Recht auf den natürlichen Tod

Nach einem britischen Gerichtsurteil haben Patienten das Recht auf künstliche Ernährung, das Gesundheitsministerium legte Einspruch ein und warnt vor den Folgen

Wenn es um Schwerkranke geht, die zum Weiterleben auf Apparate und/oder künstliche Ernährung angewiesen sind, diskutiert man in aller Regel darum, unter welchen Umständen und wie Sterbehilfe, auch aktive, gewährt werden darf. In dieser Problemstellung ist impliziert, dass ohne eine legale Sterbehilfe der Patient auch über Jahre hinweg mit Apparaten oder auch nur mit einer Magensonde am Leben erhalten werden muss. Ein aktueller Rechtsfall in Großbritannien kehrt das Problem aber nun um. Ein Patient mit einer schweren Gehirnerkrankung fordert nicht das Recht auf Sterben, sondern das Recht auf unbegrenzte Anwendung lebensverlängernder Maßnahmen. Das britische Gesundheitsministerium will dies nicht akzeptieren.

Leslie Burke ist 45 Jahre und leidet an der zerebellaren Ataxia, einer degenerativen Schädigung des Kleinhirns, die zu Störung von Muskelgruppen führt. Burke kann bereits nicht mehr gehen und ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Sein Körper führt gelegentlich unkoordinierte Bewegungen aus und auch das Sprechen ist bereits von der Krankheit beeinträchtigt, die aber seine geistigen Fähigkeiten nicht betrifft. Vermutlich wird er irgendwann nicht mehr Essen und Trinken zu sich nehmen können und auf künstliche Ernährung angewiesen sein. Letztes Jahr hatte er den Prozess gewonnen. Nach dem Gerichtsentscheid muss jedes Krankenhaus einen Patienten unbegrenzt bis zum Koma künstlich ernähren, wenn dieser in einer gültigen Form und bei voller Zurechnungsfähigkeit seinen Willen kundgetan hat. Eine Verletzung dieses Patientenwillens verstoße gegen die Europäische Menschenrechtskonvention.

Burke hatte gegen die Möglichkeit Klage eingelegt, dass nach den Richtlinien des General Medical Council (GMC) unter bestimmten Bedingungen auch bei Patienten, die nicht kurz vor dem Tod stehen, aber sich nicht mehr äußern können, die künstliche Ernährung eingestellt werden kann. Damit versuchte er sicher zu stellen, dass die Ärzte oder ein Krankenhaus nicht irgendwann die Entscheidung treffen können, in seinem angeblichen Interesse die künstliche Ernährung einzustellen, sondern er eines natürlichen Todes sterben kann.

Where death is not imminent, it usually will be appropriate to provide artificial nutrition or hydration. However, circumstances may arise where you judge that a patient's condition is so severe, and the prognosis so poor that providing artificial nutrition or hydration may cause suffering, or be too burdensome in relation to the possible benefits. In these circumstances, as well as consulting the health care team and those close to the patient, you must seek a second or expert opinion from a senior clinician (who might be from another discipline such as nursing) who has experience of the patient's condition and who is not already directly involved in the patient's care. This will ensure that, in a decision of such sensitivity, the patient's interests have been thoroughly considered, and will provide necessary reassurance to those close to the patient and to the wider public.

Withholding and Withdrawing Life-prolonging Treatments: Good Practice in Decision-making

Das Gesundheitsministerium hat gegen das Urteil Widerspruch eingelegt. Nach Ansicht des GMC können entscheidungsfähige Patienten bestimmen, welche medizinische Maßnahmen sie akzeptieren. Die Ärzte hätten hingegen die Aufgabe, die medizinisch geeigneten Maßnahmen auszuwählen, um den Bedürfnissen des Patienten zu genügen. Würden die Patienten wie im Fall von Burke aber das Recht erhalten, bestimmte Maßnahmen verlangen zu können, so würde dies die Ärzte in eine unmögliche Position bringen. Sie müssten beispielsweise auch Behandlungen ausführen, die nach ihrer Sicht den Bedürfnissen des Patienten nicht ent- oder diesen widersprechen.

Philip Sales erklärte als Vertreter des britischen Gesundheitsministeriums vor dem Berufungsgericht nun, dass nach dem Urteil ein Patient nicht nur das Recht auch auf eine für ihn ungeeignete, eine ungeprüfte oder sehr teure medizinische Behandlung erlangen kann, sondern dies auch zu einer "ineffizienten – und ungerechten – Verwendung der Mittel des öffentlichen Gesundheitsdienstes" führt. Großbritanniens öffentliches Gesundheitssystem wird ganz von Steuergeldern finanziert. Alle Briten sind hier kostenlos versichert. Die Folge ist, dass es beispielsweise lange Wartelisten für Operationen und nur relativ wenige Krankenhausbetten auf Intensivstationen gibt. Während es hier vier Betten pro 100.000 Einwohner vorhanden sind, sind es in den USA 24 und in Deutschland 25. (Florian Rötzer)

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