Rendite machen mit Naturkatastrophen

Luftaufnahme der japanische Stadt Ōtsuchi in der Präfektur Iwate, am 18. März 2011, eine Woche nach dem Erdbeben. Foto: US-Navy; gemeinfrei

Eine Art Klima-Casino: Obwohl das Wetter unberechenbar ist und Experten warnen, ist die Nachfrage nach Katastrophenanleihen, sogenannten Cat-Bonds, derzeit ungewöhnlich hoch

Das Klima kann man nicht nur retten oder schützen, man kann auch damit spekulieren. Für immer mehr Anleger ist es attraktiv, am Finanzmarkt auf Wirbelstürme oder Überschwemmungen zu wetten. So eine Art Klima-Casino. Obwohl das Wetter unberechenbar ist und Experten warnen, ist die Nachfrage nach Katastrophenanleihen, sogenannten Cat-Bonds, derzeit ungewöhnlich hoch.

Alles oder nichts - das ist die Devise von risikofreudigen Menschen. Ob beim Lotto, Roulette oder Pokern, das Kribbeln vor dem Einsatz und dem "rien ne va plus" gehört für viele zum Freizeitsport. So richtig ins Schwitzen kommen die Gemüter spätestens dann, wenn es um Millionen geht. Das passierte im März 2011 den Anlegern, die in Muteki-Bonds investiert hatten, ausgegeben vom Versicherungsriesen Münchener Rück (Munich Re). Sie hatten darauf gewettet, dass es von 2008 bis 2012 in Japan keine Naturkatastrophe geben würde.

Leider gab es dann am 11. März 2011 um 14.46 Uhr Ortszeit das größte Erdbeben seit der ersten Wetteraufzeichnung des Landes, das einen Tsunami und die Unfälle in mehreren Atomreaktoren an Japans Ostküste, vor allem in Fukushima, auslöste. Ein schwarzer Tag für die Japaner und auch für die Investoren der Muteki-Bonds, sie verloren komplett ihr angelegtes Geld. Dieses ging dann direkt an die Münchener Rück, die es den lokalen Versicherungen auszahlte und damit deren Kunden entschädigte.

Der Muteki-Bond mit einem Volumen von 300 Millionen US-Dollar ist eines der größten Verlustgeschäfte in der Geschichte der Katastrophen-Anleihen, der sogenannten Cat-Bonds. Dabei handelt es sich um Risikoanlagen, die vor allem durch höhere Zinssätze und Prämien für die Anleger interessant sind. Der Anleihenkäufer spekuliert auf den Nicht-Eintritt von Naturkatastrophen wie Wirbelstürmen, Erdbeben oder Überschwemmungen.

Das Prinzip ist so einfach wie Roulette im Casino - nur eben umgekehrt: Der Anleger wettet darauf, dass es innerhalb von mehreren Monaten oder Jahren keine Naturkatastrophe in einem bestimmten Gebiet gibt. Tritt die Katastrophe ein, verliert der Anleger alle Ansprüche und auch seine Investition vollständig. Der Emittent - also der Ausgeber der Cat-Bonds - legt einen zeitlichen Rahmen und eine bestimmte Region oder Stadt fest. Allerdings müssen die Anleger nicht zwangläufig alles verlieren. Ist die Region nur teilweise betroffen oder die Katastrophe weniger schwerwiegend, kann es auch nur zu Teilverlusten kommen. Im Fall von Japan im März 2011 war die Sache allerdings ziemlich eindeutig.

Trotz Hurrikan-Saison werden Cat-Bonds stark nachgefragt

Derzeit umfasst der Markt solcher Risikoanlagen rund 22 Milliarden US-Dollar - Tendenz steigend. Pikant ist dabei, dass gerade in Zeiten von zunehmenden Extremwetterereignissen und der beginnenden Hurrikan-Saison in den USA die Nachfrage nach den Katastrophenanleihen stetig steigt.

Besonders gefragt sind "Windanleihen" in den USA, bei denen es um die Spekulation auf Wirbelstürme geht. Auch im Geschäftsbericht der Münchener Rück zeigt sich, dass im ersten Quartal 2014 ein Rekordwert an verkauften Cat-Bonds erreicht wurde.

