Recycling argentino

Mitten in der schlimmsten Wirtschaftskrise des Landes beginnen die Einwohner von Buenos Aires plötzlich damit, ihren Müll zu trennen - nicht direkt aus ökologischen Gründen

In den Straßen von Buenos Aires zeigt sich seit Monaten jede Nacht dasselbe Bild: Horden von ärmlich gekleideten Männern Frauen, Kindern und Alten wandern die Bürgersteige ab, zerreißen die dort abgelegten Mülltüten und wühlen darin herum. Sie sind auf der Suche nach Papier, Pappe, Glas oder Metall. Recyclingmaterial ist in diesen Tagen wertvoll, denn es lässt sich zu Geld machen. Zwar sind die Preise, die von Großunternehmen für den Sondermüll gezahlt werden, lächerlich gering, doch bei 25 Prozent Arbeitslosigkeit haben die Menschen keine Wahl. Über 100.000 "Cartoneros", inoffizielle Altpapiersammler, gibt es inzwischen in Argentinien. Eine unmittelbare Folge der Krise.

Zum Leidwesen der Anwohner und zum Ärger der Politiker hinterlassen die nächtlichen Aktionen deutliche Spuren: Essensreste, Windeln und Stofffetzen bleiben oft tagelang am Straßenrand liegen, da die reguläre Müllabfuhr mit dem Einsammeln des verstreuten Abfalls nicht nachkommt. Nun soll in den Haushalten von Buenos Aires ab sofort der Müll getrennt werden, damit die "Cartoneros" nicht mehr so viel wühlen müssen. Seit Dienstag (1. Oktober) verteilt die Stadtverwaltung in Zusammenarbeit mit verschiedenen Supermarktketten sogenannte "grüne Tüten", Abfallsäcke für Papiermüll.

Die Deutschen haben das Mülltrennen erfunden. Natürlich. Wer sonst hätte sich das für alle anderen Europäer so verwirrende System von blauen, braunen, grünen, gelben und anderen Tonnen auch sonst ausdenken sollen? Während hierzulande jedes Kind alle nur erdenklichen Sorten von Müll identifizieren und einwandfrei dem richtigen Eimer zuordnen kann, beobachtet man im Ausland den Eifer, den die Deutschen beim Sortieren ihres Abfalls an den Tag legen, nur mit fassungslosem Unverständnis. Bislang war allen klar: Mülltrennen ist ein Wohlstandsphänomen und eine exklusiv deutsche Leidenschaft.

Das könnte sich jetzt ändern. Denn seit dieser Woche gibt es in auch Buenos Aires eine sogenannte "grüne Tüte". Es handelt sich dabei in Wirklichkeit um eine weiße Tüte. Grün ist nur die Aufschrift, die angibt, welche Abfälle die Argentinier in Zukunft aussortieren sollen. Nämlich "Papier und Pappe", wie in Großbuchstaben deutlich zu lesen ist. Eine genaue Beschreibung folgt in etwas kleinerer Schrift: Papierblätter, Zeitungen, Zeitschriften, Umschläge, Prospekte, Pappverpackungen, Pizza- und Zigarettenschachteln gehören ab jetzt in den Sondermüll. Über 15 Millionen Exemplare der Tüte wurden bereits hergestellt. Sie sind in Supermärkten und bei der Stadtverwaltung kostenlos erhältlich. Damit die Bewohner der Stadt die Empfehlungen auch tatsächlich richtig befolgen, sollen in den nächsten Wochen 350.000 Schüler jeder Altersgruppe in Mülltrennung unterrichtet werden.

Zwei Euro kann ein Müllsammler pro Nacht verdienen

Ausgerechnet Argentinien, der chaotische Pleitestaat übernimmt urdeutsche Sitten. Ein Land, das in den vergangen Jahren erfolglos versuchte, den Sprung in die Erste Welt zu schaffen und nun seit einigen Monaten unaufhaltsam in Richtung Dritte Welt abschlittert. Kann in einem solchen Land Mülltrennung überhaupt funktionieren? - Vielleicht ja. Denn hinter der "grünen Tüte" steht nicht der gutgemeinte Vorstoß einer realitätsfernen Ökotruppe, sondern ein ernsthaftes Problem, das die Gesellschaft unmittelbar betrifft.

Als Folge der andauernden Wirtschaftskrise ist über die Hälfte der argentinischen Bevölkerung unter die Armutsgrenze gerutscht. Jeder vierte Argentinier ist arbeitslos und seitdem auch der Mittelstand von der Krise geschüttelt wird, sind sogar die billigen Dienstleistungsjobs weggefallen. Vielen Armen bleibt nichts anderes übrig, als vom Müll anderer zu leben. Jede Nacht durchwühlen sie die Abfallsäcke in den Großstädten des Landes, auf der Suche nach wiederverwertbaren Materialien, die sie an Großunternehmer verkaufen können. Zwischen 5 und 6 Peso (umgerechnet weniger als zwei Euro) verdient ein inoffizieller Müllsammler pro Nacht. Damit es reicht, arbeitet oft die ganze Familie, von den Kindern bis zu den Alten.

