Rechtskonservative Politiker sollen besser aussehen

Mike Pence, Kamala Harris. Bilder: U.S. Federal Government (2017)

Nach einer Studie entscheiden sich politisch uninformierte rechte Wähler für den schöneren Kandidaten, der durch sein Aussehen auch rechte Gesinnung markiert, bei linken Wählern und solchen, die politisch informiert sind, spielt das Aussehen keine entscheidende Rolle

Wer sieht besser aus: Donald Trump oder Joe Biden? Mike Pence oder Kamala Harris? Und ist Olaf Scholz schöner als Friedrich Merz, Armin Laschet oder Norbert Röttgen? Und wer unter den drei CDU-Kandidaten für den Parteivorsitz und eine mögliche Kanzlerkandidatur sieht besser aus? Und könnte er dem Aussehen nach Markus Söder schlagen? Kann man heute überhaupt noch sagen, wer ein linker und wer ein rechter Politiker ist? Ist es entscheidend, ob jemand bei den Republikanern oder den Demokraten, in Deutschland bei der SPD, der CDU oder den Grünen ist?

Wissenschaftler aus Schweden und Deutschland wollen nun festgestellt haben, wie sie in ihrer im Journal of Public Economics erschienenen Studie schreiben, dass konservative Politiker in Europa, den USA und Australien durchschnittlich nach Portraitaufnahmen von einer Mehrzahl der Menschen "schöner" beurteilt werden und deswegen auch eher gewählt würden. Vor allem würde dies dann Vorteil sein, wenn die Wähler kaum weitergehende Informationen über die Person und deren politisches Programm haben und sich nach dem visuellen Eindruck entscheiden. Das sind etwa Menschen mit geringem politischem Wissen, die sich vor allem über Fernsehen informieren.

Besser aussehende Politiker sollen eher konservativ sein

Die Wissenschaftler verweisen auf andere Studien, die belegen, dass Politiker, die vom Aussehen als schöner oder attraktiver gelten, in Wahlen erfolgreicher sind. So wurden auch Fotos von Politikern manipuliert, was eine Vorhersage ermöglicht, ob diese in Wahlexperimenten gewinnen oder verlieren.

Unbekannt sei aber bislang, welche politischen Folgen die Wahlentscheidung nach der Ästhetik hat. Um das zu untersuchen, gingen die Wissenschaftler davon aus, dass schönere Menschen gemeinhin nach Untersuchungen mehr verdienen und dass Menschen mit höherer Lebenswartung, die reicheren Schichten angehören, wenig geneigt sind, den gesellschaftlichen Reichtum umzuverteilen. Zudem sind schönere Menschen, die eher wohlhabender sind, auch zufriedener mit der Gesellschaft und daher weniger kritisch sowie optimistisch. Sind also reichere Menschen für den allgemeinen Geschmack besser aussehend und verfolgen besser aussehende Politiker eine Politik für die Reichen, gerade wenn sie viel von Menschen gelesen werden, die über wenig politisches Wissen verfügen und nach dem Anschein gehen? Wählen mitunter Teil der Unterschicht deswegen rechts, weil sie von der Ästhetik verführt werden, eigentlich gegen ihre Interessen zu handeln?

Weil man direkte Konkurrenten, deren Ansehen negativ miteinander verbunden ist, nur schwer darauf prüfen könne, ob sich Menschen vor allem wegen ihres Aussehens für oder gegen sie entscheiden, untersuchten die Wissenschaftler Gemeinde (2004)- und Parlamentswahlen (2003) in Finnland. Erstere sind für sie informationsarme mit geringer Medienresonanz und letztere informationsreiche Wahlen. In Finnland seien die Gemeindewahlen optimal, weil mehrere Parteien auch mit parteiinterner Konkurrenz durch die Möglichkeit, einzelne Politiker zu wählen, in einem Verhältniswahlrecht antreten und die Wähler relativ wenig oder nichts über die Kandidaten wissen, aber auf dem Wahlzettel die Politiker aber mit einem Porträtbild vertreten sind. Auch innerparteilich lassen sich mehr links und mehr rechts zuneigende Politiker erkennen. Um Bekanntheit möglichst auszuschließen, wurden nur Kandidaten berücksichtigt, die erstmals antreten. Die "Schönheit" eines Kandidaten wird davon abgeleitet, wie er von Versuchsteilnehmern aus einer Skala von 1 (sehr unattraktiv) bis 5 (sehr schön) eingestuft wird.