Aus Expertenkreisen heißt es, derzeit seien die Renditeerwartungen herkömmlicher Anlagen derart niedrig, dass sich die Anleger eher relativ "sicheren" Risikoanleihen zuwenden würden. Denn mit einem durchschnittlichen Zinssatz von vier bis sechs Prozent liegen die Anlagen derzeit um das Vierfache höher als Tages- oder Festgeldanlagen. Dabei würden die Risiken bei den Cat-Bonds je nach Anlage bei 1:70 oder 1:40 stehen, je nachdem in welchem durchschnittlichen Zeitabstand die Wirbelstürme oder Erdbeben in der Region auftreten. Diese Risikoerwartung sei viel niedriger als bei anderen unkonventionellen Anlageformen wie Hedgefonds, meinen Branchenvertreter.

So zum Beispiel die VenTerra-Re-Anleihe. Sie wurde im Januar ausgegeben und läuft drei Jahre. Gewettet wird auf Zyklone in Australien und Erdbeben in den USA, das Bond-Volumen beträgt derzeit 250 Millionen US-Dollar. Als Otto Normalverbraucher kann man allerdings nicht in Cat-Bonds investieren. Das ist großen Investmentsfonds oder Pensionskassen vorbehalten.

Katastrophenanleihen werden vor allem von Rückversicherern ausgegeben, die herkömmliche Versicherungen im Fall von Milliardenschäden durch Naturkatastrophen versichern. Die Versicherer der Versicherer also. Geht es um immense Schäden durch Wirbelstürme, Hochwasser oder Erdbeben, springen die Rückversicherer ein, bei denen die herkömmlichen Versicherungen vertraglich abgesichert sind.

Doch auch die Rückversicherer können im Fall von Milliardenschäden finanziell überfordert sein und deshalb schreiben sie die Katastrophenanleihen aus, um im Schadensfall einen zusätzlichen Rückhalt zu haben. Allerdings war es eher die jüngste Finanzkrise, die den Versicherern zusetzte, glaubt man Medien- und Geschäftsberichten. Versicherungsexperten betonen zudem, dass die Cat-Bonds nur einen Bruchteil ihrer Absicherung ausmachen. Sie selbst spekulieren allerdings auch mit Cat-Bonds.

Auch wenn die Versicherer für die renditeträchtigen Anlagen kräftig werben und der Run auf die Bonds groß ist, gibt es Zweifler. Selbst der Großinvestor Warren Buffett warnte nach US-amerikanischen Medienberichten vor den Anleihen, da die Renditen aufgrund der hohen Nachfrage mittlerweile zu niedrig ausfallen würden. Er zog sich demonstrativ aus Versicherungsgeschäften in Florida zurück.

Dabei verzeichneten die Cat-Bonds-Anbieter in Florida dieses Jahr einen Rekord an verkauften Anleihen im Wert von 1,5 Milliarden US-Dollar, so die Agentur Bloomberg News. Grund sind Vorhersagen von Meteorologen, dass die derzeit beginnende Hurrikan-Saison weitaus ruhiger ausfallen könnte als in den Vorjahren.

Immer mehr Extremwetter-Opfer

Ein weiteres Beispiel ist der Rückversicherer Schweizer Rück (Swiss Re), der einen signifikanten Anstieg von Cat-Bonds verzeichnen konnte. 2013 sei ein relativ - im Vergleich zu den Jahren davor - katastrophenarmes Jahr gewesen, schätzt der Konzern. Die 26.000 Toten und 140 Milliarden US-Dollar Schäden, die zu verzeichnen waren, seien eher unterdurchschnittlich. Allerdings hätten vor allem in Europa Hagelstürme und Überschwemmungen stark zugenommen.

Insgesamt halte jedenfalls der Trend an, so die Schweizer Rück, dass immer mehr Menschen durch Extremwetterereignisse gefährdet seien. Grund dafür sei vor allem die Urbanisierung - da in Städten viele Menschen auf einmal von einer Katastrophe betroffen sind - und außergewöhnliche Wetterverhältnisse, die vor allem auf den Klimawandel zurückzuführen seien, wie im aktuellen Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC dargelegt ist. Eine ähnliche Bilanz zieht auch die Münchener Rück.

Eine Frage bleibt dabei allerdings offen: Können Investoren auch auf Katastrophen spekulieren und dann eine Ausschüttung kassieren? Darauf will bisher keiner so recht antworten. (Susanne Götze)