"Cartoneros" gab es auch schon zu Beginn der Krise vor vier Jahren. Damals wurden sie allerdings kaum zur Kenntnis genommen, da sie nur die Müllplätze in ihrer Nachbarschaft, in den Elendsvierteln der Vorstädte, durchkämmten. Heute wagen sich die Müllsammler auch in die Stadtzentren und damit bis vor die Haustüren der Wohlhabenden und Reichen vor. Die Not ist gestiegen, ebenso wie die Nachfrage nach Papier und Pappe. Durch die Abwertung des Peso Anfang des Jahres haben sich die Preise für importiertes Altpapier verdreifacht. Sah man früher in Argentinien keine Notwendigkeit, sich selbst um Recycling zu kümmern, ist den Unternehmern die ausländische Abfall-Ware inzwischen zu teuer. 100 Millionen Dollar zahlten argentinische Firmen im vergangenen Jahr für Altpapier aus dem Ausland. Das ist jetzt im eigenen Land billiger zu haben.

Altpapiersammler ist daher in Argentinien der einzige Job, der in den vergangenen Monaten eine starke Zuwachsrate verzeichnen konnte. Laut einer Statistik des staatlichen Öko-Instituts CEAMSE, filtern die "Cartoneros" inzwischen 70 Prozent des gesamten recyclingfähigen Materials aus den Müllsäcken der Hauptstadt heraus. In Buenos Aires soll es allein zwischen 30.000 und 50.000 inoffizielle Müllsammler geben. Im ganzen Land wird ihre Zahl auf 100.000 bis 150.000 geschätzt. Genauere Zahlen können die Behörden nicht nennen.

Die grüne Tüte für die neuen Arbeiter

Wer nachts durch die Straßen von Buenos Aires schlendert, ist geneigt, die höheren Schätzungen für realistischer zu halten. Auf einen Spaziergänger kommen in manchen Vierteln über 50 "Cartoneros", die jüngsten von ihnen kaum älter als drei Jahre. Insbesondere vor den Filialen der Fast-Food-Ketten bilden sich kurz vor Ende der Öffnungszeiten riesige Menschentrauben. Denn einerseits fällt in den Schnellrestaurants besonders viel Papierverpackung an, andererseits wollen die meist jugendlichen Sammler letzte Hamburger- und Pommesreste aus dem Dreckhaufen ergattern. "Vor einem Jahr hat noch niemand Essensreste im Müll gesucht, aber heute ist das anders", sagt eine Passantin, die das Gezerre und Geprügel um den Fast-Food-Abfall von einer nahen Bushaltestelle aus betrachtet.

Die meisten Argentinier haben Mitleid mit den "Cartoneros". Doch viele ärgern sich auch über den liegengebliebenen Müll, der vom Wind in alle Richtungen verstreut wird. So traten in den letzten Monaten immer wieder Politiker auf, die versuchten, Stimmung gegen die Müllsammler zu machen. Im Juli forderte der Tourismusminister des Landes, Daniel Scioli, die eigenmächtigen Sortieraktionen zu verbieten, um die Stadt sauber zu halten und um die Touristen nicht zu verschrecken. Der Vorsitzende des Stadtteils La Boca nannte die Tätigkeit der "Cartoneros" sogar "verbrecherisch", da sie seiner Meinung nach den Müll "stehlen".

Inzwischen hat man in der Stadtverwaltung aber erkannt, dass die "Cartoneros" den Müll nicht durchwühlen, um die Politiker zu ärgern, sondern um zu überleben. Solange die Menschen nichts zu essen haben, lassen sie sich auch von Verboten nicht abschrecken. Daher heißt die Devise jetzt Pragmatismus und Solidarität. So richtete das Gesundheitsamt vor einigen Wochen an verschiedenen Bahnhöfen Impfstationen ein, an denen sich "Cartoneros" einen kostenlosen Tetanus- und Dyphterie-Schutz besorgen können - denn viele Müllsammler durchsuchen den Abfall mit bloßen Händen und ohne Atemschutz.

Die "grüne Tüte" ist das zweite große Entgegenkommen der Stadt an die neue Arbeitergilde. "Das Ziel der Kampagne ist es, die Kultur der Stadtbewohner zu ändern. Wir wollen Solidarität mit den 'Cartoneros' schaffen und erreichen, dass wir alle eine aktive Rolle bei der Reinhaltung der Stadt übernehmen", erklärte der Regierungschef von Buenos Aires Aníbal Ibarra kürzlich vor der Presse. Wenn sich das System der Mülltrennung bei Papier und Pappe bewährt, sollen in einem nächsten Schritt auch für Glas und Aluminium Extra-Mülltüten produziert werden.

Ein weiteres Ziel der Stadt ist es, alle "Cartoneros" dazu zu bringen, sich offiziellen Kooperationen anzuschließen, um so eine Ausbeutung durch mafiöse Organisationen zu verhindern. Laut einer Umfrage des Markt- und Meinungsforschungsinstituts CEOP befürworten 80 Prozent der Einwohner von Buenos Aires die Kampagne. Gut ein Drittel von ihnen sieht die Solidarität mit den "Cartoneros" als wichtigsten Punkt des Programms an, 25 Prozent halten hygienische Gründe und die Sauberkeit der Straßen für wichtiger.

Ob alle diese Befürworter jetzt auch tatsächlich anfangen, ihren Müll trennen, kann noch niemand sagen. In der gleichen Studie äußerten über 50 Prozent der Befragten Bedenken, dass das Projekt tatsächlich funktionieren wird. Sie glauben, die Argentinier seien dafür zu ungebildet und zu bequem. (Caroline Mayer)