Reality TV mit Originalmaterial im Internet

Neuerdings wird das Internet zu einer Art Fernsehen. Allerdings eine sehr spezielle Art Fernsehen: die Realität wird direkt eingespeist, ohne Schnitte, ohne Moderation, einfach nur das Originalmaterial. Das gab es bisher schon, aber neu ist, daß sich plötzlich alle Welt für diese ungefälschten Bilder interessiert. Mitte Mai wurden Aufnahmen im Internet sichtbar, die Freier zeigten, wie sie ein berühmtes Osloer Bordell besuchten. Per versteckter Kamera wurden diese ohne ihr Wissen gefilmt und waren Sekunden später im Internet zu sehen. Zwischenzeitlich stürzt der Server immer wieder ab, da sich zu viele - bis zu 200000 täglich - für diese Bilder interessierten (es wurde auch im norwegischen Fernsehen darüber berichtet), aber inzwischen läuft er wieder. Eine Folge war, daß die Einnahmen des Bordells, das sich als Massagesalon ausgibt, drastisch gesunken sind. Die Branche sieht dunkle Wolken am Himmel, wenn sich solche Ereignisse häufen würden. Die Anonymität gehört zum Geschäft.

Mit "Reality TV" werden im Fernsehgeschäft Sendungen bezeichnet, die den Alltag im Ausnahmezustand zeigen oder zumindest die Gewohnheit der Alltagsroutine durchbrechen, teils mit Originalmaterial, teils nachgedreht wie bei "Aktenzeichen XY...ungelöst". Viele dieser Sendungen sind gewaltzentriert, aber auch Beziehungen und rätselhafte Phänomene sind Themen. Diese Einengung für den Begriff soll hier aber nicht gelten. Während der Reality TV-Boom im Fernsehen zurückgeht, RTL gibt für diese Programmform 1994 nur 0,5% des Gesamtprogramms an, könnte sich im Internet ein Zuwachs dieses Informationsangebotes ergeben.

Dem Einsatz von Reality TV im Internet sind keine Grenzen gesetzt. Wo beispielsweise Schweinereien im großen Stil zu erwarten sind, lassen sich Videokameras mit Internetanschluß installieren. Die eingespeisten Aufnahmen lassen sich so sehr publikumswirksam medialisieren.

Eine solche Übermittlung von Rohmaterial ist nicht besonders ästhetisch, aber sie ist direkt, ohne Filter, ohne Manipulation. Jeder kann sich ein eigenes Bild machen und ist nicht auf Quellen wie CNN angewiesen, der während des Golfkrieges die Informationen über den Krieg strategisch und nach Gusto der US-amerikanischen Regierung streute und die öffentliche Meinung so stark beeinflußte. Das Internet scheint das richtige Medium für derartige Live-Übertragungen aus unserer geographischen Welt in die digitale Welt zu sein. Hier ist die Öffentlichkeit, die auch Notiz von recht lokalen Ereignissen nimmt und die für eine globale Verbreitung in kürzester Zeit sorgt. Eine zumindest partielle Verbreitung über die traditionellen Medien bleibt nicht aus und sorgt, wie in der Osloer Freier-Dekouvrierung, für erhebliches Feedback in der geographischen Umgebung.

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