Realfilm wird zur Unterform des Animationsfilms

Neue Chancen für den Animationsfilm durch die Digitalisierung

Wie schon der US-amerikanische Medientheoretiker und -künstler Lev Manovich es formulierte, wurden anders als bei früheren medialen Revolutionen, wo jeweils nur ein Handlungsbereich revolutioniert wurde, durch die neuen digitalen Medien Produktion, Distribution und Ästhetik von Filmen radikalen Veränderungen unterzogen. Gleichzeitig sind damit auch neue Geschäftsmodelle für Filmemacher und Animatoren entstanden, die es ihnen mehr denn je ermöglichen, ihre kreative Eigenständigkeit zu bewahren und nicht gegenüber Dritten abzutreten.

Anders als jemals zuvor, können Filmemacher Animatoren quasi "visuelle Straßenmusiker" sein, die lediglich ausgestattet mit einen Laptop, Beamer und Internet-Zugang kleine Alleinunternehmer sind, die zwar keine Millionengehälter einfahren, die dafür aber ihre künstlerische Freiheit behalten und nicht gegenüber kommerziellen Studios abtreten müssen. Es ist also ein radikaler Gegenentwurf zu einem Animator, der für eine große 3D-Kinoproduktion für Disney oder Pixar arbeitet. Hier einige Fallstudien von KünstlerInnen, die mit unterschiedlichen Strategien erfolgreich waren - alle durch die neuen Medien, dann aber mit Folgeaufträgen in den klassischen Medien Film und Fernsehen:

Ein frühes Beispiel ist der Animationsnovize Victor Navone, der sich in 1998 selber 3D-Animationsprogramme beigebracht hatte. Er wurde schlagartig im Internet berühmt mit seinem animierten 3D-Kurzfilm Alien Song, einem 45-minütigen Clip über einen grünen Alien, der wie eine Drag-Queen zu Gloria Gaynor’s Song "I will survive" tanzt, bevor er von einer Diskokugel erschlagen wird.

Victor Navone: The Alien Song (1999)

Trotz dieser kurzen Dauer von weniger als einer Minute dauerte es mehr als 250 h den Film zu komplettieren, da er keine Motion Capture einsetzte, sondern alle Animationen vor einem Spiegel erarbeitete. Während er an dem Clip arbeitete, erhielt er Unterstützung von Mitgliedern der CG Char Mailingliste.

Aufgrund der immensen Popularität des Clips im Netz wurde das renommierte Animationsstudio Pixar auf ihn aufmerksam und rekrutierte ihn als Animator, wo er seit 2000 an wegweisenden Blockbustern wie Monster A.G, Findet Nemo und The Incredibles mitarbeitete. Anscheinend mochte auch Gloria Gaynor den Clip und verlinkte ihn von ihrer Website.

Théodore Usher war ein bulgarischer Graphik-Designer in der Werbebranche. 1999 war ihm die Branche zu hektisch und er brach auf zu neuen Ufern und emigrierte nach Montreal in Kanada. Dort experimentierte er mit Adobe Flash, die zunächst auf seiner Website und auch bei dem damals renommierten, weil sehr gut kuratierten Portal Hotwired Animation Express gezeigt wurden. 2003 war er erfolgreich mit Walkin’ On By, einer zirkulären Lebengeschichte - scheinbar rotzig dahin gezeichnet - Animation, die aber voller Charme und Weisheit war. Während Usher weiter mit Flash experimentierte, und sein Stil in Tower Bahwer (2006) und Drux Flux (2009) zunehmend abstrakter - im einer Tradition mit Oskar Fischinger und Norman McLaren - wurde, lud jemand anders seine Animation bei YouTube hoch. Dort wurde die britische Band Public Symphony auf ihn aufmerksam und fragten ihn, ob sie seine Visuals für ein Musikvideo benutzen könnten. Ushev gab ihnen seine Zustimmung. Sie produzierten im gleichen Studio wie Pink Floyd und durch sie erhielt er den Auftrag, die gesamte internationale Werbekampagne für David Gillmour, ehemaligen Leadsänger und Gitarristen der Gruppe Pink Floyd zu machen.

