Reaktion auf Vergewaltigungen

Indischer Waffenhersteller bringt Frauenpistole "Nirbheek" auf den Markt

In Indien wird dem dortigen National Crime Records Bureau zufolge durchschnittlich alle 22 Minuten eine Frau vergewaltigt. Tendenz weiter steigend. Teilweise macht das Land - wie beispielsweise am letzten Mittwoch - mehrmals täglich durch neue schwere Vergewaltigungsfälle Schlagzeilen - vor allem dann, wenn Ausländerinnen die Opfer sind. Häufig werden die vergewaltigten Frauen so zugerichtet, dass sie an ihren Verletzungen sterben. In Kalkutta hat sich eine "Tradition" entwickelt, sie nach der Tat anzuzünden.

Der bekannteste indische Vergewaltigungsfall ist der einer jungen Frau, die im Dezember 2012 in Delhi von fünf Männern zu Tode vergewaltigt wurde, die ihr unter anderem den Darm herausrissen. Sie wurde unter den Namen "Nirbhaya" und "Nirbheek" ("die Furchtlose") bekannt, weil ihr Name aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht in den Medien genannt werden durfte.

Nach diesem Alias-Namen hat der Waffenhersteller Indian Ordnance Factory Kanpur nun eine neue Kaliber-.32-Pistole benannt: Sie ist aus einer Titanlegierung gefertigt, mit 500 Gramm deutlich leichter als ihr stählernes Vorgängermodell, und passt mit ihrem kurzen Lauf problemlos in eine Handtasche. Nach Angaben der Hersteller trifft man auf 15 Meter Entfernung angeblich trotzdem genau.

Nirbheek-Revolver

Die Mechanik der Pistole ist die der klassischen amerikanischen Smith-and-Wesson-Revolver nachempfunden, was den Vorteil hat, dass eine Fehlzündung den nächsten Schuss nicht beeinträchtigt. Die US-Experten von Weapons Man kommen deshalb zum Ergebnis: "The revolver looks so retro it’s practically steampunk".

Bei der Indian Ordnance Factory Kanpur hat man dagegen eine ganz andere Zielgruppe im Auge und betont, wie optisch ansprechend der Holzgriff des Revolvers, die Nirbheek-Gravur am Lauf und das zur Aufbewahrung mitgelieferte braune Schmuckkästchen seien. Obwohl es speziell für Frauen gestaltete Schusswaffen wie die Terzerole bereits seit dem 17. Jahrhundert gibt, wird die Nirbheek in indischen Medien deshalb als erste Damenpistole angepriesen, mit der indische Frauen Angreifern "furchtlos" gegenübertreten und sie "überraschen" könnten.

Auch hochrangige indische Polizisten wie Ram Krishna Chaturvedi loben die Waffe öffentlich als "definitiv gute Idee", weil sie das Selbstvertrauen von Frauen stärken und potenzielle Vergewaltiger abschrecken könne, die um ihr Leben und ihre Gesundheit fürchten müssten. Die Waffe könne deshalb "Freund und Stärke" einer Frau werden.

Binalakshmi Nepram, die Generalsekretärin der Control Arms Foundation of India, sieht das nicht so. Sie bemängelt, mit dem Lob der Waffe entzögen sich Behördenvertreter ihrer Verantwortung für die Sicherheit der Bürger. Die Benennung der Pistole sei eine "Beleidigung" Nirbheeks, weil die 23-Jährige sich (ebenso wie die meisten anderen Inderinnen) die für 122.360 Rupien (oder umgerechnet 1.465 Euro) angebotene Waffe gar nicht leisten hätte können. Außerdem, so Nepram, seien Frauen mit Waffen statistisch gefährdeter als solche ohne - was allerdings daran liegen könnte, dass fast ausschließlich sehr gefährdete Frauen Waffen tragen. Frauen, die solch eine Gefährdung nicht nachweisen können und keine Sportschützinnen sind, bekommen in Indien nämlich gar keine Lizenz.

Andere Kritiker merken an, das Kaliber der Waffe sei zu klein, um Angreifer zu stoppen, und ein mit Metaldetektoren kontrolliertes Verbot in vielen Büros, Einkaufszentren und Kinos mache das ständige Mitführen von Waffen sehr umständlich. Auch Nirbheek selbst, die vor ihrer Vergewaltigung im Kino war, hätte die Pistole dorthin nicht mitnehmen können. Und selbst dann, wenn sie einen oder mehrere Angreifer angeschossen hätte, wäre das Risiko groß gewesen, dass diese sich bei ihren Aussagen abgesprochen und ihr Opfer für den Selbstverteidigungsakt lebenslang ins Gefängnis gebracht hätten. (Peter Mühlbauer)