Reise ins Ungewisse

Die Kreaturen des Comiczeichners Michel Gagné machen den "Insanely Twisted Shadow Planet" unsicher

Michel Gagné ist ein selbsterklärter Nicht-Gamer. "Ich besitze nur armselige Kenntnisse von der Materie", sagte der Kanadier unlängst in einem Interview, "das letzte Spiel, das ich gespielt habe, war die erste Doom-Version Anfang der neunziger Jahre." Gagné, der nicht zuletzt dank seiner Animationen für Warner Bros., Disney und Pixar einen ausgezeichneten Ruf genießt, hielt sich gestalterisch lange von der Videospielwelt fern.

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Den Wendepunkt bildet eine Reihe animierter Kurzfilme, die Gagné im Jahr 2005 für das "Halloween Shriekin’ Weekend" des Kindersenders Nickelodeon entwarf: Die Insanely Twisted Shadow Puppets weckten die Aufmerksamkeit von Joe Olson, dem Chef des Indie-Studios Fuellcell Games. Olson schlug Gagné eine Zusammenarbeit vor, der Zeichner willigte ein, und 2007 begann die Entwicklung von Insanely Twisted Shadow Planet. Vier Jahre später ist das beeindruckende Ergebnis im Summer of Arcade der Xbox 360 zu erleben - Seite an Seite mit ebenfalls lohnenden Titeln wie "Bastion" oder "From Dust".

Vom ersten Moment an verlässt sich "Insanely Twisted Shadow Planet" (ITSP) ganz auf die Kraft seiner Bilder. Ganz ohne Erzählstimme oder Begleittext schildert der Vorspann das Unheil, das über ein entlegene Ecke des Weltalls hereinbricht: Eine mysteriöse schwarze Masse stürzt in die Sonne und verseucht die angrenzenden Himmelskörper, so auch den Heimatplaneten eines Aliens, dessen Rolle der Spieler nun übernimmt. Mit seinem Fünfziger-Jahre-Ufo fliegt der Außerirdische los, um der feindlichen Macht Saures zu geben, und stößt dabei immer tiefer in die mutierten Schichten des Planeten vor. Spielerisch greift ITSP das Metroid-Prinzip auf, das ausgiebiges Erkunden mit Rätsel- und Schießeinlagen kombiniert. In den weitläufigen 2D-Labyrinthen tun sich immer neue Seitenarme auf, die Schätze und Waffen-Upgrades, aber auch eine Menge unangenehmer Gegner bergen.

Mit seiner Animationskunst gelingt Gagné dabei etwas Außerordentliches: Er gibt dem gefahrvoll Fremden eine Form. Die bizarre Scherenschnittwelt von ITSP hat etwas latent Bedrohliches, weil sie den Spieler immer wieder vor Entschlüsselungsaufgaben stellt: Ist das eine Pflanze, die da aus dem Boden wächst, oder der Tentakel eines riesigen Monsters? Sind das tödliche Stacheln, die da aus der Decke ragen, oder doch nur kunstvolle Verzierung? Dem Spieler geht es bei seinen Erkundungsflügen ein bisschen wie den ersten Urwaldforschern, die sich mit einer Überfülle mehrdeutiger Zeichen konfrontiert waren: Alles kann gefährlich oder harmlos sein - vielleicht reicht es auch schon, sich von einer vermeintlichen Gefahr ablenken zu lassen, um die eigentliche Katastrophe heraufzubeschwören.

In seiner beunruhigenden Ambivalenz ähnelt ITSP mehr dem düsteren Jump’n’Run Limbo als dem Höhlenabenteuer PixelJunk Shooter, das auf chemisch-physikalische Kettenreaktionen baut. Zu den eindrucksvollsten Momenten in ITSP gehört, wenn die Kamera herauszoomt und den Blick auf eine majestätische Kaverne freigibt, in der es von fremdartigen Lebensformen nur so wimmelt: Selten hat man sich in einem Spiel derart exponiert gefühlt. Die unheilvolle Atmosphäre, die auf dem überwucherten Planeten herrscht, wird durch die sparsam gesetzten Soundeffekte noch unterstrichen.

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Wer in dieser rätselhaften Welt überleben will, muss sie entschlüsseln. Das erste Hilfsmittel, das der Spieler an die Hand bekommt, ist denn auch keine Waffe, sondern ein Scanner: Feinde, Fallen und Hindernisse lassen sich so auf mögliche Schwachstellen untersuchen. Die passenden Werkzeuge findet man im Lauf des Spiels: Zum Beispiel einen Greifarm, der wahlweise Gewichte positioniert oder Gegner packt, eine Kreissäge, mit der sich das Ufo durch Gesteinsschichten fräst - oder auch ein Traktorstrahl, der Gegenstände auch durch Felswände hindurch bewegt.

Die Aufgaben können recht knifflig werden: So gilt es, eine Rakete durch einen schmalen, verwinkelten Gang zu lenken, um an dessen Ende einen Türöffnermechanismus zu betätigen. Die Odyssee durch verschiedene Planetenzonen erfordert vom Spieler immer wieder neue Lösungsstrategien: Standard-Geschosse, die fliegende Aliens zuverlässig ausschalten, besitzen unter Wasser nur einen Bruchteil ihrer Reichweite; in der Eiswelt erweist sich der Kristall-Laser als besonders wirkungsvoll, weil die Höhlenwände ihn dort reflektieren. Viele Rätsel lassen sich auf unterschiedliche Weise lösen, was den Reiz des Spiels noch erhöht. Dem Xbox-Controller können maximal vier Shortcuts zugewiesen werden, alle anderen Waffen und Werkzeuge muss der Spieler über ein Menü ansteuern - in unübersichtlichen Bosskämpfen erweist sich diese Lösung als etwas zu umständlich.

Der größte Nachteil von ITSP ist seine Kürze: Schon nach rund sechs Stunden Spielzeit ist das Ende der Kampagne erreicht. Der Multiplayer-Modus ist mehr eine nette Ergänzung als ein vollwertiges Feature: Beim "Lantern Run" fliegen vier Spieler mit Laternen durch zufalllsgenerierte Höhlen und versuchen, einem Tentakelmonster zu entkommen. Für die kommenden Monate haben Gagné und Olson herunterladbare Zusatzinhalte angekündigt, ein Release-Termin steht aber noch nicht fest. Dass PC-Besitzer dereinst in den Genuss dieses großartigen Spiels kommen werden, ist keineswegs ausgeschlossen: Immerhin hat es auch "Limbo" mit einiger Verspätung auf Steam geschafft.

(Achim Fehrenbach)

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