Reaktionen in Russland auf den Terror in Paris

Frankreich müsse sich aus der amerikanischen Umklammerung lösen, so der Tenor der russischen Zeitungskommentatoren. Liberale Journalisten hoffen, dass Russland sich jetzt in die von den USA geführte Anti-IS-Koalition einordnet

In einem am Sonnabendvormittag veröffentlichten Telegramm an den französischen Präsidenten François Holland drückte der russische Präsident Wladimir Putin seinem französischen Amtskollegen und dem französischen Volk sein tiefes Beileid "für den Tod einer großen Zahl friedlicher Bürger" aus. Die Tragödie sei "eine weitere Herausforderung an die menschliche Zivilisation". Weiter schrieb der russische Präsident: "Es ist offensichtlich, dass für den effektiven Kampf gegen dieses Böse eine reale Vereinigung der Kräfte der ganzen internationalen Gemeinschaft erforderlich ist." Im deutschen Fernsehen wurden diese Worte nur am Rande erwähnt. Will man sie überhören?

In Moskau gab es heute zahlreiche Solidaritätsbekundungen mit dem französischen Volk. Vor der Botschaft Frankreichs in Moskau wurden Berge von Blumen niedergelegt (Livestream). Der liberale Radio-Sender Echo Moskau spielte französische Partisanen-Lieder aus der Zeit der deutschen Besatzung und viele Facebook-User machten die Flagge Frankreichs zu ihrem Profil-Foto.

Die Russen sind betroffen, aber nicht in Panik. Was jetzt in Paris passierte, der Tod von unschuldigen Bürgern, das passierte in Moskau und anderen russischen Städten seit Beginn des Tschetschenienkrieges 1994. Tschetschenische Terroristen nahmen 1995 im südrussischen Budjonnowsk ein Krankenhaus mit 1.600 Geiseln und 2002 ein Moskauer Musical-Theater mit 850 Geiseln. In den letzten Jahren gab es Anschläge von Terroristen aus Tschetschenien und Dagestan auf die Moskauer Metro (2010, 40 Tote), den Moskauer Flughafen Domodedowo (2011, 36 Tote) und auf einen Linienbus und einen Bahnhof in Wolograd (2013, 40 Tote).

In der Moskauer Metro wurden im letzten Jahr obligatorische Personen-Sicherheitsschleusen und Röntgenapparate aufgestellt, in denen stichprobenartig Gepäck kontrolliert wird. Alle Straßen, Kreuzungen, Metro-Eingänge, Einkaufszentren und viele Mehrfamilienhäuser werden mit Video-Kameras überwacht.

Doch die perfekte Kontrolle gibt es nicht. Erst vor zwei Wochen wurden 224 vorwiegend russische Passagiere und Besatzungsmitglieder eines Airbus 321 vermutlich Opfer eines Terroranschlages. Der Airbus einer russischen Fluggesellschaft war zwanzig Minuten nach dem Start vom ägyptischen Scharm el-Sheich abgestürzt. Die USA und Großbritannien hatten nach der Katastrophe von einem Bombenanschlag gesprochen. Der Islamische Staat (IS) übernahm die Verantwortung für die Katastrophe. Ob das Bekennervideo echt ist, ist jedoch unklar.

Russland erklärte erst nach mehreren Tagen, dass es sich höchstwahrscheinlich um einen Terrorakt handelte. Möglicherweise hatten Terroristen eine Bombe in das Gepäck der Touristen geschmuggelt, berichteten russische Medien. Am 6. November verbot Wladimir Putin dann alle Passagierflüge nach Ägypten. Russische Touristen werden aus Ägypten evakuiert.

Erst vor drei Tagen war im Internet ein neues IS-Video aufgetaucht, in dem Russland mit "Meeren von Blut" gedroht wird. Ähnliche Drohungen gab es bereits, nachdem Russland mit Luftschlägen gegen Stellungen von Terroristen in Syrien begonnen hatte.

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