gas durch die Indizierung von CO2 frei gesetzt werden kann, entsteht eine doppelte Wirkung. Das bei der Verbrennung von fossilen Brennstoffen frei werdende und klimaschädliche CO2 könnte auf diesem Wege so deponiert werden, dass es nicht mehr die Atmosphäre erreicht. "Man tut etwas für die Erdgasversorgung und senkt gleichzeitig den CO2 Ausstoß", so Wallmann.

Ganz ungefährlich sei die Technologie allerdings nicht. "Eines der Risiken ist die Gefahr, dass das Methan die Energiegrundlage spezieller Ökosysteme ist", erklärt der Wissenschaftler das Problem. Oberflächennahe Gashydrate sind häufig mit speziellen Ökosystemen assoziiert, die das im Gashydrat fixierte Methan als Energiequelle nutzten.

Diese Ökosysteme würden vernichtet, wenn die Gashydrate abgebaut würden, da den Organismen auf diese Weise die Energiebasis entzogen würde. Gashydrate, die direkt am Meeresboden oder in geringen Sedimenttiefen bis ca. 10 m vorkommen, dürften daher nicht wirtschaftlich genutzt werden.

In Deutschland ist die Technologie der Carbon Dioxide Capture and Storage, kurz CCS, allerdings umstritten. In einem für den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) erstellten Gutachten von November 2010, sagt der Autor Ralf Krup, dass eine CO2 Verpressung neben Leckagen auch Erdbeben verursachen könnten.

Es sei bekannt, dass durch die Förderung von Erdgas bereits Erdbeben ausgelöst wurden. So sei beispielsweise 2004 bei Soltau in der Nordheide ein Erdbeben der Stärke 4,5 auf der Richterskala verursacht worden. Laut der Studie habe es bereits eine ganze Reihe von Erdbeben gegeben, die durch eine Induzierung von CO2 in den Untergrund verursacht wurden. Es sei also nicht auszuschließen, dass durch die andauernde Injektion von CO2 seismische Ereignisse ausgelöst würden, durch welche es auch zum Entweichen großer Gas‐Mengen innerhalb kurzer Zeiträume kommen könne.

Stellt sich also die Frage, ob der Abbau des unter dem Meer liegenden Erdgases durch die Einlagerung von CO2 einen wirklichen ökologischen Vorteil bringen kann oder ob die Technologie letztendlich nicht mehr schaden anrichtet als ein Verzicht ihres Einsatz. Die Möglichkeit allerdings, CO2 klimaneutral lagern zu können und gleichzeitig, das im Vergleich zu Erdöl bei der Verbrennung deutlich weniger CO2 erzeugende Erdgas zu fördern, dürfte bis auf weiteres eine interessante Option bleiben. (Ralf Heß)

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