In ähnlicher Weise wurde Tower Bawher (2006) auf der National Film Board of Canada Website vergessen (der Film sollte eigentlich nur zwei Wochen online sein) und verschaffte Ushev einen weiteren Auftrag mit dem Museum of Civilization, für dieses einen 3D-Film und einige Grafiken zu machen. Towher Bawher und Drux Flux gehörten zu den ersten Web-Animationen, von denen es auch 3D-Versionen gab, die mit einer entsprechenden Brille angeschaut werden können.

Ushev produziert nicht nur für die Kinoleinwand und das Fernsehen, sondern auch für mobile Plattformen und beschreitet neue künstlerische Wege wie etwa animierte Installationen und Architektur, so wie mit seinem letzten Film Drux Flux (2008), der sowohl für das Kino als auch stroboskopisch für eine Installation produziert wurde.

In eine ähnliche Richtung, wenn auch mit gänzlich anderem Stil ging der Schweizer François Chalet.

Chalet verwendet einen äußerst reduzierten und minimalistischen Stil, der trotzdem charmant und humorvoll ist. Er arbeitet viel mit wiederkehrenden Figuren und Schleifen, was ökonomisch ist. Diese sehen überall gut aus, egal, ob auf holographischen Postkarten, als klassische Werbespots fürs Fernsehen oder auf Gebäudefassaden wie dem Centre Pompidou. Chalet schafft es, Architektur mit Humor und Leben zu füllen und sie quasi zu emotionalisieren.

Die kalifornischen Spiridelli Brüder, die Macher des Webauftritts Jibjab, gehören zu den Veteranen im Webanimationsbereich. Bereits 2000 produzierten sie scheinbar krude aussehende, interaktive Webtoons mit u. a. Hillary Clinton, die über den Dächern von New York schwebt und mit George W. Buch und Al Gore, die um die amerikanische Präsidentschaft konkurrieren. 2004 erreichten ihre Cartoons This Land is Your Land und Good to be in D.C. mehr als 80 Millionen während des amerikanischen Wahlkampfes weitaus mehr Zuschauer, als es die amerikanischen Präsidentschaftsdebatten im Fernsehen erzielten.

JibJab: This Land und 2009

Auch ermutigen sie ihre Zuschauer, ihnen ihre Lieblingswitze und -anekdoten zu schicken, um sie zu animieren. Das ist zum einen eine äußerst ökonomische Art zu produzieren, und das sogenannte AAL-Prinzip wirksam werden zu lassen, nämlich andere für sich arbeiten zu lassen. Es steht auch für eine neue Beziehung zwischen Produzenten und Benutzern, insbesondere, ein Wegbrechen der Kluft zwischen vorher klar getrennten Rollen.

Die New Yorker Filmemacherin Nina Paley, die sich selbst als "The Best Unknown Cartoonist" bezeichnet, produzierte ihren Spielfilm mit Flash Sita Sings The Blues auf eigene Kosten, die sie selbst mit US $ 80.000 beziffert. Der Film behandelt den hinduistischen Ramayana-Mythos und ist mit Jazzmusik unterlegt. Als sie die Musikrechte klären wollte, verlangten die Lizenzinhaber US $ 220.000. Schließlich einigte man sich auf US $ 50.000. Weitere Klauseln beinhalteten, dass für jede weiteren 5.000 DVDs oder Download-Verkäufe weitere Kosten anfallen.

Nina Paley: Sita Sings The Blues

Während der Produktionsphase musste sich die engagierte Regisseurin ständig die Frage gefallen lassen: "Aber Nina, wie willst Du damit Geld verdienen?" Paley ließ sich jedoch nicht beirren und stellte einen ehrgeizigen Distributionsplan auf Copylefting (das Überlassen der Rechte zum Kopieren, im Unterschied zum klassischen Urheberrecht, welches das Kopieren grundsätzlich verbietet, Spenden und andere freiwillige Zahlungen, Merchandizing wie T-Shirts, Bücher und Puppen, Sponsoren, DVD-Verkäufe, Auktionen und Verkäufen von 35mm Filmkopien an Sammler, Archive, Museen und Verleiher. Der Film kann beim Internet Archive in hoher Qualität mit einer Creative Commons-Lizenz herunter geladen werden. Mit unermüdlichem Einsatz, jeder Menge Guerilla Marketing in ihrem eigenen Blog und sozialen Netzwerken wie Facebook: Der Plan ging auf: Im Herbst 2009 verkündete Paley, dass sie einen Profit von US $ 55.000 erwirtschaftet hatte.

