Rauschgold

Bild: Davidstankiewicz / CC BY-SA-4.0

"Seid ihr alle gaga?" - Über das Leben eines ökonomischen Einhorns namens "Bitcoin"

Vorbemerkung: Dieser Artikel beansprucht nicht, etwas zu sein, was er nicht sein kann. Er ist keine gründliche Untersuchung zu dem Bitcoin-Phänomen. Der Artikel ist insofern experimentell, als ich offen zugebe, dass meine Verwunderung über das Phänomen weiter reicht als mein Verständnis für es; ich wundere mich darüber genauso, wie ich mich wundern würde, wenn sich die Biologie plötzlich ernsthaft mit Einhörnern befassen würde.

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Aber so ist es nun einmal in der Ökonomie, in der Vertrauen und Phantasie eine viel größere Rolle spielen, als die Ökonomen wahr haben wollen. Dieser Artikel geht in den Zoo, um ein lebendes Einhorn zu suchen. Konstruktive Korrekturen, Interpretationsansätze und weiterführende Literaturhinweise im Forum sind sehr willkommen.

Was ist ein Bitcoin? Ein Bitcoin ist der kryptografisch verbürgte Eigentumstitel über die fiktive Belohnung für die Mitarbeit an der Lösung einer an sich gegenstandslosen kryptografischen Rechenaufgabe.

Was so abstrakt klingt, ist das Ergebnis eines mathematisch-informationellen Ökonomie-Spiels, das 2008 von einem bisher Unbekannten mit dem Pseudonym Satsoshi Nakamoto in die Welt gesetzt wurde und zwar als Umsetzung einer Idee des Software-Ingenieurs Wei Wei Dai von 1998. Dieses Spiel zur Etablierung einer "Kryptowährung" hat ein paar einfache Regeln von massiver Tragweite.

  1. Die Erzeugung (das Schürfen), die Validierung und die Aufbewahrung von Bitcoins findet in einem Peer-to-Peer-Netzwerk statt, in dem es keine zentrale Autorität, keine Bank, keine staatliche Souveränität gibt, sondern nur "gleichberechtigte" Benutzer. Der Zugriff einzelner User auf die eigenen Bitcoins findet über individuelle "Wallets" statt, die die kryptografischen Schlüssel zu den Eigentumstiteln beinhalten.
  2. Es kann nur insgesamt 21 Millionen Bitcoins geben.
  3. Die Software, die die Struktur für das erwähnte Netzwerk bereitstellt, passt den Schwierigkeitsgrad der kryptografischen Rechenaufgaben der Leistungsfähigkeit der Schürfmaschinen an. Je schneller die werden, desto schwieriger die Aufgaben.
  4. Bitcoins können gekauft und verkauft werden von Leuten, die nicht an dem Schürfprozess selbst teilgenommen haben.

Regel 1 ist sehr praktisch, weil sie einerseits die grundlegende Infrastruktur des Systems festlegt und seine grundlegende Ideologie: "Alle treffen sich auf dem gleichen Marktplatz als Gleiche. Wir haben nicht etwa die gleichen Chancen bei der Suche nach El Dorado - nein, wir erbauen es als Gleiche gemeinsam."

Die Regel 2 und 3 führen nicht nur künstliche Knappheit in das System ein, sondern auch ein Element der verschärften Konkurrenz um eine künstlich verknappte Ressource. Denn es ist klar, dass nur die Wettbewerber mit den größten und schnellsten Rechnern zu den wirklichen Eldorado-Bauherren gehören werden, wenn das System einmal ordentlich ans Laufen gekommen ist.

Es ist wie im richtigen Leben: Am Anfang werden Werbegeschenke verteilt, und am Ende siegen die mit der größten ökonomischen und technologischen Firepower. Das System kann in einem Atemzug grundsätzliche Gleichheit behaupten und finale Ungleichheit zementieren. Wenn das nicht mal an unsere politischen Demokratien erinnert.

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Gleichzeitig sorgt die Regel 3 dafür, dass sich der Bitcoin-Hype mehr und mehr in einen ökologischen Alptraum verwandelt, weil die immer schwierigere Erzeugung neuer Bitcoins immer mehr Energie frisst. Die Regel 4 sorgt dafür, dass Bitcoins das zugkräftigste Spekulationsobjekt seit der Finanzkrise 2008 sind.

Die jüngste Kursexplosion hängt zeitlich und ursächlich mit einem sogenannten "hard fork" zusammen, der das zunehmend unpraktische Einheits-Konstrukt der Zentralanwendung Bitcoin Core um eine effektivere Handelsbasis (Bitcoin Cash) ergänzte. Nach dieser Änderung, die den Austausch von Bitcoins wesentlich erleichterte, begann sich die Spekulationsblase, welch Wunder, so richtig aufzublähen.

Nebenbei schafft die Regel Nr. 4 zu dem Markt die passende Form von Kriminalität gleich mit. Betrug, Diebstahl, Hacking sind im Zusammenhang mit der Bitcoin-Blase genauso alltäglich wie dieselben Verbrechen im Zusammenhang mit Standardgeld.

Ohne viel Übertreibung könnte man also vermuten, dass es sich bei der ganzen Bitcoin-Angelegenheit um ein bitterböses Experiment zur Bloßstellung der neoklassischen ökonomischen Theorie unter den Bedingungen der digitalen Gesellschaft handelt: Ein Markt für künstliches Gold (inkl. künstlicher Verknappung) wird geschaffen und in seinen blühenden Absurditäten vorgeführt.

Die Verwirrung, den Ärger mancher Segmente des Publikums und der Presse könnte man so zusammenfassen: "Seid ihr alle gaga? Wie könnt ihr das ernst nehmen? Wie kann so etwas Geld sein, das Heiligste, was es in unserer Kultur überhaupt gibt?" - Gemach.

Alles Mögliche kann Geld sein, auch ein mit Zahlen bedruckter Stofffetzen, oder - den Bitcoin schon wesentlich ähnlicher - eine Kombination von Einsen und Nullen auf den Festplattenspeichern einer Bank.

Diese Dinge sind Geld, weil sie, durch zentrale Autoritäten (Zentralbanken) verbürgt, den allgemeinen Wertmaßstab für Waren und Dienstleistungen abgeben können. Durch das Geld als Warenalläquivalent lassen sich verschiedene Waren überhaupt "objektiv" in Beziehung setzen, und so "betriebssicher" und verlässlich gegeneinander austauschen.

Gewiss gab es schon Märkte vor dieser Art von modernem Geld, aber erst es brachte sie richtig zum Brummen. Karl Marx verdanken wir die Einsicht, dass die Wertmaßstabsfunktion des Geldes und damit sein Charakter als Warenalläquivalent eigentlich eine Fata Morgana ist, weil alle Waren der gleichen Quelle entstammen, und damit grundsätzlich vergleichbar sind. Ihre Werte können ...

(...) in derselben spezifischen Ware gemessen, und diese wieder in ihr gemeinschaftliches Wertmass, d.h. Geld, umgewandelt werden. Geld als Wertmass ist die notwendige Erscheinungsform des immanenten Wertmasses der Waren, der Arbeitszeit.

Karl Marx: Das Kapital
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