Recht auf Leben mit gesunden Mikroben?

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US-Wissenschaftler sehen den Zugang zu die Gesundheit förderlichen Mikroben als Symptom der Ungleichheit an

Wer arm ist, hat eine mitunter deutlich geringere Lebenszeit, ernährt sich schlechter, erwirbt meist eine geringere Ausbildung, lebt in weniger schönen Häusern und Umgebungen und kann sich natürlich vieles nicht leisten. Wissenschaftler von der University of Oregon haben nun auch einen "Zugang zu Mikroben" in ihrem Beitrag für PLoS Biology ausgemacht, der Arme von Reichen unterscheidet. Das ist schlicht eine Folge des Zugangs zu frischen Lebensmitteln, guter Luft und gutem Wasser, vor- und nachgeburtlicher Bedingungen und gesunden Wohnverhältnissen.

Bakterien seien ein integraler Bestandteil der Gesundheit. Ohne die zahlreichen Mitbewohner des Körpers, vor allem ohne die bakteriellen Symbionten, wäre unser Körper nicht lebensfähig, auch wenn zumindest auf der Oberfläche des Körpers der Trend vorherrscht, die Lebensnischen wie Haupt-, Achsel- und Genitalhaare zu entfernen, durch häufiges Waschen das Leben auf der Haut, aber auch im Mund, in den Ohren oder an/in den Geschlechtsteilen auszumerzen und damit auch Quellen des bakteriell produzierten Körpergeruchs auszumerzen, der zudem mit Deodorant und Parfüm übertönt wird.

Täglich treffen wir zusätzlich zu den Milliarden von Mikroben, die auf und in unserem Körper leben, auf Zigmilionen Bakterien, Viren, Pilze, Archaea und Protozoen. Je nachdem, wie und wo wir leben, ist die Gemeinschaft der Mikroben eine andere. Menschen haben ein individuelles Mikrobiom, an dem sie sich erkennen lassen. Soziale Ungleichheit, die sich an medizinischen Bedingungen der Gesundheit oder Krankheit festmacht, ist, so die These, gebunden an die An- oder Abwesenheit von Mikroben. Und die Reichen begegnen weniger schädlichen Mikroben und sind auch Wirte, die weniger schädliche oder mehr nützliche Mikroben beherbergen. Der Zugang zu den gesundheitsfördernden Mikroben sei ein Menschenrecht, sagen die Autoren.

Das fängt schon im Mutterleib an, wo die Grundlagen für die Besiedlung mit Mikroben vor allem im Darm und die Entwicklung des Immunsystems gelegt werden. Bei der Geburt werden die Babys gewissermaßen durch Aussetzung an die Mikroben der Mutter geimpft, während sie beim Kaiserschnitt Mikroben von anderen ausgesetzt werden, was zu erhöhtem Risiko von Autoimmunerkrankungen oder Asthma führen kann, das auch bei Kindern aus niedrigen sozioökonomischen Schichten zu sehen ist. Auch Stillen mit Muttermilch führt andere Bakterien mit sich, als wenn mit Trockenmilch gefüttert wird. Muttermilch schützt vor Allergien, Asthma und Immunstörungen und hat viele andere gesundheitliche Vorteile.

Und das geht weiter mit der Ernährung - schlechte Ernährung senkt die Artenvielfalt im Darm und trägt angeblich etwa zur Fettleibigkeit oder psychischen Störungen bei - oder dem Leben in Wohngebieten mit fehlenden Grünflächen und unhygienischen Gebäuden. Letztlich hat unsere Lebensweise und Lebenswelt Einfluss auf die Mikroben, die in und auf uns leben und denen wir gehäuft begegnen. Insofern äußert sich soziale Ungleichheit nicht beim Einkommen, der Wohnlage, der Gesundheitsvorsorge, der Bildung, der Ernährung etc., sondern auch im Hinblick auf die Bakteriengemeinschaften. Aber diese Erkenntnis ändert eigentlich nicht viel, sondern fügt nur noch einen Aspekt an, um die Folgen der Armut zu erklären. Die Wissenschaftler erklären die Folgen ihres Ansatzes so:

Wir können nicht, dass wir unsere Mikroben so besitzen, wie wir ein angeborenes Recht auf den Besitz unserer biologischen Gewebe haben. Mikroorganismen sind zu unnachgiebig dafür. Wenn wir sie nicht besitzen, dann haben wir vielleicht ein Recht darauf, einen Zugang zu Mikroorganismen zu haben und sie zu verwenden, ähnlich wie wir ein Recht auf einen Zugang auf natürliche Umgebungen und die öffentlich geteilten Umweltressourcen haben, die wir zum Leben brauchen.

Weil "Zugang" die Grundlage für Ungleichheit sei und wenn der Zugang zu einer gesunden Umwelt eine rechtliche Verpflichtung sei, müsse auch der Zugang zu Mikroorganismen eine gesellschaftliche Verpflichtung werden. Aber da geht es nicht um die Zuführung der Mikroorganismen, die als gut erachtet werden, sondern eigentlich um die Schaffung einer Lebenswelt, die die Folgen der Ungleichheit, beispielsweise die unterschiedliche Lebenserwartung, ausgleicht. Dann würden sich auch die erwünschten Mikrobengemeinschaften einstellen. Aber wenn es ein Recht auf ein gesundes Leben gibt, was etwa das Recht auf eine gute Luftqualität einschließt (Florian Rötzer)