Der französische Grafikdesigner Arthur des Pins veröffentlichte seinen Film La Révolution des Crabes eine philosophische und gleichzeitig humorvolle Betrachtung des Lebens von Krabben zuerst im Internet. Dort sahen ihn mehr als 30.000 Leute in den ersten paar Monaten. Dann wurde der französische Fernsehsender Canal+ auf den Film aufmerksam, kaufte ihn, und der Film wurde für die Wettbewerbe von bedeutenden internationalen Animationsfilmfestivals wie Annecy, Ottawa, Clermont Ferrant und ausgewählt. Schließlich wurde er 2005 für einen Oscar nominiert.

Arthur de Pins: La Révolution des Crabes

Die kalifornische Serie Happy Tree Friends ist sicherlich das kommerziell erfolgreichste Projekt. Die Idee für die Splatter-Serie, in der niedliche disneyeske Figuren nach einer Minute in jeder Folge brutal alle sterben, entstand mitten in der Dotcom-Krise 2001. Als niemand mehr an den kommerziellen Erfolg einer Webanimationsserie glaubte, eroberte sie sich eine loyale Zuschauerschaft über das Internet. Seit 2004 werden die Folgen als Weihnachtsspecials und Lückenfüller in mehr als 20 Ländern weltweit gezeigt, auch DVDs und Merchandizing-Produkte sind äußerst erfolgreich (für eine ausführliche Darstellung siehe auch Celebrity Deathmatch in Flash).

Mondo Media: Happy Tree Friends

Auch die Produktion der Flash-Serie Broken Saints, die ihre Wurzeln im Anime und im Comic hat, wurde zum großen Teil durch Spenden der Fans finanziert. Broken Saints startete als ein Webprojekt 2001 zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt in den Nachwehen der Dotcom-Blase. Es entstand in der Freizeit seiner drei Schöpfer (einem ehemaligen Designer von Electronic Arts und zweien seiner Freunde), die dafür ihre Ersparnisse aufbrauchten. Es gelang ihnen aber, eine loyale Zuschauerschaft im Netz aufzubauen. Nach positiver Resonanz ihrer Fans arbeitete das Trio 2 ½ Jahre exklusiv an der Serie.

Zwei Jahre später hatte die Serie mehr als 2 Millionen Zuschauer weltweit erreicht, Preise wie den renommierten FlashForward 2002 und den Zuschauerpreis beim Sundance Online Film-Festival in der Cartoon-Kategorie gewonnen und hatte verschiedene Angebote von Fernsehsendern.

Als dem Produktionsteam das Geld ausging, baten sie ihre Fans um Spenden, um das Projekt vervollständigen zu können und um die hohen Serverkosten bezahlen zu können. Das Konzept ging auf: Die Fans spendeten und das notwendige Budget kam zusammen, um das in 24 Kapitel aufgeteilte 12-stündige Projekt zu finanzieren. 2004 überarbeiteten sie Broken Saints noch mal, um die Serie auf DVD zu veröffentlichen.

Brooke Burgess, Ian Kirby, Andrew West: Broken Saints

Der britische Animator Laith Bahrani produzierte ein Musikvideo zur Akustik-Version des Songs Creep von Radiohead. Dieses und andere Animationen verschafften ihm den Auftrag für MTV eine Serie zu produzieren.

Laith Bahrani: Creep

Die Serie Red vs. Blue: The Bloodgulch Chronicles (2003-2007) die nach 100 Folgen eingestellt wurde, ist höchstwahrscheinlich das erfolgreichste Machinima-Projekt mit einer riesigen Fangemeinschaft im Internet. Machinimas sind 3D-Animationen, die durch das Hacken von Computerspielen entstehen (ausführliche Darstellung bei Telepolis). Red vs. Blue persifliert das erfolgreiche Meistern von Ego-Shootern - die Serie kann aber auch als eine Kritik an der Überbürokratisierung der Gesellschaft verstanden werden.

