Rekrutierung für den Krieg?

Bilder vom Krieg und Terror im Internet: iFilm hat die Rubrik "Warzone" eingerichtet, Beliebigkeit ist die Devise

Der Krieg ist uns näher gerückt. Die Terroranschläge vom 11.9. hat die US-Regierung, darin gestützt von vielen Medien, als kriegerische Handlung interpretiert. Seitdem ist die Nation, wie US-Präsident Bush erst kürzlich wieder bestätigte, im Krieg: "Wir sind im Krieg". Der Krieg des Terrors und gegen den Terror findet nicht nur in den Nachrichten und Reportagen, sondern auch in den Fotos und Videos der Soldaten, Terroristen und zufällig Anwesenden statt, die sich vor allem im Web verbreiten. Gleichzeitig drängen Krieg und Terror aus der Realität auch in die Fiktion und prägen die Imagination der Menschen durch Filme und Computerspiele.

OH-58D Kiowa surveillance video

In Zeiten des Kriegs, des Terrors, der Angst und der Wut, in denen das Töten und das Zerstören zu alltäglichen Phänomenen werden, die nicht mehr nur weit entfernt stattfinden, ist an sich nicht weiter verwunderlich, dass manche Websites direkt auch aus der Vermarktung von Gewaltbildern Profite schlagen wollen. Lange bekannt ist beispielsweise die Website ogrish, die im Wettlauf mit konkurrierenden Seiten die schrecklichsten Bilder (aber auch Pornos) versammelt, um die Menschen angeblich mit der Realität zu konfrontieren.

Hier fand man Bilder der Menschen, die von den brennenden WTC-Türmen sprangen, ebenso wie das Video mit der Enthauptung des Journalisten Daniel Pearl oder die Videos von anderen Enthauptungen, die im Irak gemacht wurden. Unterschiedslos in einer Montage der Grausamkeit aneinander gehängt werden auch Fotos von zerrissenen Selbstmordattentätern, Opfer von Terroranschlägen auf der ganzen Welt oder was nur irgendwie unter das Stichwort "Terrorismus" im Stil von: "Featured: Beheading Videos" passt.

Gleichgültigkeit und Wahllosigkeit scheint auch das Prinzip der eben bei iFilm eröffneten Rubrik Warzone zu sein. Wahllos wird freilich auch bei den anderen Channels wie Music Videos, Girls, Viral Video, Video Games oder anderen Kurzfilmen alles angeboten, was nur irgendwo zu haben ist, um es dann den neugierigen Internetbenutzern kostenlos, aber mit Werbung verbunden, zu streamen. Angeblich schauen sich Besucher monatlich 30 Millionen dieser Videos an. iFilm gilt als einer der größten Websites für Online-Videos.

Warzone bietet auch einige Unterrubriken an, die aber vor allem Trailer von Kino- oder Fernsehfilmen sind: II.Weltkrieg, Vietnamkrieg und "Holy Land". "Echte" Bilder werden hingegen in "Action Iraq" angeboten, aber es kommt auch die kritische Seite mit Videos in der"Spin Zone" zur Geltung. Die New York Times hatte (See the War, After an Ad for the Army) beim Durchforsten der angebotenen Irak-Videos noch Pentagon-Werbung gesehen - auf die ich allerdings nicht gestoßen bin, hingegen aber auf Werbung von t-mobile - und fragte sich, was eigentlich Furcht erregender ist: die Videoclips der realen Gewalt selbst oder die Werbung, die man sich zuerst ansehen muss, bevor sie kommen.

Bei einem dieser Pentagon-Werbevideos regnet es beispielsweise, während ein Vater ruhig zu seinem Sohn sagt: "Du hast dich verändert, Mann … Auf dem Weg hierher hast du zwei Dinge gemacht, die du noch niemals zuvor gemacht hast, zumindest nicht gleichzeitig. Du hast mir die Hand gegeben und mir direkt in die Augen gesehen. Woher kommt das?" Es taucht das Logo der United States Army auf.

Die Videos selbst sind ganz unterschiedlicher Art. Man sieht einen Propaganda-Film der Mahdi-Miliz oder einen Angriff auf einen US-Hubschrauber, aber auch Videos von US-Soldaten, wenn sie angegriffen werden und zurückschlagen. Aus thematisch kaum nachvollziehbaren Gründen sieht man aber auch, wie die Army einen Damm sprengt oder welche Kunststücke mit einem Kampfhubschrauber ausgeführt werden können. Es gibt aber auch Videos, die "künstlerisch" sein wollen, Bilder montieren und mit Musik hinterlegen, beispielsweise der von Marines hergestellte "OIF II Marines: Another One Bites the Dust", wo es auch heißt: "Celebrating death is not the exclusive domain of beheaders and Al Jazeera."

Genauere Informationen über die Videos erhält man in diesem makabren Warzone-Potpourri nicht. Aber es gibt das "Most Pupular"-Video der Warzone, das möglicherweise doch zeigt, dass es neben der Faszination an der Gewalt, am Tod und an der unumkehrbaren Wirklichkeit noch etwas anderes gibt, das noch mehr anzuziehen scheint. Das Video trägt den Titel "OH-58D Kiowa surveillance video", ist erstaunliche neun Minuten lang und zeigt in kaum erkennbaren, verwackelten und winzigen Bildern einer Überwachungskamera, wie zwei Menschen in einem Cabriolet Sex haben. Wo das von einem Hubschrauber beobachtet wurde, ist unklar, klar ist jedoch, dass sowohl die Besatzung des Aufklärungshubschraubers als auch die Konsumenten des Videos von der Szene angezogen sind. Dass man kaum etwas sieht und mehr erraten muss, mag die Faszination noch steigern, zu der sich wohl auch das leichte Gruseln gesellt, dass man nirgendwo mehr den beobachtenden und voyeuristischen Blicken der Kameras entgehen kann. Big Brother also tatsächlich als Reality Show.

Für Sarah Boxer von der New York Times ist allerdings weniger dieser Umstand und die seltsame Mischung verwunderlich, sie denkt, dass diese Rubrik bewusst oder unbeabsichtigt nicht nur auf eine Zielgruppe zugeschnitten ist – und zitiert iFilm-Vizepräsident Roger Jackson: "60% männlich, meist zwischen 18 und 38 Jahre alt und zu 90% überwiegend nordamerikanisch" -, sondern auch einen Zweck verfolgt: "It's not just entertainment. It's a recruitment station."

Das ist vermutlich der Haltung einer Irak-Krieg-kritischen Amerikanerin verdankt, andererseits könnte man von Deutschland her gesehen auch sagen: Angebote wie Warzone sind eine Einübung in die kriegerische Wirklichkeit, sie konfrontieren mit dem, was weit entfernt zu sein scheint und doch näher rückt, aber sie laden auch die Wirklichkeit mit einer Angstlust auf, die auf der Suche nach Verwirklichung sein könnte. Insofern hätte Boxer womöglich recht, denn dann wäre es eine indirekte Rekrutierung für den Krieg, nicht aber notwendigerweise aber für das US-Militär. Solange allerdings die Videos so klein und undeutlich sind, scheint von ihnen allerdings kaum eine große Gefahr oder Verfühung ausgehen zu können, wenn nicht eben das kaum Erkennbare die Verführung zur Imagination ist. (Florian Rötzer)

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