Bei den Parlamentswahlen erhielten linke und rechte Politiker gleichermaßen einen Schönheitsbonus. Ein Punkt auf der Skala mehr, bringt 12-14 Prozent mehr Stimmen ein. Bei den Kommunalwahlen, die nach Maßgabe der Wissenschaftler informationsarm sind, erzielten die "schöneren" rechten Kandidatenjedoch deutlich mehr Stimmen als die linken, was auch heißen müsste, dass sich die linken Wähler weniger stark nach dem Aussehen entscheiden.

Bei Politikern aus Australien, Finnland, dem Europäischen Parlament und den USA wurden rechte Poltiker aufgrund von Fotos eher als schöner als linke beurteilt. In Finnland leitet sich daraus für die Rechten auf kommunaler und nationaler Ebene ein "Schönheitsvorteil" von 41 Prozent, im EU-Parlament von 25 Prozent, im australischen Parlament von 31 Prozent und im US-Senat von erstaunlich wenigen 14 Prozent ab.

Schönheitsbonus verbunden mit uninformierter Entscheidung

Auch nach anderen Untersuchungen zeigt sich, dass dann, wenn Wähler politisch uninformiert sind, der Schönheitsbonus stärker den rechten Kandidaten verschiedener oder innerhalb von Parteien zugutekommt: "Uninformierte Wähler auf der rechten Seite schätzen Schönheit als solche und als Zeichen für Konservativismus. Uninformierte Wähler auf der linken Seite schätzen gleichfalls Schönheit als solche, aber ihre Verbindung mit dem Konservativismus schränkt diese Wirkung ein." Linke Wähler, die wenig politisches Wissen haben und nach dem Aussehen gehen, würden demnach bei schöneren Politiker stärker misstrauisch werden. Jedenfalls nimmt mit dem politischen Wissen das Gewicht der Schönheit ab und gleichen sich die Wahlentscheidungen von linken und rechten Wählern einander an.

Die Wissenschaftler gingen auch der Frage, warum Schönheit, die eher auf der rechten Seite zu finden ist, tatsächlich auch als Zeichen für Konservativismus gilt. Dazu wurden Versuchspersonen Bilder von Abgeordneten aus Australien und dem EU-Parlament sowie von Kandidaten aus den USA vorgelegt, um auf einer Skala von 1-10 anzugeben, ob sie diese für links oder rechts halten. Das geschah überwiegend korrekt. Um zu sehen, ob dabei die wahrgenommene Schönheit eine Rolle spielte, verglichen sie die Schönheitsbeurteilung anderer Versuchspersonen mit der ideologischen Einschätzung. Danach wurden schönere Politiker als weiter rechts eingeschätzt.

Rechte Politiker, die besser aussehen, haben, so die Wissenschaftler einen Vorteil bei Wahlen - und weil sich nach Volksmeinung mehr besser aussehende Politiker bei den Rechten oder Konservativen finden, haben auch rechte Parteien einen Vorteil - auf jeden Fall bei politikfernen Schichten. Politikferne Rechtswähler entscheiden sich stärker für gut aussehende rechte Politiker. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass sie Schönheit als Hinweis auf konservative oder rechte Ideologie sehen.

Nicht beantwortet wird, ob nicht politikferne Wähler sich stärker für "schönere" Politiker entscheiden, weil diese eben dem Massengeschmack oder der Norm entsprechen und daher vielleicht Schönheit eher ein Zeichen für die Nicht-Abweichung darstellt als für Politiker, die, weil sie gut aussehen, weniger für sozialstaatliche Politik eintreten. Und ist der Schönheitsbonus deswegen bei uninformierten linken Wählern geringer, weil sie intuitiv eine gerechtere Gesellschaft mit einer geringeren Kluft zwischen Arm und Reich wollen und sich damit eher für weniger gut aussehende Menschen entscheiden? Oder ist er geringer, weil das Aussehen nicht als so wichtig beurteilt wird?

Sind wichtige bzw. mächtige rechte Politiker wie Präsidenten oder Regierungschefs eigentlich sonderlich gut aussehend? Man sollte beispielsweise meinen, dass hier Biden einen kleinen Schönheitsbonus gegenüber Trump haben könnte, denn dieser wiederum durch Massivität ausgleichen könnte. In der CDU-Riege sollte eigentlich Friedrich Merz nach dem Schönheitsbonus wenig Chancen haben. Oder würde man ihn als gut aussehend einschätzen. Gemeinhin dürfte Röttgen als der am besten aussehende Kandidat der drei gelten, aber schwer vorstellbar, dass er deswegen gewählt würde. (Florian Rötzer)