Die Serie wurde von einer texanischen Gruppe, die sich Rooster Teeth Productions nennt, ins Leben gerufen. Sie basiert auf dem Ego-Shooter Halo für die Xbox. Anders als PC-Spiele können in Konsolen-Spielen nur die Materialien des Spiels verwendet werden, es ist also nicht wie in anderen Spielen möglich, die Figuren individuell zu gestalten. Das erklärt auch, warum das Fadenkreuz der Waffe immer im Zentrum des Bildes zu sehen ist.

Roosterteeth: Red vs. Blue

Der New Yorker Künstler PES hat Kultstatus mit seinen trashigen Animationen, u. a. Game Over und Rooftop Sex. Er ist einer der wenigen Künstler, der für die Spielekonsole Playstation Portable produziert.

PES: Game Over und Rooftop Sex

A Swarm of Angels (ASOA ist ein partizipatives Open-Source-Filmprojekt, dessen Ziel es ist, der erste Internet-geförderte and distribuierte Spielfilm zu werden. Das kollaborative Projekt hat es sich zum Ziel gesetzt, 50.000 Interessenten (den sogenannten "Schwarm" der Engel zu gewinnen, die jeder £ 25 finanzieren. Das Spielfilmprojekt orientiert sich an den Creative Commons des US-amerikanischen Juristen Lawrence Lessig, einer stufenweisen flexiblen Regelung des Copyrights, die jeder Rechteninhaber selber bestimmen darf. So können Rechteinhaber bspw. festlegen, ob andere den Film herunterladen teilen dürfen oder ob sie die originären Inhalte des Projekts remixen dürfen.

A Swarm of Angels ist das geistige Kind des Filmproduzenten und Autoren Matt Hanson, dem Gründer des britischen onedotzero-Festivals, der das Projekt als Cinema 2.0 charakterisiert. Es ist wohl das erste Projekt, was auf diese Art und Weise gefördert, produziert und finanziert wird und könnte ein zukunftsweisendes Projekt sein. Zu den Beratern des ambitionierten Projekts gehören der Science-Fiction Autor und Copyright-Aktivist Cory Doctorow, der Comicbuchautor Warren Ellis sowie der Filmregisseur Tommy Palotta, der schon mehrfach Pionier bei digitalen Entwicklungen im Filmbereich war. Nach anfänglich großem Interesse an dem Projekt ist die Finanzierung nicht abgeschlossen.

Wie Lev Manovich in "The Language of New Media" treffend feststellte, wird Animation ihren 100jährigen ungerechtfertigten Nischenstatus im Vergleich zum Realfilm verlieren: Stattdessen wird der Realfilm bald nur noch eine Unterform des Animationsfilms sein, da kaum noch ein Film ohne digitale Nachbearbeitung auskommt und die vorfilmischen Techniken wie Malen auf Film eine Renaissance erfahren.

Durch die technischen Möglichkeiten des Internets entstehen aufregende neue Arbeitsfelder für Animatoren: Sie können als kreative Kleinunternehmer nur mit einem Laptop, Beamer und einem Internet-Zugang ausgestattet, sich selber künstlerisch verwirklichen und aus dem heimischen Wohnzimmer oder von irgendwo auf der Welt produzieren. Distribution wird nach den weitgehend standardisierten Abspielflächen Kino und Fernsehen erstmals wieder seit den Zeiten der Laterna Magica zum kreativen Akt, was sich am besten an den Arbeiten des Schweizer Francois Chalet zeigt, dessen äußerst minimalistische geloopte Animationen auf holographischen Postkarten, als klassische Kurzfilme und Werbespots, als Live-Visuals in Clubs oder auf riesigen Häuserfassaden gleichermaßen gut aussehen.

Animation, Architektur und öffentlicher Raum wachsen also enger zusammen. Weitere kreative Impulse für Animation kommen vom Gaming und von der Architektur. Animation und Gaming. Beide Medien existieren völlig nebeneinander her. Hier liegt großes Potenzial, dass sich beide Bereiche gegenseitig befruchten, da sie an den gleichen Fragestellungen arbeiten. (Karin Wehn)

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