"Recherche wird bestraft"

Interview mit Tom Schimmeck über Macht und Ohnmacht der Medien - Teil 2

Teil1: "Worunter wir gerade in den Chefetagen am meisten leiden, ist Charaktermangel"

War in Bezug des Niedergangs des deutschen Pressewesens die Regentschaft von Rot-Grün unter dem Medienkanzler Gerhard Schröder ein Quantensprung?
Tom Schimmeck: Rot-Grün hat medial wirklich etwas verändert. 1998 hatte die restkritische Medienmasse den Kohl so satt, dass sie Schröder geradezu verzweifelt hochschrieb. Was ich vollkommen verständlich fand. Das Problem war, dass Rot-Grün, historisch betrachtet, wohl acht Jahre zu spät kam und nicht mehr die politische Gestaltungskraft aufbrachte, um mit der doch ergatterten Macht ein kohärentes politisches Projekt zu verknüpfen. Gleichzeitig wurde in der deutschen Öffentlichkeit die neoliberale Ideologie immer präsenter. Und bald begann Rot-Grün, Konzessionen an diese neue Geistesmode zu machen: Die Steuersenkung für Großunternehmen und die Deregulierung der Finanzmärkte hat beispielsweise Rot-Grün beschlossen.
Schröder hatte keinen wirklichen Plan, was er gesellschaftlich verändern wollte, und warf sich schließlich in den Mainstream. So wurde rot-grün zu einer sehr ernüchternden Episode. In den Medien gab es zu dieser Zeit zwei Strömungen: Jene Stimmen, die von rechts, aber auch im stark gewandelten Spiegel, im Stern, in der Zeit, der Süddeutschen und auf den meisten Kanälen nach noch viel radikaleren neoliberale Axthieben riefen. Und auf der anderen Seite das kritische Restpotential, bei der taz und in den letzen Nischen der etablierten Blätter und Sender, das sich von Rot-grün progressiven Wandel versprochen hatte und nun furchtbar enttäuscht war. Beide Seiten haben sich des rot-grünen Projekts entledigt. Die einen, die vorher für Schröder gekämpft hatten, umjubelten plötzlich Frau Merkel als neue Lichtgestalt. Die anderen verschwanden in ihrem Schmollwinkel.
In Ihrem Buch schildern Sie die Pressekampagne gegen Andrea Ypsilanti als Beispiel einer politischen Einflussnahme, die durch die Medien stattfindet. Was hat Sie daran so gestört?
Tom Schimmeck: Es hat mich zunächst einmal fasziniert! Ich lebe nicht in Hessen, interessiere mich auch nicht so wahnsinnig für Kommunal- und Landespolitik. Aber im Fall Ypsilanti fiel bald auf, mit welch kollektivem Elan hier eine neue politische Figur in die Tonne getreten wird. Wir erleben ja oft, wie politische Figuren rauf- und wieder runtergeschrieben werden. Aber dass dermaßen aggressiv und unisono zur Jagd auf eine Person geblasen wird, hat mich schon überrascht. Mein Buch ist ja ein Versuch, Verrohung und Verfall demokratischer Öffentlichkeit relativ breit und international zu beschreiben, möglichst viele Stränge zusammen zu führen. Da schien mir die hessische Hysterie ein interessantes Beispiel - sehr geeignet, um Prozesse der Gleichschaltung aufzuzeigen.
Also habe ich mich ein paar Wochen nur damit beschäftigt und hunderte Artikel gelesen. Zum Beispiel auch mit Andrea Ypsilanti und Hermann Scheer gesprochen - um zu erkunden, welche Wirkung diese Kampagne auf die Akteure selbst hatte. Ich habe übrigens auch versucht, mit zehn Journalisten, die mir besonders aktiv in dieser Kampagne schienen, zu reden. Acht haben überhaupt nicht geantwortet. Einer zog sich zurück, als ihm aufgrund meiner Fragen klar wurde, wie kritisch ich seine spezielle Rolle sah. Bei der einzig übrig gebliebenen Kollegin vom Stern, die schnell und freundlich reagierte, habe ich mich dann bedankt und es aufgesteckt. Ypsilanti war ein ungewöhnlich krasser Fall medialer Herdenbildung. Da bekamen wir vorgeführt, welche Wucht sich entfaltet, wenn alle halbwegs wichtigen Medien das Gleiche verkünden. Ich fand das wirklich erschreckend.
Was bei der Ypsilanti-Debatte auch aufgefallen ist: Während den sogenannten "Abweichlern" Lorbeerkränze als selbstlose Partisanenchefs geflochten wurden, hat seinerzeit die Parteilinke bei der Agenda 2010 das öffentliche Brandeisen zu spüren bekommen....
