Rechts um nach Eurasien?

Der russische Soziologe Alexander Dugin zu Gast bei Burschenschaftern

Zur "Ideenwerkstatt" hatte wieder einmal die Deutsche Burschenschaft Normannia-Nibelungen eingeladen, nach Bielefeld, einer Stadt, von der mitunter behauptet wird, es gäbe sie gar nicht. Was aber nicht zutrifft, denn immerhin waltete dort Niklas Luhmann, ein international hochgeschätzter Soziologe, seines Lehramtes an einer Universität. Einen anderen Soziologen, auch der hat Prominenz, konnten jetzt die Normannen-Nibelungen präsentieren: Alexander Dugin, Professor an der Moskauer Staatsuniversität, einflussreicher Publizist und Politikberater; dem Vernehmen nach findet er auch Gehör beim russischen Staatspräsidenten.

Dugin ist, nachdem er seine wilden Jahre als Anführer der russischen "Nationalbolschewisten" hinter sich hat, Cheftheoretiker der "Eurasischen Bewegung", die einen von Russland angeleiteten östlichen politischen "Großraum" propagiert, als Gegenmacht zur globalen Hegemonie der USA.

Dass der Mann aus Moskau in die deutsche Provinz kam, wird die Bielefelder Burschenschaft ihrer Vernetzung in der neurechten Szene zu verdanken haben, etwa mit dem "Institut für Staatspolitik" und der Zeitschrift "Sezession" sowie dem Internetmagazin "Blaue Narzisse".

Dugin knüpft an die Ideenwelt der deutschen "konservativen Revolutionäre" in den 1920er Jahren an, Martin Heidegger ist sein Lieblingsphilosoph, und er beruft sich auf Karl Haushofer, den Verfechter der "Geopolitik", bei dem auch der Nationalsozialismus gedankliche Anleihen aufnahm. "Eurasien" ist für Dugin zugleich das alternative Gesellschaftsmodell zum westlichen Liberalismus, den er für ein Grundübel der Moderne hält. Und die Bundesrepublik erscheint ihm als ein machtpolitisch und weltanschaulich "besetztes Land", das sich durch Ostorientierung aus diesen Fesseln lösen müsse.

Diese Idee hat offenbar den Burschenschaftern gefallen, und nicht nur ihnen - für extrem rechte Magazine in der Bundesrepublik ist Dugin seit kurzem ein begehrter Interviewpartner. Die aktuelle Situation , so meint man dort, erzeuge Interesse für sein "eurasisches" Angebot. Der Verdruss über die arroganten Praktiken der US-amerikanischen Machtelite ist groß, und auf dem europäischen Kontinent herrscht Krisenstimmung, das nordatlantische Politiksystem hat seinen Glanz verloren. Deutsche Nationalisten auf dem Weg zum Bündnis mit großrussischen, Abschied vom "Westen"?

Sicherlich hat eine "eurasische Bewegung" keine Chance, bei den Bürgern und Bürgerinnen der Bundesrepublik Massenanhang zu gewinnen, als Ironie der Geschichte steht dem auch entgegen: Antirussisches Ressentiment hat sich aus Zeiten der deutschen "alten Rechten" und des Nationalsozialismus weiter vererbt. Aber so einer wie Dugin hat mit seinem Ideenvorrat für die Neue Rechte hierzulande Gebrauchswert: Zum Zwecke der Verwirrung politischer Gemüter. Diese ist dann nutzbar auch für andere Varianten eines autoritären und "standort"-nationalistischen Gesellschaftsbildes.

Übrigens liegt inzwischen Alexander Dugins jüngstes Werk, seine "Vierte politische Theorie", auch in deutscher Übersetzung vor. In der Einleitung wird diese Schrift bezeichnet als "Kampfmanual für den kulturellen Guerillakrieg", daraus wird dann einhundertfünfzig Seiten weiter eine Anweisung für den "globalen Kreuzzug gegen den Liberalismus". Am Ende begibt Dugin sich ins Esoterische, von der "Angelomorphose" ist die Rede und von der Vision eines "Endkampfes, worin Engel notwendigerweise eine Rolle spielen". Da werden selbst schlagende Burschenschafter nicht mithalten können. (Arno Klönne)

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