Reduktion der Emissionen könnte Klimaerwärmung verstärken

Smog über Ostchina. Bild: Jacques Descloitres, MODIS Rapid Response Team, NASA/GSFC

Norwegische Wissenschaftler sagen aufgrund von Simulationen, dass eine starke Minderung der menschengemachten Aerosole zum Überschreiten des 1,5-2-Grad-Ziels führen könnte

"Es gibt kein richtiges Leben im Falschen", hat einst der Philosoph Theodor W. Adorno notiert. Er könnte nicht nur in Bezug auf den Kapitalismus richtig gelegen haben, sondern auch angesichts der Klimaerwärmung. Das Problem spielte für Adorno noch keine Rolle, auch wenn neben der Vernichtungsorgie der deutschen Faschisten als Ergebnis der Aufklärung durchaus die Folgen der Naturzerstörung sich schon abzeichneten. Jetzt sagt eine Studie, dass die Verschmutzung der Atmosphäre dazu beiträgt, das Klima abzukühlen, während Versuche, die Emissionen zu reduzieren, erst einmal die Erwärmung beschleunigen könnten.

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Um die Klimaerwärmung auf 1,5 oder 2 Grad über dem globalen Durchschnittstemperatur des vorindustriellen Zeitalters zu beschränken, müssen die Treibhausgas-Emissionen drastisch reduziert und andere Luftreinhaltungsmaßnahmen umgesetzt werden. Dabei würden auch die von Menschen stammenden Emissionen von Aerosolen wie Rauch, Asche oder Stäube stark reduziert. Das aber könnte einen gegenteiligen Effekt haben und die Klimaerwärmung verstärken, geben norwegische Wissenschaftler vom CICERO (Center for International Climate Research) zu bedenken.

In der Studie, die in den Geophysical Research Letters veröffentlicht wurde, kommen sie aufgrund von Simulationen zu dem Schluss, dass dann, wenn anthropogene Aerosole, die vor allem durch Industrie und Verkehr entstehen, nicht mehr in die Atmosphäre gelangen, die Klimaerwärmung um zusätzlich 0,5 bis 1 Grad Celsius ansteigen könnte. Die Gefahr besteht also, dass Klimaschutzmaßnahmen gerade dazu führen könnten, dass die globale Temperatur deswegen über die aufgrund politischer Unentschlossenheit allerdings vermutlich sowieso nicht erreichbaren Klimaziele überschreitet. Da jetzt die Klimaerwärmung bereits 1 Grad erreicht hat, könnten zusätzliche 0,5 Grad aus unbeabsichtigten Nebenwirkungen zu riskanten Folgen führen, sofern die Szenarien der Klimawissenschaftler richtig sind.

Die Reduzierung der im Übrigen auch gesundheitsschädlichen anthropogenen Aerosole dürften nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler erhebliche regionale Veränderungen mit sich bringen. Im Unterschied zu anderen Treibhausemissionen wie CO2 sammeln sie sich nicht in der Atmosphäre an, sondern sie haben vor allem lokale und unmittelbare Folgen und beeinflussen die Niederschläge und andere Wetterphänomene. So werden in Ostasien gegenwärtig am meisten Aerosole emittiert, was zu gewaltigen Smogwolken führt. Würden diese dort entfallen, ginge es den Menschen zwar besser, aber es käme vermutlich zu einer Zunahme der Niederschläge und der Extremwetterereignisse, was auch Folgen für die gesamte nördliche Halbkugel haben könnte.

Die Erkenntnisse sind nicht neu. Man weiß seit langem, dass Aerosole wie Sulfate die Sonneneinstrahlung verringern und deswegen zur Klimaabkühlung führen. Vulkanausbrüche haben diesen Effekt, gewaltige Ausbrüche können vorübergehend zu einem Temperaturabfall oder gar zu einem Wintereinbruch führen. So wurde bereits im Rahmen von Geoengineering-Ideen vorgeschlagen, Aerosole wie Schwefel- oder Aluminiumdioxid in großen Massen in die Atmosphäre zu blasen, um die Klimaerwärmung zu stoppen, indem durch die Partikel Sonnenstrahlung reflektiert würde und nicht auf die Erde käme.

Sollten die Simulationen zutreffen, so hat die Luftverschmutzung bislang auch dazu beigetragen, die Klimaerwärmung zu verlangsamen, die ohne diese schon jetzt bereits höher wäre. Wenn die Luft sauberer würde, was auch Geoengineering wäre, steigt die Erwärmung an. Unklar bleibt bei den Simulationen, wie schnell das geht. Zudem ist höchst unwahrscheinlich, dass global die Abgabe von anthropogenen Aerosolen auf Null geht. Überdies muss die Einschränkung der CO2-Emissionen nicht mit der von Aerosolen parallel laufen.

Die Studie macht vor allem wieder einmal klar, dass Eingriffe immer Nebenwirkungen haben, dass Handlungen, so gut sie gemeint sein mögen, zu unbeabsichtigten Folgen führen können. Retter können sich die Hände schmutzig machen, auch wenn dies bei den Apathischen noch schlimmer ist, von den Befürwortern der Dreckschleudern ganz abgesehen. Adornos Diktum müsste man entsprechend umformulieren: "Es gibt kein Verhalten, dass alles richtig macht." Aber es gibt natürlich besseres oder richtigeres Verhalten und schlechteres Verhalten. (Florian Rötzer)

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