Tom Schimmeck: Deswegen war ich sensibilisiert im Fall Ypsilanti. Ich hatte bei der Arbeit an meinem Buch zuvor den medialen Umgang mit den sogenannten "Abweichlern" der SPD im Zuge der Debatte um die Agenda 2010 analysiert. Damals wurden ja die hauptamtlichen Abwatscher bestimmter Medien losgeschickt, um diese paar SPD-Linken publizistisch einzukochen. Schon die Wortwahl war sehr erhellend - wie nassforsch da Abgeordnete zu verstockten Idioten und notorischen Querulanten herabgestuft wurden. Da wurde ein Exempel statuiert. Zumal dieses Grüppchen ja im Grunde kaum mehr als einen Zwergenaufstand probte. Doch immerhin hatten sich diese Leute geweigert, bei einer sogenannten Reform mitzumachen, die sie als politisch falsch erachteten. Was ja in einer Demokratie eigentlich dazugehört. Im Fall Ypsilanti fand nun das genaue Gegenteil statt: Hier wurden die abtrünnigen Sozialdemokraten zu Lichtgestalten emporgejubelt, zu Rettern des Abendlandes vor der rot-rot-grünen Gefahr. Das hatte streckenweise schon unfreiwillig komische Züge.
Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die gesamte Presse so negativ über Frau Ypsilanti berichtet hat? Der Tatbestand des Wortbruchs kann es kaum sein. Schließlich hat auch so mancher andere Sozialdemokrat zwischen 1998 und 2005 nicht nur jedes seiner Wahlversprechen gebrochen, sondern sogar das Gegenteil des Angekündigten getan. Nach den Maßstäben, welche die Presse bei Frau Ypsilanti angelegt hat, hätte sie diese Leute schlicht und einfach in der Luft zerreißen müssen...
Tom Schimmeck: Sicher. Und Ypsilanti hatte zwei zentrale Dinge versprochen: Schluss mit der Politik von Roland Koch und keine Koalition mit der Linken. Nach der strikten Weigerung der FDP, mit der SPD ein Bündnis einzugehen, konnte Ypsilanti gar nicht anders, als eines ihrer beiden Wahlversprechen zu brechen. Anfangs allerdings hatte sich Andrea Ypsilanti wahnsinnig ungeschickt angestellt. Wobei hinzukam, dass der Intrigantenstadl in der Berliner SPD-Führung massiv gegen sie feuerte. Schon weil die Herren die Chance witterten, bei der guten Gelegenheit auch gleich Parteichef Kurt Beck loszuwerden. Was ja auch gelang. Aber Ypsilanti erkannte ihre unbeholfene Stolperei letztlich, organisierte in einem zweiten Anlauf eine breite Diskussion und Willensbildung innerhalb der SPD, auf Parteitagen und in unzähligen Gesprächen. In der Partei war sie damit erfolgreich.
Nur öffentlich nützte ihr das nichts, weil die Medien sie weiter auf den "Wortbruch" festnagelten. Da wurde ein durchschnittlich komplexer politischer Zusammenhang von allen beteiligten medialen Akteuren auf einen Strang reduziert. Das Resultat war Propaganda mit gravierenden politischen Folgen. Noch eine Pointe: Der Politik-Chef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Volker Zastrow, der die vier Ypsilanti-Abweichler zunächst zu Heroen gegen die heranrückenden Russen in den teutonischen Olymp hochgejubelt hatte, legte später, nach der Wiederwahl seines Favoriten Koch, einen Roman vor, in dem er sie fein säuberlich demontierte. Für diesen Roman, in dem Zastrow die eigene Rolle mit keinem Wort thematisiert, wurde er wiederum in der Süddeutschen Zeitung beinahe für den Nobelpreis vorgeschlagen.
Sie schreiben in Ihrem Buch, dass man in den Medien sogar komplette Lügen behaupten kann, die selbst dann noch wirksam bleiben, wenn sie längst widerlegt sind. Wie beurteilen Sie diesbezüglich die Berichterstattung zum Kosovokrieg in den deutschen Medien?
Tom Schimmeck: Über die Kosovo-Berichterstattung weiß ich zuwenig. Generell gilt wohl die alte Weisheit, dass im Krieg zuerst die Wahrheit stirbt. Kriegsthemen kann man journalistisch nur mit großem Aufwand realisieren: Sie müssen vor Ort sein, unter widrigsten Bedingungen, und sich lösen von Gastgebern und Begleitern sämtlicher Militärstäbe etc. Also, eine seriöse eigene Berichterstattung können sich nur ganz wenige Medien überhaupt leisten.
Das ist aber nicht mein zentraler Punkt. Ein Schlüsselerlebnis ganz am Anfang der Buchrecherche war für mich eine Reise nach Washington. Ich fuhr da hin, um zu sehen, wie moderne PR und Propaganda wirklich funktionieren. Dagegen ist hier noch alles eher Kindergarten. In Washington und New York residieren milliardenschwere Unternehmen, die Regime und Konzerne aller Art beraten und deren Interessen und Ansichten weltweit in die Medien pushen. Im kurzen Krieg um die kleine georgische Provinz Süd-Ossetien zum Beispiel waren auf allen Seiten mehr als ein halbes Dutzend PR-Agenturen am Start, zumeist US-amerikanische. In Washington besuchte ich meine Lieblingsstimme vom National Public Radio, Robert Siegel, ein Mann der seit Ewigkeiten dort sitzt und enorme Erfahrung hat. Ich fragte ihn, was heutzutage denn anders sei. Der sprach genau diesen Satz: "Früher war es üblich, dass die Leute aufhören, wenn sie beim Lügen erwischt wurden, heute machen sie einfach weiter."
Der Vietnam-Krieg wurde seinerzeit auch über die Medien verloren. Meinen Sie, dass das heutzutage noch passieren könnte?
Tom Schimmeck: Ich denke schon. Beim Irak-Krieg allerdings haben die US-Medien anfangs ziemlich versagt. Aber das Ganze ist ja kein linearer Verfallsprozess, es gibt immer Wellenbewegungen. Und auch die Amplitude der Erregung scheint immer größer zu werden. Unlängst konnten wir das am Beispiel Barack Obama erleben, den Medien anfangs als Gottessohn und Heilsbringer priesen und später in Windeseile zum Kaspar herabstuften. Um ihn sodann erneut kräftig aufsteigen zu lassen, als er ein paar Erfolge verbuchte. Gerade in der amerikanischen Öffentlichkeit sind unglaublich starke Emotionen im Spiel. Propaganda hat immer mit Emotionen gearbeitet, heute macht sie das geschickter denn je. Aber Emotionen sind auch äußerst volatil. Ein Berlusconi zum Beispiel herrscht via Emotion. Eigentlich eine sehr gefährliche Entwicklung.
Und wenn Sie sich die Berichterstattung in den deutschen Medien über Weltwirtschaftskrise am Beispiel Griechenlands ansehen: Können Sie hier eine Einflussnahme der Medien ausmachen?
Tom Schimmeck: Ich glaube, viel problematischer als die Einflussnahme von Seiten der Medien ist der Sachverhalt, dass in Deutschland nur noch ganz wenige Leute die Komplexität der Finanzkrise wirklich durchblicken. Ich würde mir wünschen, dass Medien viel mehr Elan aufbringen, die Zusammenhänge aufzuzeigen, sie zu erklären und dann eine Meinung dazu entwickeln. Unser Problem ist also weniger Einflussnahme als die Nicht-Einflußnahme, die Nicht-Kritik.
Fehlt es hier den Journalisten und Redakteuren am Know-how?
Tom Schimmeck: Auch. Und manchmal am Willen. Außerdem haben sie meist kaum Zeit für Zusammenhänge. Bei dem Salär, das etwa freie Journalisten oft bei Wirtschaftstageszeitungen bekommen, kann man außerdem wohl sagen: Recherche wird bestraft. Das ist ein strukturelles Problem. Man muss für guten Journalismus, für fundierte Durchleuchtung, für einen Mitarbeiterstab, der über genug Zeit und Know how verfügt, Dinge zu beobachten, zu analysieren und zu interpretieren, einfach gutes Geld auf den Tisch legen. Das aber kapieren die Rechenschieber in den Verlagen leider oft nicht!
Wenn Sie an die Presselandschaft in 20 Jahren denken: Geht es noch dümmer als heutzutage?
Tom Schimmeck: Die Presselandschaft in 20 Jahren? Keine Ahnung! Vielleicht wird in 20 Jahren das letzte Printprodukt in einem Schrein verwahrt und an einem Feiertag von ein paar Jüngern des gedruckten Wortes umtanzt! Vielleicht aber sind wir in 20 Jahren auch schlauer denn je. Ich sehe die Entwicklung nicht so pessimistisch: Ich lebe auf dem Dorf, aber ich kann dank moderner Technologie jeden Morgen die New York Times oder den Sydney Morning Herald lesen, wenn mir danach ist. Ich kann mir zwei Millionen wissenschaftliche Arbeiten per Knopfdruck ansehen und mit den Autoren über Email in Verbindung treten.
Um einmal zurück zu gucken: Wir haben in den letzten 20 Jahren enorm an Potential gewonnen. Zumindest theoretisch sind wir der Aufklärung jetzt näher denn je. Das Problem ist nur, dass dieses tolle Internet die Ökonomie der bisherigen Medien - die der guten leider mehr als die der schlechten - derzeit über den Haufen schmeißt. Da müssen wir neue Wege finden, um Aufklärung zu organisieren, ein neues Fundament schaffen für Medien, die gute Ressourcen und den freien Willen haben, gesellschaftliche Prozesse zu begleiten und einen Standpunkt einzunehmen. Wenn das gelingt - und es muss gelingen, weil sonst Demokratie nicht funktioniert -, haben Medien eine große Zukunft. Und auch Journalisten. Denn mit der sagenhaften Fülle verfügbarer Information wird das Sichten, Sortieren und Bewerten wichtiger denn je.
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